Residenztheater München Die Festung Europa und die Lager davor

Der bosnische Regisseur Oliver Frljic Foto: Fersterer

Der bosnische Regisseur und Intendant Oliver Frljic inszeniert im Marstall seine Performance "Balkan macht frei"

Themen wie den Verlust der (nationalen) Identität stellt Oliver Frljic gern in den Mittelpunkt. Kein Wunder, schließlich hat der 1976 im bosnischen Travnik geborene Regisseur selbst den Zerfall Jugoslawiens erlebt. Nun hat ihn Martin Kusej nach München eingeladen. Am Freitag zeigt er im Marstall seine neue Arbeit „Balkan macht frei“.


AZ: Herr Frljic, „Balkan macht frei“ thematisiert das Schicksal der Flüchtlinge aus der Region....


OLIVER FRLJIC: Das hatte ich ursprünglich geplant. Aber das Thema hat sich beim Proben anders entwickelt. Ich arbeite immer eng mit den Schauspielern und Dramaturgen zusammen und übernehme, was ich von ihnen und der Atmosphäre zurück bekomme. So kann ein Projekt am Ende ganz anders aussehen als geplant. Ich bin ja auch nur für eineinhalb Monate in München, viel zu wenig, um die Gesellschaft hier kennenzulernen und mich mit ihr auseinander zu setzen. Deswegen geht es auch um meine Identitätskonstruktion.

Das Thema Identität ist für Sie stark mit dem Heimatverlust verbunden.

Als ich ein Kind war, spielten Ethnien im damaligen Jugoslawien gar keine Rolle. Ich wusste nicht einmal, dass mein Vater Kroate und meine Mutter Serbin waren. Aber Ende der 80er Jahre änderte sich das Klima. Ich erinnere mich noch, wie auf einmal alle anfingen, auf dem Schwarzmarkt Waffen zu kaufen. Es war klar, dass etwas Fürchterliches passieren würde. Ich habe Ende April 1992 als 16-jähriger meine Heimatstadt Travnik verlassen, ich wollte in den Westen, hatte aber keinen Pass und endete in einem Schülerheim in Split.

Sie flohen ohne Ihre Familie?

Ja, meine Eltern blieben, obwohl es für sie auch nicht einfach war. Als die Serben Travnik angriffen, wurde meine Mutter im Ort auch als Feindin angesehen, dabei war sie eine ganz normale Krankenschwester.

Hatten Sie nie die Idee, zurück nach Bosnien zu gehen und dort beim Wiederaufbau der Gesellschaft zu helfen?

Nein, ich muss leider sagen, dass die Situation dort zu hoffnungslos war und ist. Ich würde gerne etwas optimistischer klingen. Aber es gibt keinen Grund dafür. Das politische System des Landes ist eine Katastrophe. Es gibt die Förderation Bosnien und Herzegowina und die Republik Srpska. Das ist die schlechtest mögliche Konstellation für Entscheidungen. Wir befinden uns auf einer niederschwelligen Stufe noch immer im Krieg. Damals, nach dem Dayton-Abkommen 1995, haben die Europäer sehr viel Geld gegeben, natürlich auch aus schlechtem Gewissen, aber das ist nun vorbei.

Sie haben auch ein Stück geschrieben, in dem sie die europäische Schuld am Balkankrieg thematisieren.

Ich kritisiere schon eher die Balkanländer selbst für den Konflikt. Aber ich denke, dass es auch westeuropäische Interessen an diesem Konflikt gab: Man kann Waffen verkaufen, medizinische Hilfe, außerdem kann man viele kleine Staaten besser beherrschen als einen großen.

Kann Bosnien-Herzegowina eine Zukunft in der EU haben?

Bosnien wird bei der in Westeuropa herrschenden Islamophobie wohl nie ein Teil der EU werden. Aber wenn die EU nach dem Dayton-Abkommen so gehandelt hätte, dann wäre uns viel Elend erspart geblieben. Man kann aber offensichtlich nur in den Club aufgenommen werden, wenn man den ökonomischen Ansprüchen der EU genügt. Und was können wir schon bieten? Billige Arbeitskräfte! Das ist auch der Grund für die Flüchtlinge. Es ist doch klar, dass Menschen, die in Bosnien keine 300 Euro im Monat verdienen, versuchen, in einem EU-Land etwas mehr Geld zu bekommen. Aber die EU ist eine Festung. Und vor ihren Mauern hat sie Lager errichtet. Das macht mich wütend. Schließlich war ja auch Bosnien Teil des Habsburger Reiches, ungefragt. Damals ist ein Großteil der Infrastruktur von Bosnien errichtet worden. Aber wozu? Um Waren und Rohstoffe nach Wien zu liefern.

All diese Themen fließen in ihre Bühnenarbeit ein?

Ich finde es ehrlicher, meine Biografie und Meinungen in die Performance zu werfen. Wir reden in Europa immer über Menschenrechte, schließen aber systematisch eine Menge Menschen genau davon aus. Ich bin jetzt ein Bosnier in Deutschland mit einem Arbeitsvertrag. Klar, ich bin nicht auf der Baustelle, sondern im Theater. Aber ich thematisiere auch, wie ich mich auf diesem westlichen Markt behaupten und anbieten muss.

Sie leben in Kroatien. Sehen sie seit dem EU-Beitritt des Landes 2013 eine positive Entwicklung?

Wir sind jetzt zurück im dunklen Zeitalter der 90er Jahre: Die Kroatische Demokratische Union, einst unter Franjo Tudjman gegründet, wird die nächsten Wahlen gewinnen. Sie pflegt einen rechtspopulistischen Kurs, ähnlich dem vom Orban in Ungarn. Die Serben sind wieder die Feinde, die Islamophobie greift um sich und die Politiker wollen Gesetze erlassen, die verhindern, dass man künftig über die kroatischen Verbrechen im letzten Krieg sprechen oder schreiben darf.

Das betrifft Ihre Arbeit direkt, Sie sind Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka.

Es betrifft die gesamte Kulturpolitik. Die jugoslawischen Autoren, die mich noch durch meine Schulzeit begleitet haben, wurde nach dem Krieg national in kroatische, bosnische, serbische etc. auseinander dividiert. In Kroatien verschwinden jetzt die nicht-kroatischen Autoren aus den Lektürelisten. Das ist für mich auch ein Identitätsverlust.

Sie können keine serbischen Autoren spielen?

Es wird schwieriger. Ich benutze das Theater auch als Instrument für soziale Performances. Natürlich versuche ich, bosnische, serbische und kroatische Künstler zusammen zu bringen. Aber ich bekomme viel Kritik von rechts und einige aus dem anderen Lager. Das Theater ist ein Raum der nationalen Identität, aber ich stelle ganz andere Fragen, auch über die Schuld Kroatiens. Und glauben Sie mir, die tolerante, kritische Öffentlichkeit dafür ist in Kroatien sehr klein.  


Premiere 21. Mai 2015 , 20 Uhr im Marstall, auch am 23., 28 Mai, 8. und 25. Juni.

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