Residenztheater So ist „Gloria“ von Branden Jacobs-Jenkins - die AZ-Kritik

Alle sind austauschbar in der großstädtischen Arbeitswelt: v.l. Gunther Eckes (Devin), Christian Erdt (Rashaad), Bijan Zamani (Lorin) und Cynthia Micas (Jenna). Foto: Adrienne Meister

Amélie Niermeyer inszeniert im Residenztheater „Gloria“ von Branden Jacobs-Jenkins

Schüsse peitschen durch das Verlagshaus, Schreie sind zu hören, die Mitarbeiter der Kulturredaktion suchen vergeblich nach Deckung. Die Amokläuferin ist nicht aufzuhalten und auf einem Rachefeldzug in der Firma, in der sie offenbar niemand wahrnimmt. Das stimmt nicht ganz, denn man machte sich durchaus Gedanken. Die zickige Kendra unkte noch kurz vor dem Ereignis über die beunruhigend stille Kollegin aus der Schlussredaktion: „Seit sieben Jahren verschiebt sie Kommata und verliert dabei den Verstand“.

Die Schießerei markiert etwa die Mitte von „Gloria“. Mit der satirischen Aufarbeitung der Arbeitswelt in großstädtischen Großraumbüros schrammte Autor Branden Jacobs-Jenkins knapp am Pulitzer-Preis vorbei. Genüsslich zerlegt er den scheinbar ausschließlich Identität versprechenden Arbeitsethos der gut ausgebildeten, aber mit Zeitverträgen ohne soziale Absicherung hingehaltenen Generation der 20- bis 30-Jährigen. Da blüht der Zynismus im Karrierekampf auf sprachlich hohem Niveau.

Bis Gloria durchdreht, ist es die Rasselbande aus der Kultur, die den Wahnsinn in den Alltag bringt. Der stets unausgeschlafene Lorin, der nebenan in der Abteilung Reality Check nach Fake News fahndet, muss mehr als einmal herüberkommen, um Ruhe zu fordern. In ihrer Inszenierung am Residenztheater führt ihn Regisseurin Amélie Niermeyer sehr komödiantisch mit Slapstick ein. Am Ende aber wird er der letzte Held der Selbstbestimmtheit sein.

Dialogscharmützel

Deshalb ist Lorin die einzige Rolle, die Bijan Zamani hier spielt. Die Mehrfachbesetzung der anderen ist kein Regieeinfall, sondern ein dramaturgisches Prinzip des Autors. Jacobs-Jenkins beklagt die völlige Austauschbarkeit einer jeden und eines jeden. Lilith Hässle, die hier ihr vielversprechendes Resi-Debüt gibt, ist nicht nur die titelgebende Amokläuferin, sondern auch die Kulturchefin Nan, die das Büromassaker einträglich in Buchform unter das Lesevolk brachte.

Aus Dean (Gunther Eckes), dem Assistenten aus dem Magazinverlag in NY, wird Devin, der IT-Nerd in einer Fernsehproduktionsfirma in LA. Dort trifft man auch auf die aparte Jenna, die Kendra (Cynthia Micas) verdammt ähnlich sieht. Dunkelhaarig und im Minirock mit berechnendem Durchblick spielt Marina Blanke die Redaktionsassistentin Ani, sehr blond und ohne Durchblick die TV-Praktikantin Callie. Christian Erdt ist im ersten Teil der smarte Praktikant Miles, der niedergeschossen wird, und kommt im nächsten Leben als cooler Produzent Rashaad wieder auf die Bühne.

Nachdem die Schüsse gefallen sind, ändert sich nicht nur alles für die Figuren, sondern auch dem Stück geht die Puste aus. Die geschmeidigen Dialogscharmützel der ersten 50 Minuten gerinnen anschließend zu einem Thesenstück, bei dem die vom Schlüsselerlebnis geläuterten Überlebenden Kluges sagen müssen. Da rächt es sich, dass Amélie Niermeyer den ersten Teil auf entspanntes Boulevard temperiert hat. Für die erforderliche Fallhöhe bleiben die immer aufgekratzten Mädels und Jungs zu nett und die Katharsis danach ist zäh. Dafür denkt die Regisseurin als grimmige Pointe die Wertschöpfungskette aus Katastrophe und ihrer medialen Ausbeutung in einem aufwändig produzierten Trailer konsequent zu Ende - bald bei Ihrem Streaminganbieter.

Residenztheater, wieder am 27. Oktober, 3., 8., 22. November, 20 Uhr

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