Die grün und violett leuchtenden Schleier am Himmel faszinieren die Menschen seit jeher. Besonders gut bestaunen lässt sich das Schauspiel auf dem Deck der „MS Midnatsol“

Der arktische Wind peitscht die Wellen vor sich her. Vor wenigen Stunden hat die „MS Midnatsol“ den Hafen von Tromsø verlassen. Das Hurtigrutenschiff bahnt sich seinen Weg durch die eisigen Fjorde gen Norden. Backbord ist bereits die offene See zu erkennen. Trotz Kälte und Dunkelheit tummeln sich Passagiere auf dem Deck des Postschiffes. Einige haben Kameras und Stative dabei, andere sitzen warm eingepackt mit einer Tasse heißem Tee im Liegestuhl oder entspannen im sprudelnden Whirlpool.

Sie alle warten auf Nordlichter – und müssen dabei Geduld mitbringen. Die Aurora Borealis spielt gerne Verstecken. Oft verdecken Wolken die Sicht auf das Spektakel am Himmel. Aber auch in klaren Nächten will es nicht immer hervorkommen. An diesem Abend werden die Hartgesottenen kaum belohnt. Gen Mitternacht leert sich das Deck der „Midnatsol“. Nur ein blasser, grüner Schimmer hatte sich über das Firmament gelegt.

Die Häfen sind ihre Bahnhöfe und die Schiffe ihre Züge

Die Jagd nach den Polarlichtern hat Pause. Das Postschiff, das bereits seit fünf Tagen von Bergen kommend entlang der norwegischen Küste unterwegs ist, nimmt Kurs Richtung Honningsvåg, dem Tor zum Nordkap. 34 Häfen wird die „MS Midnatsol“ auf der 2500 Kilometer langen Reise bis Kirkenes und zurück ansteuern.

Auch kleine Dörfer werden angelaufen. Dabei ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. „Manchmal erkennen wir vom Kommandostand nur einen kleinen Bootsteg, an dem wir anlegen“, verrät Chief Officer Maryann Bendiksen, nach dem Kapitän die Chefin an Board.

Das Hurtigrutenschiff beherbergt nicht nur Touristen und Einheimische. Neben der Post transportiert es Lebensmittel, Baustoffe und sogar Autos. Die Hurtigruten-Flotte ist seit 1893 die Lebensader der norwegischen Küstenbevölkerung. Die Häfen sind ihre Bahnhöfe und die Schiffe ihre Züge.

Die „MS Midnatsol“ ist im Hafen von Honningsvåg angekommen. Ein kleines Städtchen mit rund 2500 Einwohnern, dessen bunte Holzhäuser der kargen Landschaft trotzen. Landgang. Ein Bus fährt die Passagiere in rund 40 Minuten an den (fast) nördlichsten Punkt Europas: das Nordkap.

Denn entgegen der weit verbreiteten Meinung und Behauptungen der Tourismusbranche ist das steil aus dem Eismeer emporragende Plateau nicht der nördlichstes Zipfel des europäischen Festlandes. Da das Nordkap auf der vorgelagerten Insel Magerøya liegt, hat diesen Titel die weiter östlich gelegene Landzunge Kinnarodden verdient. Außerdem: Auch auf Magerøya befindet sich eine 1400 Meter weiter nach Norden reichende Landzunge, die Knivskjellodden. Nur ist diese nicht so imposant wie das Nordkap.

Am frühen Nachmittag legt die „MS Midnatsol“ wieder ab. Die Sonne verschwindet am Horizont. Das Deck des Schiffes füllt sich wieder, die Nordlicht-Jäger sind zurück. Für diesen Abend lassen die Wettervoraussichten hoffen. Doch die Geduld der Polarlicht-Hungrigen wird erneut strapaziert.

Erst gegen 22 Uhr öffnet sich der Himmel – endlich. Das Warten, das Ausharren in der Kälte hat sich gelohnt. Die Dunkelheit verschwindet. Wie grün leuchtende Gardinen hängen die Nordlichter vom sternenklaren Nachthimmel herab. Alle Blicke richten sich nach oben. Das Firmament scheint zu explodieren. Die wallenden Schleier färben sich am Rand mit einem Hauch von Violett, für wenige Augenblicke tanzen sie über den Köpfen der Passagiere. Ein magischer Anblick.

