Premiere in der Nürnberger Oper "La Juive" von Fromental Halévy - eine bedrückende Wiederentdeckung

Die Pessach-Szene im zweiten Akt von Fromental Halévys „La Juive“ mit Luca Lombardo (Eléazar) in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah

Mit Fromental Halévys Oper „La Juive“ werden heuer die Münchner Opernfestspiele eröffnet. Derzeit ist das Werk in Nürnberg zu sehen

Adolphe Nourrit hatte genug von den Strahlemännern. Der Heldentenor der Pariser Oper wollte endlich einen zwielichtigen Charakter spielen. 1835 erfüllte ihm Fromental Halévy in der Oper „La Juive“ diesen Wunsch: Eléazar, ein zweiter Shylock, rettet die Tochter seines christlichen Todfeinds und nimmt sie als seine eigene an. Am Ende sieht er zu, wie Rachels leiblicher Vater die vermeintliche Jüdin hinrichten lässt – aus Rache für die Auslöschung seiner eigenen Familie.

„La Juive“ ist eine typische französische Grand Opéra, die Pogrome und komplexe Figuren mit bisweilen arg gefälligem Koloraturgesang zusammenzwingt. Zwar haben alle großen Tenöre Eléazars Arie „Rachel, quand du seigneur“ gesungen. Aber die Oper verschwand vor 80 Jahren aus dem Spielplänen. Seit der Wiener Neuinszenierung von 1999 mit Neil Shicoff wird das Werk wieder häufiger gespielt. Dresden und Zürich hatten „La Juive“ im Spielplan. Bald übernimmt Mannheim Peter Konwitschnys Inszenierung aus Gent. Im Juli singt Roberto Alagna den Eléazar im Nationaltheater und am Sonntag kam das Werk im Staatstheater Nürnberg heraus.

„La Juive“ ist die Oper der Saison. Aber sie bleibt schwierig – wegen der herausfordernden Titelpartie und des jüdischen Themas. Gabriele Rech verstand Eléazar vor allem als trauriges Opfer. Wenn er entdeckt, dass sich Rachel mit einem Christen eingelassen hat, müsste er sich eigentlich auf Léopold mit dem Messer stürzen wie Shylock, um ihm ein Pfund Fleisch herauszuschneiden. Da drückt sich die Regisseurin dann doch um das Problem herum, dass sich die Hauptfigur der Oper eines Franzosen mit deutsch-jüdischen Wurzeln sich so fanatisch aufführt, wie sich Antisemiten des 19. Jahrhunderts einen Juden vorgestellt haben.

Bei Rech spielt die Geschichte in den Dreißiger Jahren. Auch das wirkt halbherzig. Ist in dieser Zeit ein mächtiger Kardinal wie Brogni vorstellbar, der sich aus dieser Oper kaum hinausinszenieren lässt? Und dann das Finale: Da wurde Rachel in einer Art Weihwasserbecken ertränkt und damit zugleich zwangsgetauft. Das Mittelalter von Halévys Oper ist da brutaler: Hier stoßen die Konstanzer Christen den Juden und seine Ziehtochter in einen Bottich mit kochendem Wasser.

Gut gesungen, gut dirgiert, gut vom Orchester gespielt

Die Nürnberger Aufführung stellt mehr Fragen, als sie Antworten oder gar szenische Lösungen bereithielt. Aber sie bewies auch, dass französische Oper mittlerweile nicht nur an ganz großen Häusern angemessen besetzt werden kann. Luca Lombardo sang den Eléazar mit einem metallischen, leicht nasalen Timbre, das zu dieser Musik passt. Allerdings geriet ihm in der großen Arie die Stimme außer Fasson. Leah Gordon spielte und sang die Rachel etwas gehemmt, aber kraftvoll. Uwe Stickert hatte keine Probleme mit den extremen Höhen in der zweiten Tenor-Rolle des Léopold, Nicolai Karnolsky sang den Kardinal Brogni angemessen wuchtig.

Außerdem haben die Nürnberger einen Dirigenten, der die filigranere französische Musik nicht mit handfester italienischer Oper verwechselt. Guido Johannes Rumstadt sorgte für rhythmische Beweglichkeit und satte Farben. Die Musiker der Staatsphilharmonie Nürnberg machten das klagende Duo der Englischhörner in „Rachel, quand du seigneur“ zu einem zartbitteren Klangereignis. Und im Graben sah man sogar eine Ophikleide, die im Unterschied zur üblichen Basstuba den Klang in den Chorszenen zuschärft.

Am Ende drängt sich der Vergleich mit Verdi auf: Das Finale von „Il trovatore“ versucht den Schluss von Halévys Oper schamlos zu überbieten. Da lässt nicht der Vater seine Tochter, sondern der Bruder seinen Bruder versehentlich hinrichten. Doch selbst beim wiederholten Sehen wird man feststellen: Die gut 15 Jahre ältere „La Juive“ mag musikalisch konventioneller sein. Aber ihr Schluss ist bedrückender, spannender. Und das will was heißen. Französische Grand Opéra ist noch kein Fall für das Opernmuseum.  

Wieder am 27., 30. 1., 7., 12., 25., 27.2. im Opernhaus Nürnberg, Infos unter www.staatstheater-nuernberg.de oder unter 0180- 5 231 500

 

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