Salzburger Festspiele Beethovens "Fidelio" als Neurosenkavalier

In der Schlussszene singt der Chor unsichtbar aus dem Proszenium. Foto: Barbara Gindl

Salzburger Festspiele: Beethovens „Fidelio“, aufregend dirigiert von Franz Welser-Möst und eher fad inszeniert von Claus Guth

Uns geht’s doch gut. Wir leben in riesigen Altbauwohnungen, weil wir uns das leisten können. Politische Gefangene werden vielleicht in Guantanamo oder Nordkorea gehalten. Aber das ist weit weg. Vor lauter Frieden fällt uns die Decke auf den Kopf. Neurosen und Depressionen sind die Folge. Aber wirklich schlimm ist das nicht.

Das ist die saturierte Welt, in der Besucher der Salzburger Festspiele leben. Auch der Regisseur Claus Guth und sein Bühnenbild-Zwilling Christian Schmidt haben sich in solchen bürgerlichen Zimmern wohnlich eingerichtet. Auf dem Theaterzettel mögen Glucks „Iphigenie“, Wagners „Holländer“ oder Verdis „Luisa Miller“ stehen. Doch bei Guth und Schmidt wird immer nur der „Neurosenkavalier“ gespielt. Auch diesmal, bei „Fidelio“ im Salzburger Großen Festspielhaus.

Für Beethovens menschheitsbeglückenden Überschwang haben Guth und Schmidt ein müdes Lächeln übrig. Aber sie sind auch zu abgeklärt, um wie einst Martin Kusej in Stuttgart ihre Kritik radikal zu Ende zu denken. Daher privatisieren das Politische: Nicht Florestan sitzt im Kerker seines Salons. Sondern wir alle sind Gefangene unserer Wünsche und Obsessionen.

Der Dirigent Franz Welser-Möst ist ähnlich konsequent wie Guth. Nur in völlig entgegengesetzter Richtung. Sein Beethoven ist glühend und hitzig, aber gebändigt durch das klassische Maß und ohne Härten. Der immer etwas unterschätzte Österreicher hat intensiv an den Übergängen und Details gefeilt. Für diese gediegene, im besten Sinn kapellmeisterliche Deutung hat er das ideale Orchester: die warm, seidig und herzlich spielenden Wiener Philharmoniker.

Filme aus dem letzten Jahrtausend pulvern Regiekunstgewerbe auf

Höhepunkt der Aufführung ist die vor dem Finale bei geschlossenem Vorhang gespielte, emphatisch gesteigerte Leonoren-Ouvertüre Nr. 3. Dann hängt ein Lüster im Altbau. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor singt aus dem Off. Die Regie diskreditiert billig den Minister (Sebastian Holecek). Florestan torkelt als seelisches Wrack über die Bühne. Alle sind fertig, nur das Leonoren-Double spricht emphatisch in Gebärden zum Publikum.

Es ist das übliche Unbehagen an diesem Finale in den üblichen Bildern. Davor ringt Pizarro als Klon von Agent Brown und Agent Jones aus „Matrix“ ein bißchen mit sich selbst. Die anderen Figuren dreht der Monolith aus Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ auf die Bühne.

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Filme aus dem letzten Jahrtausend, die blutleeres Regiekunstgewerbe aufpulvern. Die gesprochenen Dialoge dieser Oper sind gewiss nicht von Rilke. Ihre historische Patina ist einem ans Herz gewachsen. Man könnte sie einfühlsam kürzen. Aber die Einspielung von ein wenig Wummern, Klirren und Rauschen zwischen den Musiknummern ist natürlich bequemer für den internationalen Starbetrieb.

Guth zerstört damit das Melodram der Kerkerszene, in der gesprochene Worte vom Orchester untermalt werden. Davon bleibt nur eine Ruine. Und auch sonst bringt es wenig: Ohne Dialoge werden die Figuren zu bloßen Archetypen.

Eine exzellente Besetzung

Das funktioniert bei Leonore, Florestan und Rocco, weil die Sänger hier musikalisch für eine Feinzeichnung sorgen. Etwa Adrianne Pieczonka, die mit stählerner Kraft und Beweglichkeit die übermenschliche Anstrengung Leonores fühlbar macht und auch schier Unsingbares mit Leichtigkeit meistert. Ihr tut es der als Florestan derzeit unerreichte Jonas Kaufmann gleich. Sein Kraftgesang widerspricht allerdings der szenischen Deutung der Figur als Psycho-Wrack.

Hans-Peter König macht aus dem Rocco einen bürgerlichen, geldzählenden Patriarchen samt ein paar Flecken am Charakter. Mit seinem warmen Bass ist der würdige Nachfolger des unvergessenen Kurt Moll. Die anderen sind blasser. Tomas Koniezcny singt den Pizarro mit einer für das Große Festspielhaus zu kleinen Stimme - immer hart am Anschlag und deshalb so eng wie farbenarm.

Darunter leidet das Quartett im zweiten Akt. Olga Bezsmertna ist fast schon zu dramatisch für die Marzelline, Norbert Ernsts Jacquino reduziert die Regie auf den üblichen dumpfen Bürospießer. Trotzdem: Besser lässt sich Beethovens „Fidelio“ derzeit wohl kaum besetzen. Und auch die Wiener Philharmoniker machen die Aufführung zum Erlebnis.

Bitte lüften!

Bestimmte Ansätze der Inszenierung sind interessant, etwa die Dopplung der Leonore durch die intensive, berühend emphatische Pantomimin Nadia Kichler. Aber kaum denkt sie an Florestan, wird für Denkfaule schon Jonas Kaufmann riesig auf die Wand projiziert.

Ärgerlich ist die Vorhersehbarkeit und die Anhäufung von Klischees. Es wird Zeit, dass Guth und Schmidt ihre Altbauwohnungen mal entrümpeln und durchlüften.

Alle Vorstellungen ausverkauft. ORF 2 und Classica senden am 13. 8. um 20.15 Uhr, 3sat am 22. 8. eine Aufzeichnung. Die Premiere als Web-Concert bei BR Klassik nachzuhören

 

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