Die Samen sahen in den Lichtern die Geister der Vorfahren

Polarlichter beflügeln seit jeher die Fantasie. In der Mythologie wird die Aurora Borealis oft als Brücke von der Welt der Götter zu den Menschen beschrieben. Die Samen, die Ureinwohner Skandinaviens, glaubten, die Himmelslichter seien die Geister der Vorfahren oder verstorbener Kinder.

Der Schriftsteller Wilhelm von Humboldt schrieb einst treffend: „Ich könnte stundenlang mich nachts in den gestirnten Himmel vertiefen, weil mir diese Unendlichkeit fernher flammender Welten wie ein Band zwischen diesem und dem künftigen Dasein erscheint.”

Die Erklärung der Wikinger war kriegerischer. Sie meinten, an den leuchtenden Himmelslichtern zu erkennen, dass irgendwo auf der Welt eine große Schlacht geschlagen wurde.

Auch wenn die Nordlichter heute wissenschaftlich erklärt werden können, haben sie nichts an ihrer Faszination eingebüßt. Das ist nicht zuletzt an den staunenden Augen der Passagiere zu erkennen. Der Himmel schließt sich wieder. Wolken ziehen auf. Die „MS Midnatsol“ hat ihr Ziel, das Städtchen Kirkenes an der russischen Grenze, fast erreicht. Die Nordlicht-Jäger sind zufrieden.

Passagiere, die weniger Glück hatten, müssen allerdings nicht enttäuscht sein. Denn die Hurtigruten-Gesellschaft hat ein Versprechen abgegeben: Wer auf der zwölftägigen Reise von Bergen nach Kirkenes und zurück keine Nordlichter bestaunen darf, der kann im Jahr darauf den ersten Teil der Reise kostenlos wiederholen. Dann heißt es wieder: Geduld einpacken.

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Das Nordlicht - die wissenschaftliche Erklärung

Es ist die Sonne, die für die Aurora Borealis sorgt. Bei großen Sonneneruptionen werden riesige Mengen an Teilchen ins All geschleudert. Wenn diese auf das Magnetfeld der Erde treffen, gelangen sie zu einem Kreis um den magnetischen Nordpol, wo sie mit den oberen Schichten der Atmosphäre interagieren. Die freigesetzte Energie ist das Nordlicht. Dies geschieht ca. 100 Kilometer über unseren Köpfen.

Tipps für Nordnorwegen: Reisen in Kälte und Dunkelheit

Anreise: Von München aus gehen täglich Flüge nach Oslo. Innerhalb Norwegens fliegen Widerøe und Norwegian ab Oslo mehrmals täglich nach Tromsø oder Kirkenes, teilweise mit Zwischenstopps. Preise: Je nach Airline zwischen 200 € bis 600 € für hin und zurück.

Reisezeit: Wer Nordlichter sehen will, hat zwischen September und März die besten Chancen. Die Temperaturen bewegen sich in dieser Zeit bei durchschnittlich zwischen 6,7 und -4,4 Grad Celsius. In den Herbstmonaten liegt kein bis wenig Schnee und es ist oft feucht. Im Dezember und Januar sind die Nächte am längsten und es schneit häufig. Ab Februar nehmen die Sonnenstunden langsam wieder zu.

Kleidung: „Lagenlook“ ist angesagt. Das heißt: Unterhemd, Wollpullover, Fleece-Jacke und als letzte Schicht eine gefütterte, winddichte Jacke sowie Mütze, Schal und Handschuhe. Für den Gang in die Sauna ist Badekleidung einzupacken.

Informationen:

Visit Norway:  Tel. 040/22 94 15 0, E-Mail: germany@innovationnorway, Internet: www.visitnorway.com.

Hurtigruten:  Tel.  040/874 083 58, E-Mail: ce.info@hurtigruten.com, Internet: www.hurtigruten.de.

Visit Northern Norway:  Tel.  (+47) 901 77 500, E-Mail: post@nordnorge.com, Internet: www.northernnorway.com.

Walsafari mit der „Arctic Explorer“: Dauer: 3 bis 6 Stunden, Preis: Erwachsene 129 €, Kinder bis 12 Jahre 65 €, Internet: www.arcticexplorer.no/whale-watching.

Nordkap: Eintritt Nordkaphalle: Erwachsene ca. 27 €, Internet: www.nordkapp.no/de.