Frank Castorf inszeniert "Baal" von Bertolt Brecht am Bayerischen Staatsschausspiel

Der Schock kommt kurz nach Beginn des Gesprächs. Da hat Frank Castorf es sich in einem Stuhl bequem gemacht und erklärt, dass er im Grunde „seherisch“, bereits in der Anlage seiner „Baal“-Inszenierung sich mit den aktuellen Ereignissen – Pegida, Paris – beschäftigt habe: Jean-Paul Sartres Vorwort zu Frantz Fanons Manifest des Antikolonialismus, „Die Verdammten dieser Erde“ (1961), gehört zum Material, das Castorf im Zuge der „Baal“-Proben begeistert wieder gelesen hat: „Darin benennt Sartre unsere Komplizenschaft mit dem kapitalistischen System und prognostiziert, wie das alles auf uns zurückmarschieren wird.“

Und bevor Castorf genau erklären kann, inwiefern Josef Conrads „Herz der Finsternis“ in den Abend hineinspielt, bringt Resi-Pressesprecherin Sabine Rüter einen Brief herein. Castorf liest vor: „Herr Castorf, wir halten es für richtig, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr unqualifizierbares, im höchsten Grad unkünstlerisches Verhalten während der Probenzeit zu Baal uns als wissentliche Brüskierung sämtlicher Mitspielender und unbedenkliche Sabotage erscheint und es uns undenkbar macht, mit Ihnen je wieder künstlerisch zusammen zu arbeiten.“

Wenn tausend Leute Buh brüllen, ist das wie Rock’n’Roll

Gezeichnet ist der Brief von Intendant Martin Kušej. Castorf geschockt. Nein, doch nicht: „Das ist so einer der Scherze, die Ben Becker oder Alexander Scheer oder ich machen… 1926 hat Brecht einen Brief mit genau diesem Wortlaut bekommen. Er hat damals am Deutschen Theater ,Baal’ inszeniert. Brecht wurde von vielen Mitarbeitern, auch Freunden, als unsäglich arrogant, despotisch, selbstherrlich beschrieben. Der Brief war die Reaktion darauf, vermutlich von der Theaterleitung.“

Die echte Unterschrift von Martin Kušej müsse er noch organisieren, meint Castorf. Der Brief jedenfalls wird Einlass in die Inszenierung finden. Der Spaß an solchen Gags, am Spiel mit dem eigenen Image als Theaterberserker möchte beim Volksbühnen-Chef nicht abnehmen.

Und er wirkt ernst, wenn er - sein Assoziationsfluss sprudelt da schon seit einer Stunde – nochmal den 15-minütigen Buh-Sturm von Bayreuth reflektiert: „Das war eins der wenigen Glücksgefühle der letzten fünfzig Jahre. Das war Rock’n’Roll. Vorne tausend Leute, die Buh brüllen. Frauen, die wie Margot Honecker den blauen Weichspüler in ihren Haaren haben. Alle voller Offensivgeist! Ich habe sie geliebt und mit ihnen kommuniziert. Das hatte eine Tiefe, das hätte ich gerne viel länger gehabt.“

Kontroversen, einen schönen Skandal hat auch Brecht damals mit seinem „Baal“ erzeugt. Wie subtil Alfred Kerr die Uraufführung des Stücks 1923 in Leipzig verrissen hat, davon weiß Castorf genauso zu berichten wie von der legendären ersten Berliner Aufführung: „Sie endete im Tumult: Oben brüllte ein Mann ,Skandal’. Jemand anderes brüllte: Sie sind gar nicht aufgeregt, sie tun ja nur so! Daraufhin bekam er eine schallende Ohrfeige. Es war der Volksgeist. Vielleicht aber auch von Brecht inszeniert.“

Mit der Titelfigur des Stücks, dem Dichter Baal, der sich saufend und herumhurend, ohne Rücksicht auf seine Umwelt seiner Glückssuche verschreibt, möchte Castorf sich nicht identifiziert sehen. Aber die Lust am Theater, an der Provokation, am Wachrütteln der Weichgespülten treibt den 63-Jährigen weiterhin an.

Hat denn sein Theater bei aller Weltkritik und apokalyptischen Stimmung irgendwelche Utopien? „Nein, ich würde nie jemanden mit meiner Ansicht belästigen, wie die Welt besser werden könnte. Wenn Utopie, dann liegt sie bei mir im Moment. Das Moment von Anarchie, von Vitalität ist das, was mich interessiert. Auch der Moment von Sexualität – Sexualität zu praktizieren, so lange es geht. Ich weiß, dass es einen organischen Endpunkt gibt, aber den kann man lange hinauszögern.“

„Der Feind ist ein Stück von mir selbst“, sagt Frank Castorf

Zuletzt hat Castorf sich verstärkt mit Kriegsromanen umstrittener Autoren beschäftigt: Seine Resi-Adaption von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ war beim Berliner Theatertreffen eingeladen. Zuletzt legte er an seiner Volksbühne eine Sechs-Stunden-Show nach Curzio Malapartes Roman „Kaputt“ vor. „Das sind diese ganzen Rechtsrevolutionäre, zu denen auch Ernst Jünger und Carl Schmitt gehören, die mich interessieren. Heute macht man es sich ja leicht, sagt ,Wir sind Charlie’ und haut auf die AfD und Pegida drauf“, sagt Castorf. „Carl Schmitts Feindbegriff ist da für mich wichtig. Der Feind ist ja ein Stück von mir selbst. Ich kann auf einer gleichen Ebene mit diesem Feind kämpfen. Ich kann aber auch wie Herr Gottschalk in meinem Schloss sitzen und das verurteilen. Wenn ich mich mit dem nicht auseinandersetze, ist es immer bigott. Es gibt Menschen, die Mitleid empfinden. Aber wir sind doch viel zu sehr mit unserem amerikanischen Individualismus, mit unserer eigenen Ich-Sucht beschäftigt.“

Baal beschreibt für Castorf „eine gesunde anarchische individualistische Position“. Acht Schauspieler inszeniert er, mit den meisten hat er schon beim Céline zusammengearbeitet. Als das Resi „Baal“ vorschlug, war Castorf begeistert, weil er sich unter anderem an Volker Schlöndorffs großartige Verfilmung mit Rainer Werner Fassbinder als Baal erinnerte. „Beim Wiederlesen ging’s mir aber ähnlich wie Brecht, der sich zeitlebens mit dem Stoff auseinandersetzte: Was willste machen? Die Dramaturgie ist fad. Jeder Horváth ist besser. Aber die lyrische Grundsetzung ist ungeheuer stark!“

Die Baal-Gedichte Brechts dürften also eine große Rolle spielen. Ansonsten haben sich Castorf und sein Bühnenbildner Aleksandar Denič für die Ausstattung von Francis Ford Coppolas Kriegsfilm „Apocalypse Now“ inspirieren lassen. Brecht im vietnamesischen Dschungel. Sechs Stunden lang? „Nein, vielleicht vier Stunden. Ich würde mir aber nie trauen.“

Premiere morgen, Donnerstag, 19 Uhr, im Residenztheater, evtl. Restkarten, Tel. 2185 1940. Weitere Vorstellungen am 18. und 24. 1., 6., 13. und 18. Februar