Zum Endspurt zeigen Salzburgs Festspiele mit Zimmermanns „Die Soldaten” eine Oper des 20. Jahrhunderts. Ingo Metzmacher dirigiert

Neben 22 Sängerinnen, Sängern, Schauspielern, Chor und Ballett verlangt die Partitur ein riesiges, mit umfangreichem Schlagwerk verstärktes Orchester, eine vierhändig zu spielende Orgel, Bühnenmusik und eine Jazz-Combo. Die Wiener Philharmonikern haben "Die Soldaten" bereits vor zwei Jahrzehnten bei den Wiener Festwochen einstudiert. Nun kommt das 1965 in Köln uraufgeführte Werk mit Österreichs Luxusklangkörper bei den Salzburger Festspielen heraus. Um die Instrumente über und um das Publikum herum zu platzieren, wünschte sich der Dirigent die Felsenreitschule für die Aufführung. Auch den lettischen Regisseur Alvis Hermanis hat er ausgesucht.

AZ: Herr Metzmacher, in der Inszenierung wirken Pferde mit. Drehen die bei Neuer Musik nicht durch?
INGO METZMACHER: Nein, das sind sieben Kaltblüter. Seit Mai hören sie die Musik, zur Vorbereitung. Auf der Bühne ist ein Stall, da sind sie drin.

Der Stall ist schallgeschützt?
Das weiß ich nicht. Aber jedes Pferd hat einen eigenen Pfleger, der sich um sie kümmert. Wir haben gerade mit ihnen geprobt, da gibt es keine Probleme.

Braucht man Pferde, um die Aussage dieses Werks zu erzählen?
Alvis Hermanis erzählt die Handlung in der Ästhetik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wir wollten den Antimilitarismus der 1960er in der letzten Szene vermeiden. Wir lassen auch die von Zimmermann vorgeschriebenen Tonbänder und Filmeinspielungen weg.

Was schade ist, denn bei jungen Komponisten ist das Multimediale wieder gefragt.
Damals aber hatte das noch eine größere revolutionäre Kraft. Ob die jungen Komponisten heute mit der Multimedialität wieder anders umgehen, ist eine andere Frage. Ich war stets skeptisch gegenüber Zugängen, die die hohe Komplexität der Musik auch ins Szenische übertragen oder mit der Technik noch toppen.

Gibt es eine Inszenierung der Oper, die Ihnen besonders gefallen hat?
In bester Erinnerung habe ich eine Aufführung im Jahr 1980 an der Frankfurter Oper, durch die ich Zimmermanns „Die Soldaten” erst richtig kennen gelernt habe – dirigiert von Michael Gielen und inszeniert von Alfred Kirchner in einem Einheitsbühnenbild. Die Geschichte wurde einfach erzählt. Daran haben wir uns orientiert. Wir wollten die Handlung auf das fokussieren, was sie stark macht.

Und was ist das?
Ihre Zeitlosigkeit. Alle leiden hier an der Situation, in der sie sind – die Zivilisten unter mangelnder Liebe, die Soldaten unter Entzug und Krieg. Um sich zu erholen, ziehen sie sich in ein Winterlager zurück. Dort in Lille treffen sie auf eine bürgerliche Gesellschaft: beide Kräfte prallen aufeinander, das Drama entsteht. Wir erzählen nackt, wie Menschen sind.

Kriege gibt’s noch immer. Ist das Politische nicht aktuell?
Jakob Lenz’ Vorlage von 1774 gibt das nicht her. Bis auf die Finalszene erzählt Zimmermann sie so, wie sie ist. Plötzlich taucht Zimmermanns eigene Kriegserfahrung auf – mit militärischen Kommandos, Panzern und Atompilzen. Das kann man nur aus der Zeit heraus begreifen.

Weil derzeit die Opernbühne Angst vor dem Heute hat?
Ich kann Ihnen versprechen: das wird stark. Vielleicht wird das die Menschen mehr beschäftigen als Aktualität.

Muss man den „Soldaten” die Zähne ziehen, um sie auf einem Glamour-Festival wie Salzburg zeigen zu können?
Nein, aber schauen Sie sich das erst an. Ich bin froh, dass das Werk nun in Salzburg zu sehen ist. Intendant Alexander Pereira hatte mich gefragt, was er in seinem ersten Salzburger Jahr bringen sollte. Ich habe diese Oper empfohlen – weil sie für mich die stärkste ist nach 1945.

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Premiere heute, 18 Uhr. Weitere Termine 22. (20.30 Uhr), 24., 26. (19 Uhr) und 28. 8. (20.30 Uhr), Karten unter Tel. 0043/662/8045500 und www.salzburgfestival.at