Robert Menasse Der Roman "Die Hauptstadt" - die AZ-Kritik

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse. Foto: dpa

Fehlt nur noch die Gurkenkrümmüng: Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ spielt im Milieu der EU-Bürokratie

Wer Menschen von rechts, links und der Mitte in gemeinsamer Abneigung zusammenbringen will, schimpft am besten auf die Eurokraten in Brüssel. Die mag keiner – weder im Bierzelt, noch in der Kantine oder im Salon. Und man muss nicht wissen, dass die Berliner und Hamburger Verwaltung mehr Leute beschäftigt als die Zentrale der Europäischen Union. Vorurteile reichen.

Auch der österreichische Schriftsteller Robert Menasse tutet in „Die Hauptstadt“ auf dieser Tröte, obwohl er dem Vernehmen nach selbst in Brüssel recherchiert hat. Die Eurokraten sind in seinem Roman vor allem mit sich selbst beschäftigt: Sie intrigieren, pflegen ihre Nationalismen und rauchen gemeinsam in einen Büro, dessen Rauchmelder abgeklebt wurde, weil sich die Pharisäer nicht an ihre eigenen Vorschriften halten. Fehlt eigentlich nur noch die Gurkenkrümmung.

Wohlmeinende Leser haben Menasses Buch bereits mit dem „Mann ohne Eigenschaften“ verglichen. An die Stelle von Robert Musils „Parallelaktion“, der Feier zum 70-jährigen Thronjubiläum Franz Josephs, tritt in „Die Hauptstadt“ das „Big Jubilee Project“, mit dem aus Anlass eines runden Geburtstags das Image der EU-Kommission verbessert werden soll. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem Klassiker und seinem Abklatsch.

Ränke und Launen

Menasses Roman schneidet mehrere Handlungsstränge und Biografien gegeneinander: Die Ränke und Launen der EU-Bürokraten, heimliche Ermittlungen eines belgischen Kriminalbeamten mit Blähbauch, Aktivitäten eines emeritierten Ökonomie-Professors in einem machtlosen Quasselausschuss. Und noch ein paar Figuren mehr. Vieles ist klischeegesättigt, – wie die ständig zu laut sprechende Chefin eines Altersheims. Anderes ist bewegend, wie die die Flucht- und Haftgeschichte des Auschwitz-Überlebenden David de Vriend.

Die weibliche Hauptfigur amtiert als Chefin des Kulturressorts, obwohl ihr die Kultur egal ist. Hier, so hört man, kultiviert Menasse eine bereits in seinem „Europäischen Landboten“ begonnene Privatrache an einer echten Eurokratin. Realitätsgesättigter wirken die Beobachtungen aus der agrarindustriellen Schweinemast, wo sich die zerstrittenen kleineren Länder von Deutschland austricksen lassen, das mit China ein eigenes Handelsabkommen abschließt.

Beim polnischen Auftragskiller, der im Auftrag einer Achse zwischen dem Vatikan und den westlichen Geheimdiensten unterwegs ist, überschreitet der Roman die Grenze zur Räuberpistole. Aber die Verfolgungsjagd ist immerhin interessanter wie die Schilderungen wein- und bierseliger Restaurantmahlzeiten der EU-Metropole und anderswo.

Deutlicher werden

Hauptstrang bleibt das „Big Jubilee Projekt“. Der blasse österreichische Beamte Martin Susman möchte KZ-Überlebende nach Auschwitz einladen, weil die EU aus dem Geist des „Nie wieder!“ gegründet wurde. Das wird natürlich hintertrieben. Es trifft sich als Parallelaktion aber mit dem Projekt des Ökonomie-Professors, der den Neubau einer europäischen Hauptstadt im ehemaligen Vernichtungslager vorschlägt.

Die Idee eines postnationalen Europa ohne Grenzen mit gemeinsamem Haushalt, das Menasse früher mit flammenden Essays verteidigt hat, vertritt in diesem Roman ein Querulant. Er fällt am Ende – wie die anderen Figuren – mit Theaterdonner einem Anschlag zum Opfer. Das hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Glaubt Menasse ans Ende der europäischen Idee durch islamistischen Terror? Da hätte er deutlicher werden müssen, als ein paar Witze über Schweine zu machen.

So wirkt „Die Hauptstadt“ wurstig und altherrenhaft, nicht nur in den Passagen, in denen sich der Autor über neumodische soziale Medien mokiert. Aus Ratlosigkeit sind selten starke Bücher entstanden. Dieser Roman bedient, ohne es wirklich zu wollen, die Anti-EU-Klischees. Und das eher ärgerlich.  

Robert Menasse: „Die Hauptstadt“ (Suhrkamp, 459 Seiten, 24 Euro)

 

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