Piotr Beczala über Verdis „Un ballo in maschera“ in der Staatsoper und seine Pläne mit Wagners „Lohengrin“ in Dresden

Ein Machthaber, sein Freund, dessen Frau. Verdis „Un ballo in maschera“ formt ein klassisches Eifersuchts-Dreieck aus Tenor, Bariton und Sopran. Am Sonntag bringt die Bayerische Staatsoper diese Oper in einer Inszenierung von Johannes Erath neu heraus. Zubin Mehta dirigiert, der polnische Tenor Piotr Beczala singt den Riccardo.

AZ: Herr Beczala, warum gilt der Riccardo als besonders schwierige Verdi-Partie?

PIOTR BECZALA: Ihre Vielfalt macht die Rolle so anspruchsvoll. Riccardo hat viele leichte Momente. Für Otello oder den Alvaro in „La forza del destino“ braucht man eine robustere Stimme. Der Spagat zwischen dem elegischen, schweren Verdi im Duett mit Amelia oder der Arie im letzten Akt und den verspielten Momenten am Anfang ist nicht ganz einfach. Aber gerade das macht die Rolle so interessant.

Warum hat Verdi die Figur so angelegt?

Riccardo hat sich in die Gattin seines besten Freundes verliebt. So etwas kommt vor. Psychologisch interessant ist, wie er mit diesem Zwiespalt umgeht: Der Ehebruch wird nicht vollzogen, er zieht sich zurück. Die Figur hat etwas von einem Spieler. Das charakterisiert Verdi musikalisch. Und Riccardo ist wie fast jeder Machthaber: Ein Nein will er nicht hören.

Mögen Sie diese Figur?

Den positiven Funken in seinem Charakter finde ich sympathisch und interessant. Das Verspielte und Unvorhersehbare macht es für mich so spannend, den Riccardo zu singen und darzustellen.

Riccardo ist eigentlich der schwedische König Gustav III. – Verdi musste das ändern, weil die Zensur sich an der Ermordung eines Königs störte. Welche Version wird gespielt?

Bei uns heißt er Riccardo. Musikalisch gibt es zwischen den beiden Versionen keinen Unterschied. Der Name ist nur wichtig, wenn man den historischen Hintergrund, das Königliche der Figur und das Interesse Gustavs am Theater hervorheben will. In Johannes Eraths Inszenierung ist die Epoche nicht wichtig.

Warum tragen Sie in der Inszenierung zeitweise einen Morgenmantel mit einer Woge?

Die Inszenierung verlegt die Geschichte in eine surreale Welt, eigentlich in Riccardos Kopf. Sie entfernt sich von konkreten Räumen und spielt zwischen vielen Treppen, die sich durch Licht und Projektionen verändern. Der Morgenmantel mit einer Woge – ein Motiv aus dem Werk des japanischen Künstlers Hokusai – symbolisiert das Meer, das Riccardo in der Barcarole besingt.

Warum lassen Sie sich neuerdings einen Schnurrbart stehen?

Für diese Inszenierung. Riccardo ist ein Typ wie Clark Gable. Die Aufführung hat den Zwanziger Jahren eine bestimmte Art der Bewegung abgeschaut.

Johannes Erath war früher Geiger und hat im Orchester der Wiener Volksoper gespielt. Inszeniert er deshalb musikalischer?

Auf der ersten Probe hat er über einen verminderten Akkord in der Ulrica-Szene gesprochen. Das hat mich umgehauen: Über so etwas reden Regisseure selten. Wir Sänger können uns instinktiv darauf verlassen, dass er die Emotionen der Figuren nicht gegen die Musik darstellen will.

Was folgt auf den Riccardo?

Ich singe erst „Ballo“ in Wien. Dann kommt im Mai mein erster Wagner: „Lohengrin“ unter Christian Thielemann in Dresden. Im Sommer folgt Gounods „Faust“ bei den Salzburger Festspielen.

Ist Ihnen der Griff nach dem „Lohengrin“ leicht gefallen?

Ich habe lange gezögert. Aber Thielemann hat mich überredet. Wir sprechen seit vier Jahren darüber. Ich bin froh, dass es keine Neuinszenierung ist – das Rollendebüt ist für mich aufregend genug.

Warum ist diese Rolle so heikel?

Der Lohengrin fängt lyrisch an. Der erste Akt ist nicht sehr anstrengend. Dann hat man fast 100 Minuten Pause. Es ist sehr schwierig, die Spannung zu halten und sich während der Unterbrechung weiter einzusingen. Richtig fängt die Rolle aber erst im dritten Akt, im Brautgemach an. Das sind die entscheidenden 25 Minuten.

Singen Sie die den kompletten „Lohengrin“?

Wir machen den üblichen Strich nach der Gralserzählung.

Sie stammen aus Polen. Wie nehmen Sie die politische Situation dort wahr?

Ich bin seit 24 Jahren weg und seit zwei Jahren Schweizer. Ich finde die Idee direkte Demokratie bewundernswert und sehr sympathisch. Aber ich denke, dass das so nur in einem kleinen Land gut funktioniert. Meine Heimat macht mir Sorgen: Ich fürchte auch um die Demokratie. Polen steht geografisch zwischen Osten und Westen. Ich halte es für einen Fehler, sich von Europa distanzieren zu wollen. Aber leider steckt vielen Leuten in Polen immer noch der Kommunismus in den Knochen.

Premiere am So., 19 Uhr, ausverkauft, ebenfalls alle Folgevorstellungen. BR Klassik überträgt. Livestream am 18. März, 22.10 Uhr, auf Staatsoper.tv