Private Gesundheitsleistungen 1,5 Milliarden Euro für "Igel"

Patienten geben viel Geld für „Individuelle Gesundheitsleistungen“ aus, die ihnen Ärzte anbieten. Die Kassen warnen: Manches Angebot ist nicht nur Schnickschnack, sondern gefährlich

MÜNCHEN „Wenn Sie wirklich Sicherheit wollen, sollten Sie sich überlegen, diese Leistung in Anspruch zu nehmen“: Mit Worten wie diesen empfehlen Ärzte ihren Patienten gerne Extras, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. Die Ultraschall-Untersuchung der Eierstöcke, eine „professionelle Zahnreinigung“ – rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr geben gesetzlich Versicherte für solche Angebote aus.

Viele Leistungen sind nicht wissenschaftlich begründbar. Ob sie wirklich sinnvoll sind, ist umstritten. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat dazu vor einem Jahr eine Internetseite eingerichtet. Auf www.igel-monitor.de informieren die Kassen Verbraucher über die sogenannten „Igel“, die „Individuellen Gesundheitsleistungen“.

Die Meinung der Kassen-Experten: Die meisten Igel-Leistungen können sich die Patienten sparen. Manche, sagen sie, sind sogar gefährlich. Zum Beispiel der Toxoplasmose-Test: Bei diesem Test wird das Blut der Schwangeren auf Erreger getestet, die die Organe des Ungeborenen schädigen und im schlimmsten Fall eine Fehlgeburt auslösen können. Doch der Test liefere keine klaren Ergebnisse, heißt es beim Medizinischen Dienst der Kassen. Er führe fast immer zu Folgetests. Diese wiederum – etwa die Fruchtwasseruntersuchung seien nicht unriskant, könnten Fehlgeburten auslösen.

Insgesamt listet der Kassen-Monitor 30 Igel-Leistungen auf. Zwölf sind nach Ansicht der Experten gefährlich oder tendenziell schädlich, bei elf gibt es zu wenig Daten über ihren Nutzen, drei sind „tendenziell positiv“. Vier Leistungen wie besondere Sport-Checks wurden nicht bewertet, da die Entscheidung für oder gegen sie von den persönlichen Lebensumständen abhängt.

Ärzte als Verkäufer von teurem und zum Teil schädlichen medizinischen Firlefanz – dies ärgert die SPD-Gesundheitspolitikerin Mechthild Rawert. Für sie sind Igel-Leistungen ein „Stachel in der vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung“. Die SPD-Fraktion ist im vergangenen Jahr mit einem Vorstoß im Parlament gescheitert, die Igelei einzudämmen.

Gabriele Molitor, die Gesundheitspolitikerin der FDP, ärgert dagegen die Kritik an den Igeln. Die „Misstrauenskultur, die zum Teil bei Forderungen nach Einschränkungen der IgeL-Leistungen zum Ausdruck kommt“, lehne die FDP ab. Auch der Gynäkologe Klaus König, Vizechef des Berufsverbandes der Frauenärzte, ärgert sich über die Kritik. Er sagt, die IGel seien schon häufig „Vorreiter für spätere Kassenleistungen“ gewesen. In jedem Fachgebiet gebe es wichtige oder neue Leistungen, die nicht zum Angebot der GKV gehörten, die den Patientinnen und Patienten aber dennoch angeboten werden müssten.

 

Als „negativ“, das heißt mindestens tendenziell schädlich, bezeichnen die Kassen:

Colon-Hydro-Therapie (eine spezielle Form der Darmspülung, die zu Blutungen führen kann).

Stoßwellentherapie beim Tennisarm. Messung des Augeninnendrucks zur Früherkennung eines Glaukoms.

Vorsorgliche Bestimmung der Protein-C-Aktivität („Thrombose-Check“). Sie führe leicht zu falschen Befunden und Therapien.

Bestimmung des Immunglobulin G (IgG) gegen Nahrungsmittel. Ein Allergietest, doch für „Allergien ist ein anderer Typ von Immunglobulinen verantwortlich“, so die Kassen.

Eigenbluttherapie bei Sehnenreizung. Der Nutzen ist unklar, die Rückinjektion birgt Risiken.

Diese Leistungen finden die Kassen „tendenziell positiv“:

Laser-Behandlung von Krampfadern im Vergleich zur operativen Entfernung.

Akupunktur gegen Migräneschmerzen.

Lichttherapie gegen Winterdepression.

Der Nutzen dieser Behandlungen ist „unklar“:

Bach-Blütentherapie. Ultraschall als Brustkrebsvorsorge.

M2-PK Stuhltest zur Darmkrebsvorsorge.

 

 

 

sun

 

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