Prinzregententheater "La sonnambula" von Bellini: Genuss ohne Reue

Arthur Espiritu und Jennifer O’Loughlin in Michael Sturmingers Inszenierung von Vincenzo Bellinis „La sonnambula“. Foto: Thomas Dashuber

Auf Staatsopernniveau: Das Gärtnerplatztheater zeigt Vincenzo Bellinis Oper „La sonnambula“ mit der überragenden Jennifer O’Louglin im Prinzregententheater

Matthias Lilienthals Münchner Kammerspiele nehmen sich Vincenzo Bellinis Oper im Januar auch noch vor. Vielleicht ändern wir ja da noch unsere Meinung. Vorläufig aber gilt: Bei „La sonnambula“ entscheidet der Gesang. Und da lässt sich der Gärtnerplatz im Prinzregententheater derzeit nur schwer überbieten.

Die Sopranistin Jennifer O’Loughlin und der junge Tenor Arthur Espiritu gewähren Belcanto-Genuss ohne Reue. Die Amerikanerin singt die Amina staunenswert perfekt. Auch andere Sängerinen haben perfekte Koloraturen, ein ansprechendes, nicht zu stählernes Timbre und die Fähigkeit, lang gezogene Kantilenen fein zu schattieren. Aber Jennifer O’Loughlin schafft auch das Höchste: Sie begeister nicht nur technisch, sondern erweckt die empfindsame Nachtwandlerin als Bühnenfigur zum Leben. Das Übersensible, nervös-überreizte der Figur fehlt ihr ein wenig. Aber das stört ebenso wenig wie eine rustikale Darstellungskunst.

Der Tenor: Eine Entdeckung

 

Ihr Landsmann Arthur Espiritu steht ihr da als Elvino in nichts nach: Er ist eine echte Entdeckung und man darf sich schon jetzt auf seinen Don Ramiro in der kommenden „Cenerentola“ freuen. Sein Tenor hat eine leicht metallische Beimischung. Die Höhe ist sicher, seine Technik elegant und kontrolliert. Wenn sich Espiritus und O’Loughlins Stimmen am Ende des ersten Akts zu einem schier endlosen Addio mischen, wünscht man sich, das Duett würde nie aufhören.

Das Gärtnerplatztheater spielt die Oper ungekürzt, wenn wir uns nicht verhört haben. Das gibt dieser Musik Raum für eine romantische Entfaltung, die der Gärtnerplatz-Chefdirigent Marco Comin wirklich nutzt: Er begleitet mit dem farbig spielenden Orchester die Sänger empfindsam und sorgt für eine reiche, lebendige Gestaltung der Wiederholungen. So müsste Belcanto aus dem Orchestergraben immer begleitet werden.

Michael Sturmingers Inszenierung lässt die behagliche Dorfatmosphäre des Stücks unangetastet. Den Einfall, eine längliche Chorszene als Vorwand für ein Gruppenfoto zu nehmen, hat der erfahrene Opernbesucher gewiss schon öfter gesehen. Aber noch nie so ausführlich und genau im Detail. Die Arrangements der Chor- und Massenszenen erzählen die Geschichte.

Elvinos heftige Eifersucht wird mit Frust-Alkohol vielleicht etwas zu nachsichtig entschuldigt. Und die Schluss-Szene, in der die Nachtwandlerin eigentlich auf dem Dachfirst balancieren müsste, ehe sie auf einem Steg den Sturzbach überquert, wirkt mit dem Herumtragen von Tischen unangemessen sachlich und auch etwas unpoetisch.

Eine Aufführung, in der die Bühne nicht über die Musik dominiert

 

Dafür plätschern am Anfang projizierte Wasserfälle durch ein Biedermeier-Genrebild (Andreas Donhauser und Renate Martin). Die hübschen Kostüme verbreiten einen Hauch von Königlich Bayerischem Amtsgericht. Aber das passt zu dieser harmlos-ordentlichen Welt, in der nur ein paar Schein-Konflikte und Missverständnisse für Liebesverwirrung sorgen.

Auch wenn der Text munkelt, Rodolfo könnte Aminas Vater sein: Sturmingers Inszenierung schließt das aus Altersgründen aus. Maxim Kuzmin-Karavaev singt die Auftrittsarie des Grafen etwas wattig-dumpf, aber sein Rollenporträt eines eleganten Schwerenöters wirkt einigermaßen stimmig.

Maria Nazarova würde man ohne Weiteres auch die Amina zutrauen: Sie wertet die sonst zusammengestrichene Rolle der Wirtin Lisa mit Slapstick auf. Das hat seinen Reiz, birgt aber auch gewisse Gefahren der Soubrettenhaftigkeit. Und wenn sich Lisa am Schluss in eine zweite Nachtwandlerin verwandelt, tut die Regie ausnahmsweise zu viel des Guten.

Trotzdem: Es ist eine sehr runde, im besten Sinn altmodische Opernaufführung, in der die Bühne nicht über die Musik dominiert. Derzeit spielt das Gärtnerplatztheater seine Neuproduktionen in Aufführungsserien, die optimale internationale Besetzungen zulassen. Die Staatsopern-Klasse ist da nicht fern. Natürlich ist das Angebot an guten jungen Sängern groß. Ob das alles auch funktioniert, wenn dermaleinst das Gärtnerplatztheater wieder Repertoire im Stammhaus spielt?

Deshalb: Man nutze den Tag und die Stunde! Nach dem 25. Oktober gibt es vorläufig nur noch zwei Aufführungen Ende Juni und Anfang Juli.

Infos zu Terminen und Karten unter www.gaertnerplatztheater.de und Telefon 2185 19 60

 

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