Salzburg: Stefan Herheim inszeniert Wagners „Meistersinger von Nürnberg” als märchenhaft charmantes Kopftheater im Großen Festspielhaus

Schön blöd, dieser Sachs, wird sich Mörtel Lugner gedacht haben. Wenn der Wiener Bauunternehmer in der Vorstellung überhaupt etwas gedacht hat. Und nicht nur nach Salzburg gekommen ist, um sein Mausi-Katzi-Hasi – das wievielte eigentlich? – mit dem Grinsen des millionenpotenten Besitzers ins Blitzlicht zu stellen. Sehr hübsch hat die Kolibri genannte Dame dann in den „Meistersinger”-Pausen posiert. Fast so anschmiegsam wie die ebenfalls blutjunge Dani im Arm von Festspielintendant Alexander Pereira.

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Aber Leben und Bühne sind bekanntlichzwei Paar Stiefel, Parallelen zu ziehen, ein eher lästiger Akt. Sachs jedenfalls vergreift sich nur in einer Traumsequenz an Eva, die dem in die Jahre gekommenen Nachbarn durchaus gewogen ist, und blickt dann doch souverän der Realität ins Auge – bei allem Wahn, der ihn gewaltig durchschüttelt in Stefan Herheims Regie.
Der inszeniert das mit fatalem Rezeptionsballast verbleite Stück aus der Perspektive des dichtenden Handwerkers und pendelt zwischen biedermeierlicher Bürgerlichkeit und absurdem Märchenschwank, dezentem Vormärz-Dunst und Shakespeares Sommernachtstraum.

Sachs, ein bildungshungriger Melancholiker

Herheim und sein Team entwickeln dabei sämtliche Szenen aus der Schusterstube. Wenn Sachs’ Kopftheater in Gang kommt, werden Schreibkommode, Regale oder Vitrinenschränke (Bühne: Heike Scheele ) zum Schauplatz dieser Hirngespinste. Nürnbergs Bürger wuseln wie die Mainzelmännchen neben überdimensionalen Büchern und monströsen Blumenvasen, fein kostümiert, als seien sie mal eben den Bildern von Spitzweg, Schadow oder Schwind entsprungen (Kostüme: Gesine Völlm).

Das gibt diesen „Meistersingern” etwas harmlos Naives – Herheim mag seine Puppentheatervergangenheit kaum verhelen –, richtet den Fokus aber auch auf die einzelnen Charaktere. Hans Sachs ist ein bildungshungriger Melancholiker, der die Enttäuschungen des Lebens durch Schönheit und Humor kompensiert. So einer schustert zwischen Büchern und Büsten deutscher Kulturheroen wie Goethe, Beethoven – und natürlich Wagner. Seinem Idol Schopenhauer setzt er den Lorbeerkranz auf. Doch in Michael Volles polternder Vitalität wird dieser Poet auch zum zupackenden Zeitgenossen, der manchmal die (Regie-)Bremse bräuchte. Indes singt Volle diesen Sachs so umwerfend, ist so ungemein präsent und fesselnd – etwa im Fliedermonolog –, dass sich seine Mitstreiter mächtig ranhalten müssen.

Aus dem Graben kommt meistens Grobes

Zumal Daniele Gatti im Graben wie von der Tarantel gestochen an den Tempo- und Phonreglern dreht. Das führt viel zu oft und besonders im Vorspiel zu erstaunlichen Grobheiten, von denen die Wiener Philharmoniker sonst meilenweit entfernt sind. Mit leidlicher Präzision geht’s spielmannszugzackig durch die Partitur. Nicht nur auf der Festwiese wird der Tross dann aber wieder so tranig, dass Roberto Saccà beim Preislied im Dörrautomaten schmachtet.

Dieser lyrische Stolzing ist ein ordentlicher Stimmwerker vor dem Herrn, den jugendlichen Heißsporn nimmt man ihm allerdings nicht ab. Dafür gibt’s neben dem Donner-Chor eine formidabel besetzte Handwerkerschaft. Das geht los mit Georg Zeppenfeld, der endlich kein Austragsstüberl-Pogner ist, Peter Sonn überzeugt als wohltönend pointierter David, und Markus Werba ist als Beckmesser fast zu attraktiv. Hätte er das richtige Lied auf den Lippen, die leider dünnfadig blasse Eva der in München als Gutrune so erfreulichen Anna Gabler hätte womöglich die Qual der Wahl.

Stefan Herheim hat solche Optionen immer wieder in seine detaillierte Personenregie gewoben, sich zuweilen auch ein wenig verpuzzelt in der Pressblumenidylle über den Abgründen dieser bürgerlichen Welt. Sieht man von der Verdunklung der Bühne beim deutschtümelnden Schlussmonolog des Sachs einmal ab, kommt Hitlers Lieblingsoper hier ohne NS- und Unheilsandeutungen daher. Das mag manchem zu arglos geraten sein, vor allem im Spielzeugreigen der Festwiese. Dafür öffnet Herheim ein fantasievoll amüsantes Wunderhorn. Und vielleicht haben wir – tabubedingt – auch einfach verlernt, im Scherz Tiefe zu finden und den Opern-Problemkandidaten Wagner in Witz, Ironie, und Anspielung zu goutieren.

Wieder am 9., 12., 20., 24. und 27. August 2013, Restkarten unter Tel.0043-662-8045500

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