„Ausnahmezustand“: Navid Kermanis Reisen zu den Krisengebieten im Mittleren Osten

Der Autor bleibt normalerweise gelassen. Aber angesichts seiner Beobachtungen am Checkpoint von Gaza, wo Palästinenser „wie Schweine rennend durch die Schleusen geschickt werden“, kocht ihm lange nach seiner Rückkehr beim Schreiben die kalte Wut hoch, weil ihn ein israelischer Soldat gefragt hat, was er hier wolle und ob er vielleicht Tierarzt sei.

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Eigentlich wollte Navid Kermani diese Geschichte gar nicht erwähnen, „Ich weiß genau, welchem Ressentiment sie in Deutschland in die Hände spielt.“ Aber er fand sie notwendig, um sein Verbitterung über die israelische Politik zu erklären, die den Islamisten in die Hände spielt und das säkulare palästinensische Bürgertum zerstört. „Die Opfer-Geschichten, die jedem Gesprächspartner auf dem Herzem brennen, ersticken jede Diskussion und jeden Versuch, Verständnis zu wecken für die andere Seite“, schreibt Kermani mit Blick auf die Palästinenser. Aber es träfe genauso auf die Israelis zu.

In seinem neuen Buch „Ausnahmezustand“ zieht Kermani den Leser tief hinein in die Lebenswirklichkeit der Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten. Der 1967 in Siegen geborene Deutsch-Iraner kommt den Menschen nahe, weil ihn keine Sprachbarriere trennt. Dem Leser bringt er seine Erlebnisse nahe, weil er poetischer als ein Journalist schreibt und vorschnelle Urteile vermeidet.
In Syrien beschreibt er mutmaßliche Greueltaten einer Geheimarmee des Regimes. Am Grab eines Sufi-Mystikers trifft er einen Syrer, der vom Iran begeistert ist, weil dieser Baschar al-Assad unterstützt. Kermani erzählt ihm, dass Sufis im Iran verfolgt werden. „Der junge Mann kann es einfach nicht glauben, so wenig er mir andererseits zu misstrauen scheint: Er nimmt den syrischen Staat als Bollwerk gegen den Islamismus wahr, der den Sufismus bedroht, und nun hört er, dass ausgerechnet der engste Partner, ja, die Schutzmacht dieses Staates, die eigenen Sufis ermordet.“

Den mystischen Formen des Islam, denen er auch in Pakistan begegnet, gehört die Liebe des Autors wie jede kulturelle Vielfalt. Das Buch endet mit einer Reportage über Lampedusa. Da haben erst zwei Provinzpolitiker ihren buffonesken Auftritt. Dann siegt am Ende doch die Humanität. Der Kapitän eines französischen Kriegsschiffs, der eben afrikanische Bootsflüchtlinge aus einem Gewittersturm gerettet hat, lässt durchblicken, dass ihm eine bestimmte Sorte militärischer Befehle „scheißegal“ sind, wenn ein Holzboot mit 65 Menschen vor ihm auftaucht.

Navid Kermani: „Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt“ (C. H. Beck, 254 Seiten, 19.95 Euro)