Pro und Contra Teodor Currenztis dirigiert Tschaikowskys "Pathétique"

Der 1972 in Athen geborene Dirigent Teodor Currentzis ist ein wenig umstritten - was im Kulturgeschäft nie schadet. Foto: Alice Calypso/Sony

Pro: Die sensationelle Neuaufnahme von Peter Tschaikowskys Symphonie Nr. 6 durch Teodor Currentzis

Die „Pathétique“ ist das Hauptstück gastierender Orchester. Tschaikowskys letzte Symphonie verfehlt auch in der routiniertesten Aufführung ihre Wirkung nie. Mit Lärm und Schlamp zielen fast alle Dirigenten auf das billigste Klischee russischer Musik und der aus Schlamperei geborene bräsig-dunkle Orchesterklang verbreitet slawische Schicksalsschwere.

Aber dieses Werk lässt sich – wie alle gute Musik – durch Genauigkeit retten. Der Dirigent Teodor Currentzis gilt als Exzentriker und Mann der Extreme. Das ist auch bei seiner Einspielung mit dem in Perm beheimateten Orchester MusicAeterna zu spüren. Aber vor allem arbeitet er genau: Currentzis nimmt ernst, was die wenigsten seiner Kollegen interessiert: die kontrastreiche Dynamik zwischen sechsfachem Piano und vierfachem Forte.

Die hohe Transparenz der Aufnahme macht das ebenso hörbar wie die Nebenstimmen. Wer dieses Orchester bei den Salzburger Festspielen mit Alban Berg und Mahler erlebt hat, der weiß auch, dass die Musiker diese Genauigkeit auch im Konzert praktizieren.

Aber Currentzis bleibt nicht bei der Genauigkeit stehen. Sie bildet die Grundlage für die Dringlichkeit der Aussage dieser Programmmusik ohne ausdrückliches Programm. Seine Einspielung berichtet von einem Drama, das in eine Katastrophe mündet. Sie zeichnet sich bereits im ersten Satz ab, den Currentzis durch schroffe Tempo-Gegensätze steigert, nicht ohne die Grenzen der Spielbarkeit zu streifen. Auch wer den großen Ausbruch am Ende des Satzes schon 1000-mal gehört hat, wird in dieser Aufnahme ins Geschehen hineingerissen.

Dann beruhigt sich die Musik wieder zu einer zwielichtigen Schattenhaftigkeit. Hier gibt es noch eine Rettung, die im Finale ausbleibt. Die zweimalige Steigerung im Adagio-Finale gipfelt in einem wilden Zusammenbruch, der das Geräuschhafte streift. Das wirkt schlüssig, weil der Komponist danach den finster unkontrollierbaren Klang gestopfter Hörner einsetzt. Das ist faszinierend, niederschmetternd, erschütternd. Große Musik, groß interpretiert.

Robert Braunmüller


Contra: Affiger geht es nicht – Tschaikowsky leidet, der Dirigent Teodor Currentzis leidet, der Hörer leider auch

Was man dem Dirigenten nicht vorwerfen kann, ist, die Partitur eines so allgegenwärtigen Werkes wie der Symphonie Nr. 6 h-moll von Peter Tschaikowsky nicht genau durchgesehen zu haben. Gedankenlose Momente finden sich in der neuen Einspielung von Teodor Currentzis mit dem von ihm im russischen Perm gegründeten Orchester MusicAeterna nicht.

Das Problem ist, dass der griechische Dirigent hier ein Werk mit selbst ausgedachten Effekten überfrachtet, das ohnehin selbst schon an die Extreme rührt. Da muss bereits in der Exposition des Hauptsatzes „Allegro non troppo“ die Wiederholung des Hauptthemas leiser gespielt werden und empfindelnd verhauchen. In der Durchführung des Kopfsatzes ist keine Fanfare zu brutal, so, wie das gesangliche Seitenthema nicht schwindsüchtig genug verhuschen kann – wie oft bei MusicAeterna klingen die Violinen leblos synthetisch und bilden im Pianissimo keine Substanz mehr aus.

Das Scherzo ist hingegen wiederum viel zu rasch zu laut und präsent, sodass die Idee des Komponisten, über einen langen Zeitraum einen Marsch anzukündigen, der dann erst aufreizend spät, dafür aber um so machtvoller, erscheint, hier nicht verwirklicht wird. Den todtraurigen Finalsatz leitet dann gar ein hörbar zischendes Atemgeräusch des Dirigenten ein, das der Hörer auch im weiteren Verlauf immer wieder ertragen muss.

Wer es bislang noch immer nicht verstanden hat, dass Currentzis selbst es ist, der an diesem Werk geradezu heroisch tapfer mitleidet, wird nun mit der Nase darauf gestoßen. Man hat da aber die Absicht eh schon lange bemerkt und ist entsprechend verstimmt.

Der hemmungslose private Manierismus dieses Dirigenten ist einem Komponisten, der bei aller Kühnheit betont die klassische Form wahrte, nicht angemessen. Weniger vornehm gesagt: Affiger geht es nicht. Und das kann man Currentzis vorwerfen.

Michael Bastian Weiß

Tschaikowsky, Symphonie Nr. 6, Teodor Currentzis, MusicAeterna, bei Sony als CD, Download und auf Vinyl

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