Sag weniger Nein. Küsse mehr. Umarme deine Freunde. Verliebe dich mehrere Male in dieselbe Person. Und vor allem: Mach dir um Himmels willen keinen Kopf! Es sind süße Botschaften, die einem in Rio de Janeiro tagtäglich in die Finger kommen. Bei jeder Tasse Kaffee. Wer es süß mag, bekommt einer dieser lebensbejahenden Sprüche geliefert. Mit jedem Päckchen Zucker wird dem Mitteleuropäer klargemacht: Hier in Rio ticken die Uhren anders. Hier herrscht ein komplett anderes Lebensgefühl.

Woher es kommt? Keiner weiß es, aber jeder spürt es. Schon kurz nach der Landung. Nach zwölf Stunden von Frankfurt mit der Tam dauert es nicht lange, bis es einem dämmert: Leben heißt hier leben. Druck ist allenfalls ein physikalischer Begriff. Alles soll Spaß machen. Das ist das Credo der Carioca, wie die Bewohner von Rio de Janeiro genannt werden. Und das unterscheidet sie wohl vom Rest der Welt. Vor allem aber von den Paulistas. Den strebsamen, ehrgeizigen und aus deren Sicht bemitleidenswerten Geschöpfen aus São Paulo. Für sie haben die Cariocas nur Spott übrig - weil es die Paulistas immer noch nicht kapiert haben, was Leben bedeutet. Nämlich Schönheit. Oder das Schöne jeden Tag neu zu genießen.

Freilich, es gibt viel Armut und Kriminalität in der brasiliansichen Metropole. Doch als Reisender sollte man dem Hochgefühl der glücklichen Carioca nachspüren: Dem Privileg, unterm Zuckerhut zu leben. Den Copacabana- und den Ipanema-Strand als sein Wohnzimmer bezeichnen zu dürfen. Sich zu jeder Sekunde von der Christusstatue Christo Retendo beschützt zu fühlen, der übermächtig auf dem Corocovado mit ausgestreckten Armen über Rio wacht. Wie kaum in einer anderen Stadt der Welt herrscht hier Überfluss - an Landschaft, Strand (90 km), Meer. Und nichts scheint dieser Anmutung etwas anhaben zu können. Nicht einmal die maßlosen Betonbunker, die die historische Bausubstanz verdrängt haben. Rio bleibt die Schöne, die Unfassbare.

Für Emilio Rodrigues ist es ein Faszinosum. Er ist mit zehn Geschwistern in der Nähe von São Paulo aufgewachsen, hat in Madrid Psychologie studiert, aber nie den einzig wahren Ort gefunden. "In mir war immer eine verborgene Sehnsucht nach Rio, obwohl ich noch nie hier gelebt habe", sagt er und zieht gleichzeitig Augenbrauen und Schultern nach oben. Rodrigues kann es einfach nicht besser erklären. Mit welchen Worten soll er dieses Gefühl beschreiben: Dieses Heimweh zu einer Stadt, die nie seine Heimat war. Es ist zu paradox - ein Gefühl, das mit dem Verstand allein nicht zu erklären ist. "Rio", sagt Rodrigues, hält inne und blickt von seinem Balkon aus aufs Meer und den Zuckerhut: "Rio ist für mich ein Zeichen." Das Zeichen, endlich angekommen zu sein. Auch beruflich. In Santa Teresa, einem der schönsten Bezirke Rios, betreibt er die Casa do Barista. Eine Kaffeerösterei, in der er Touristen in die Weihen des Röstens und die Magie der kleinen, starken Bohne einweiht. "Aromaaaa", singt Emilio Rodrigues beinahe, inhaliert den Duft des frisch gemahlenen Kaffees und zerreibt das Pulver zwischen Daumen und Zeigefinger. "Kaffee muss man mit allen Sinnen wahrnehmen", sagt er.

Eine Stadt in stetigem Wachstum

Wie diese Stadt eben, die viel mehr bietet als die sattsam bekannten Klischees. Mehr als Samba, Caipirinha und Karneval. Die Stadt wächst und wächst. Nicht nur quantitativ. Auch qualitativ. Nicht zuletzt dank der vielen Stadtentwicklungsmaßnahmen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016. Da wird Rio wohl aus allen Nähten platzen. Aber schon jetzt reisen knapp zwei Millionen Touristen pro Jahr an die Küste des Atlantiks. Und jährlich werden es mehr, die dieses besondere Lebensgefühl erfahren wollen.

Wer ihm auf die Spur kommen will, muss nur am Wochenende am Ipanema-Strand entlangschlendern, die Milch einer Kokosnuss genießen und mit einem Carioca (viele sprechen Englisch) plaudern. Wer Glück hat, findet jemanden wie Marcia Lins. Sie trägt wie alle Carioca den Stolz der Einwohner Rios zur Schau. Und noch lieber redet sie darüber. "Paris ist vielleicht die schönste Stadt, die jemals von Menschen erbaut wurde", sagt sie mit dem Charme eines Mädchens von Ipanema, "aber Rio ist die schönste Stadt in Gottes Schöpfung."

Marcia Lins vergleicht Rio gerne mit den Metropolen New York, London, Rom, Buenos Aires. Alle diese Städte hätten ein wahnsinniges Niveau, das Rio wohl nie erreichen werde. Aber eines haben alle nicht - ihnen fehle das Wichtigste: "Rio ist zweifellos die glücklichste Stadt der Welt. Wir haben diese Freude, diese Leidenschaft. Kurz: das, was die Amerikaner gerne Cariocaness nennen." Sie meint dieses eigentümliche Lebensgefühl, das jeden kurz nach der Landung einnimmt. Marcia Lins ist sicher: "Jeder kann ein Carioca sein, wenn er sich nur darauf einlässt." Wieder so eine süße Botschaft.

Info Brasilien

Die Tam Airlines (www.tamairlines.com) fliegt täglich von Frankfurt/Main nonstop nach Rio de Janeiro. Hin- und Rückflug je nach Saison ab 668 Euro. Neben Nobelherbergen wie dem Sheraton (www.sheraton-rio.com.br) oder dem Caesar Park Ipanema (www.caesarpark-rio.com) gibt es im Stadtteil Santa Teresa günstige Bed-and-Breakfast-Angebote. Ausgehtipp: Colombo Coffee House (www.confeitariacolombo.com.br).