Tulcea - Dem flüchtigen Besucher erschließt sich das Donaudelta, das zum Unesco-Weltnaturerbe gehört, nicht. Die wilden Wasserstraßen, die raschelnden Schilfflächen, die majestätischen Pelikane, die Dörfer mit den bunten Häusern, die nur vom Wasser aus zugänglich sind: Diese verborgene Welt zeigt sich nur dem Reisenden, der etwas Zeit mitbringt. Baumkronen schließen sich über schmalen Kanälen zum Schattendach, am Ufer grasen Pferde, auf dem Wasser schwimmen Seerosen. Frösche sonnen sich auf Blättern und fallen mit einem leisen Platsch zurück ins Nass, Fische schwimmen unter Touristenbooten durch, Sanddünen, schwimmende Inseln und dichte Wälder bereichern dieses außergewöhnliche Ökosystem. Doch der Blick der Reisenden folgt dem Fiepen, Zwitschern und Schreien im Geäst: Elegante Kormorane, Silber- und Seidenreiher, Löffler, Ibisse und Störche füllen Himmel und Erde mit Leben. Im Herbst kommen die Zugvögel, unter anderem 95 Prozent des Weltbestands an Rothalsgänsen. Die Könige des Deltas sind aber die Pelikane: Mehr als 7000 Rosapelikane und 700 Krauskopfpelikane findet man im Delta - 33 Prozent des weltweiten Bestands.

Mit etwas Glück flattert einem eine ganze Pelikan-Kolonie vor die Kameralinse. In der Stille eines Sees tauchen sie plötzlich auf im Abendlicht, weiß leuchtend, riesig groß. Der Bootsführer macht den Motor aus, paddelt ein kleines Stück heran. So leise wie möglich zücken die Touristen ihre Kameras und knipsen, bis sich die mächtigen Vögel, deren Flügelspannweite drei Meter und mehr erreichen kann, geordnet zum Flug aufreihen und ihre schweren Leiber in die Lüfte stemmen. Das schönste Schauspiel führen Pelikane auf: Sie bilden einen Kreis und schlagen mit den Flügeln aufs Wasser, bis die Fische ihnen in die gewaltigen Schnäbel schwimmen.

Nur knapp 15.000 Menschen leben in dieser Landschaft

Rund 320 Vogelarten und 70 Fischarten bewohnen das Delta, das mit seinen 580 000 Hektar das zweitgrößte in Europa ist (nach dem Wolgadelta). An den grünen Ufern dieser reich bestückten Arche Noah leben Nerze, Hermeline, Füchse, Ottern, Marder, Wildschweine. Noch ein Superlativ hat das Delta zu bieten: die größte zusammenhängende Schilffläche der Welt. Delta-Schilf ist für Bau und Garten ein begehrter Exportartikel.

Nur knapp 15 000 Menschen leben in dieser Landschaft aus viel Wasser und wenig Land, und zwar von Fischfang, Viehzucht, ein bisschen Ackerbau. Tourismuseinnahmen kommen dazu. Größere Arbeitgeber, wie die Fischfabrik und die Werft der Hafenstadt Sulina, haben dichtgemacht. Doch die Zeit ist auch im Delta nicht stehen geblieben. Neureiche aus anderen Landesteilen haben sich eingekauft und die vielen neuen Hotels und Pensionen überbieten sich mit Klimaanlagen, Flachbild-TV und Swimmingpools. Viele Wirte setzen aber wieder verstärkt auf Reet und Holz, auf die gute alte Zeit eben.

Und wo sind die traditionellen Dorfhäuser geblieben mit ihren Reetdächern und dem Anstrich in Delta-Blau? Die Fischer lächeln amüsiert über solche Touristenfragen: „Reetdächer gibt’s noch, aber es werden immer weniger, wir wohnen jetzt modern.“ Heißt: Kunststofffenster, Fliesenböden, Popmusik aus Lautsprechern. Der Hausrat wird per Fähre oder Boot in jene Dörfer transportiert, die nur vom Wasser aus zu erreichen sind.

Chilia, Sulina und Sfântu Gheorghe sind nur die „Zubringerstraßen“

Auch Motorboote erobern die Wasserstraßen. So brettert der Besitzer eines teuren Touristen-Motorboots laut über die Wellen. Haaalt, so haben wir uns das nicht vorgestellt, wir sind doch hier nicht auf der Autobahn, sondern im Biosphärenreservat, möchte man rufen - und weiß, dass man sein Boot samt Führer mit Bedacht auswählen muss.

Überhaupt: Wie reist man im Delta? Hauptregel: Die drei großen Donau-Hauptarme Chilia, Sulina und Sfântu Gheorghe sind nur die „Zubringerstraßen“, das eigentliche Delta sind die schmalen, mäandernden Kanäle, die davon abzweigen. Die Hafenstadt Tulcea ist zwar ein etwas hässliches Entlein, doch von der aufgehübschten Promenade aus starten die Fähren ins Delta. Will man mitten im Delta wohnen, kann man das in den Pensionen jener Fischerdörfer, die nur vom Wasser aus erreichbar sind wie Mila 23. Auf einem schmalen Landstreifen schmiegen sich dort wenige Häuserreihen aneinander, Schilfzäune säumen die Grundstücke, dazwischen schmale Pfade. Alternativ wohnt man auf einem Hausboot.

Mit dem Auto fährt man in die Dörfer des Sfântu-Gheorge-Donauarms: Mahmudia und Murighiol. Das letzte Dorf dieses Donauarms, das malerische Sfântu Gheorghe, bietet auch weißen breiten Sandstrand. Auf der einen Seite das Delta, auf der anderen das Meer. Was will man mehr?