Schock und Angst nach den neuesten Enthüllungen in der rechtsradikalen Mordserie: Die AZ geht bei den Tatorten von damals auf Spurensuche.

 

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MÜNCHEN - Vor sechs Jahren lag hier ein Toter mit einem Loch im Gesicht – jetzt dreht sich im kleinen engen Imbiss an der Donnersberger Brücke ein Dönerspieß. „Scharf?“, fragt der Teilbesitzer des „Ciftlik Feinkost“ und streicht die rote Soße aufs Brot. Übers Essen reden, ja – aber bitte nicht über die Döner-Morde. Und nicht über deren siebtes Opfer, Theodoros Boulgarides. Mitte Juni 2005 wurde der 41-Jährige hier zwischen 18.15 und 19 Uhr erschossen. Sein Partner fand ihn im gemeinsamen Schlüsselladen in der Trappentreustraße.

Er habe den Mann nicht gekannt, sagt der Döner-Verkäufer, aber er kenne seine Geschichte. „Unglaublich“, sagt er nur. Angst habe er aber nicht – auch wenn es Neonazis waren, Fremdenhasser. Er habe mit Boulgarides nie etwas zu tun gehabt. Und: „Es ist ja schon lange her.“ Im Trappentreu-Hof nebenan sitzen ein paar Griechen, Landsmänner des Toten – doch auch die wollen nicht über den Fall reden. „Ja, ich kannte Thedorous“, sagt der Wirt. „Aber ich will jetzt nichts dazu sagen.“ Dann sieht er auf den Tresen, presst die Lippen zusammen, und geht in die Küche.

Die spektakuläre Wende des Mordfalls lässt auch die Witwe des Toten, Yvonne B., geschockt zurück – so wie damals, als sie plötzlich mit ihren 15- und 18-jährigen Töchtern alleine da stand. „Das war eine harte Zeit für uns“, sagt sie der AZ. „Heftig“, sagt sie über die neuen Erkenntnisse. Und: „Es ist gut, dass der Fall jetzt vielleicht geklärt ist.“ Dann ist Schluss. „Ich will dazu nichts mehr sagen.“ Den Sonntag verbringt sie mit Freunden daheim. Ihre Wohnung in Berg am Laim liegt nur fünf Minuten entfernt vom zweiten Tatort der Münchner Neonazi-Morde: 2001 wurde der Türke Habil Kilic (†38) in seinem Gemüseladen in der Bad-Schachener-Straße 14 erschossen.

Heute ist immer noch ein Gemüseladen drin – der „Himmet Market“ ist aber mittlerweile der sechste Laden in den vergangenen zehn Jahren. „Ich habe immer gedacht: Das war die Mafia“, sagt der Besitzer, der nicht genannt werden will. „Auf Neonazis wäre ich nie gekommen.“ Auch er habe den Toten nicht gekannt, weiß aber, dass seine Frau und die damals 14-jährige Tochter genau über dem Geschäft wohnten. „Jetzt sind sie aber weggezogen“, sagt er. „Klar – wer will nach so etwas noch da wohnen?“