Dass Dirigent Thielemann gefeiert wird, war zu erwarten. Doch selbst die Buhs für „Holländer“-Regisseur Gloger fallen bei der Bayreuther Festspiel-Eröffnung leiser aus. Und der erlaubt sich sogar eine kleine Provokation Richtung Kanzlerin.

Bayreuth – Das Bayreuther Publikum hat sich mit Jan Philipp Glogers Interpretation von Richard Wagners „Der Fliegende Holländer“ versöhnt. Bei der Eröffnung der Festspiele am Donnerstagabend fallen die Buh-Ruhe für das Regie-Team deutlich leiser aus als noch bei der Premiere im vergangenen Jahr.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ein Skandal wie 2012 im Vorfeld ausgeblieben ist. Damals war kurz vor den Festspielen herausgekommen, dass der als „Holländer“ besetzte Jewgeni Nikitin ein mittlerweile überstochenes Hakenkreuz-Tattoo aus Jugendzeiten auf dem Oberkörper trägt. Im Bayreuth von 2012 war das nicht mehr gern gesehen und nach einer hitzigen öffentlichen Debatte warf der Sänger das Handtuch. Für ihn sprang damals Samuel Youn ein.

Der Südkoreaner, der bis dahin am Grünen Hügel eher Nebenrollen spielte, war in diesem Jahr von Anfang an als „Holländer“ eingeplant und erntet am Donnerstagabend donnernden Applaus – ebenso wie Ricarda Merbeth als Senta, die die Rolle von Adrianne Pieczonka übernommen hat. Auch Franz-Josef Selig als Sentas Vater Daland, Tomislav Muzek als Verehrer Erik, Benjamin Bruns als Steuermann und Christa Mayer als Mary und der stimmgewaltige 100-Mann-Chor werden gefeiert.

Natürlich aber hat niemand – was die Publikumsliebe angeht – eine Chance gegen den Bayreuther Haus- und Hofdirigenten Christian Thielemann, der die stürmische See aus dem Orchestergraben auch in diesem Jahr gewaltig aufbrausen lässt. Dafür gibt es überschwänglichen Jubel.

In Glogers „Holländer“ wird die Spinnstube zu einer Ventilatorenfabrik – fast ein Hohn für die bei tropischen Temperaturen im Parkett schwitzenden Zuschauer. Das Schiff ist nur ein kleines Ruderboot und Schatztruhen voller Gold werden durch Dollarscheine ersetzt. Der Chor besteht nicht aus Matrosen, sondern aus uniformen Geschäftsmännern im Einheits-Anzug.

Vielleicht hat Regisseur Gloger sich die eher mäßigen Kritiken aus dem vergangenen Jahr zu Herzen genommen. „In Bayreuth wehte der Deutungswind schon stärker“, schrieb damals beispielsweise die „Welt“ und nannte seine Interpretation, die den „Holländer“ im modernen Turbokapitalismus ansiedelt, „musterknabenhaft“.

Vielleicht um diesen Verdacht abzuwenden, lässt Gloger sich in diesem Jahr sogar zu einer kleinen Provokation in Richtung Bundeskanzlerin hinreißen. Sowohl Daland als auch der Steuermann und der Holländer selbst zeigen sie: die „Merkel-Raute“, die typische Handbewegung der Kanzlerin.

Angela Merkel, die mit ihrem Mann Joachim Sauer, Bundespräsident Joachim Gauck, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und dem halben Bundeskabinett in der Königsloge sitzt, nimmt es gelassen. Sie applaudiert und lächelt huldvoll.