Salzburger Festspiele Eine gehörlose Darstellerin in Beethovens "Fidelio"

Nadia Kichler als Schatten mit der Sopranistin Adrianne Pieczonka (Leonore) in Beethovens „Fidelio“. Foto: Monika Rittershaus

Wie man mit den Händen singt: Die von Geburt an taube Nadia Kichler über ihre Rolle in Beethovens "Fidelio" bei den Salzburger Festspielen

Sie hat als Schatten Leonores das erste und das letzte Wort in Claus Guths Inszenierung. Aber in Gesten und Gebärden. ORF 2 überträgt am 13. August eine Aufzeichnung der Aufführung von Beethovens „Fidelio“, die Anfang August im Großen Festspielhaus unter der musikalischen Leitung von Franz Welser-Möst als zweite Opernpremiere der Salzburger Festspiele herauskam. Das Interview mit der seit ihrer Geburt gehörlosen Darstellerin wurde per Mail geführt.

AZ: Frau Kichler, was macht Leonores Schatten in der Inszenierung von Claus Guth?

NADIA KICHLER: Leonore hat sich als Mann verkleidet, um ihren Gatten aus dem Gefängnis zu befreien. Ihr Schatten spiegelt die wahre weibliche Person. Sie zeigt, was sie empfindet und welche Hoffnungen sie in sich trägt. Auch steht Leonores Schatten Fidelio zur Unterstützung zur Seite.

Sprechen Sie mit Ihren Gesten einen bestimmten Text, den Gehörlose verstehen würden?

Meine Gebärden sind österreichisch, was von gebärdensprachkompetenten Leuten in Österreich natürlich verstanden wird. Jedoch ist der Inhalt für die Umsetzung auf Gebärden speziell, weil der von den Sängern gesungene Text und Beethovens Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ ziemlich kompliziert sind.

Wann gebärden Sie denn diesen berühmten Brief?

Zum Marsch Nr. 6, vor der Arie des Pizarro.

Was sagen Sie denn am Ende des ersten Akts, unmittelbar vor der Pause?

Am Ende des ersten Akts gebärde ich den kurzgefassten Text Marzellines „Wie eilten sie zum Sonnenlicht“ und Leonores „Angst rinnt durch meine Glieder“.

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Und Sie haben sozusagen das letzte Wort der Aufführung.

Da gebärde ich dramatisch „Nie wird es zu hoch besungen, Retterin des Gatten sein!“ aus Florestans gesungenem Text. Außerdem Leonores „Liebe führte mein Bestreben, wahre Liebe fürchtet nicht”.

Wie haben Sie den Regisseur Claus Guth kennengelernt?

Durch meine Auftritte im Wiener Theater Odeon wurde ich ihm empfohlen. Ich habe dann 2009 in der szenischen Aufführung von Händels Oratorium „Messiah“ im Theater an der Wien mitgewirkt.

Wie nehmen Sie als Gehörlose Beethovens Musik wahr?

Ich nehme die Musik auf eine ganz andere Art und Weise wahr, ob die Musik von Beethoven ist, spielt keine Rolle bei mir. Ich sehe die Musik mit meinen Augen, außerdem spiele ich wie im Theater so auch in einer Oper.

Was sehen Sie, wenn Sie Musik wahrnehmen?

Ich weiss nicht, wie Sie Musik hören. Ich nehme Musik durch die Dinge, die sich bewegen, wahr. Ich kann glücklich tanzen, wenn die Musik traurig ist, oder tanze melancholisch zu lebhafter Musik.

Ist das nicht hart am Kitsch, wenn Sie als Gerhörlose in der Oper des ertaubten Beethoven auftreten?

Ich finde die Frage eher kitschig: Ich als Gehörlose trete nicht wegen des ertaubten Beethovens auf. Es gibt viele Gehörlose und Schwerhörige, die Opern anschauen. Auch im Theater. Oft sind die Plätze in der vordersten Reihe für die Schwerhörigen reserviert.

Wie erlernt man die Gebärdensprache?

Wer taub geboren ist, der schaut immer auf Signale der Körpersprache, das führt automatisch zur Gebärdensprache.

Wie haben Sie Ihre Leidenschaft für Theater entdeckt?

Ich habe viele Aktivitäten ausgeübt, die natürlich auch den Tanzsport betreffen. HipHop, Salsa, Yoga, Zirkus, Kontaktimprovisation, Boxen. Auf diese Weise bin ich über das Tanzen zum Theaterspielen gekommen und tanze noch immer.

Trägt Ihr Auftritt in „Fidelio“ bei der gesellschaftlichen Akzeptanz von Gebärdensprache bei, die bei uns längst nicht so selbstverständlich ist wie etwa in den USA?

Ich möchte das nicht mit den USA vergleichen, weil sie eine andere Geschichte hat. Im Norden Europas ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Gebärdensprache sehr hoch. In Schweden habe ich studiert, weil dort die Gebärdensprache selbstverständlich ist und ich an meine Gehörlosigkeit nicht mehr erinnert werde. In den restlichen Ländern Europas muss man immer noch kämpfen, vor allem um die Gebärdensprache sowie um die gehörlose Kultur. Das System einer Bildung beziehungsweise der Informationszugang ist das Entscheidende! Robert Braunmüller

Zeitversetzte Übertragung in ORF 2 und Classica Live am Freitag, 13.08., 20.15 Uhr; 3sat zeigt am 23.8. um 20.15 Uhr eine Aufzeichnung

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