Sehnsucht und soziale Ängste: Abdullah Kenan Karaca inszeniert Fassbinders „Katzelmacher“ als bunte Groteske im Volkstheater

Eigentlich, meinte Rainer Werner Fassbinder einmal, „hätte dies ein Stück über ältere Leute werden müssen. Aber es sollte am Antitheater realisiert werden. Jetzt sind sie alle jung“. Man war damals noch unter 30 einschließlich Fassbinder selbst, der in der Verfilmung von „Katzelmacher“ den griechischen Gastarbeiter Jorgos spielt. Auch die Inszenierung, die jetzt am Volkstheater läuft, ist eine durchweg junge Produktion, was nicht nur mit dem grundsätzlich niedrigen Altersdurchschnitt des Ensembles zu tun hat.

Regisseur ist der 29-jährige Abdullah Kenan Karaca, der das 1968 uraufgeführte Stück als Abschlussarbeit seines Studiums an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg inszenierte. Der Oberammergauer mit türkischem Hintergrund ist schon frühzeitig das geworden, was Fassbinder nie sein wollte: Hausregisseur an einem städtischen Theater wie dem Volkstheater. Aber die Zeiten haben sich geändert. So etwas wie „Antitheater“ als Rebellion gegen die bürgerliche Kultur können die Stadt- und Staatstheater mittlerweile besser als die Kellerbühnen.

Noch bevor Karacas „Katzelmacher“ in der Kampnagel-Fabrik Premiere hatte, war es bereits für das diesjährige Festival „Radikal jung“ gebucht. Nach der Münchner Premiere ist klar: Die Entscheidung war nicht voreilig. Diese 90 Minuten konzentriertes Theater werden ein Glanzstück des Festivals sein. Schon visuell ist die Produktion eine starke Setzung. Bühnenbildnerin Marlene Lockemann baute eine Art Bilderbuch, das Hintergrund und Spielfläche zugleich ist sowie sehr zwiespältige Frühlingsgefühle vermittelt.

Unbestimmte Sehnsüchte, soziale Ängste

Zum einen ist da die blühende Natur, wenn auch nicht im Original, sondern als Spielzeug für die Landschaftsgestaltung einer Modelleisenbahnanlage. Zum anderen die auf den ersten Blick unbändig fröhlichen Menschen, die darin herumspringen, wenn auch gerade in einer heftigen Bewegung festgefroren. Eine falsche Bewegung, und die Figur fällt aus der Schablone. Karaca empfindet mit dieser bunten Welt die groben Scharzweißbilder der Verfilmung nach mit ihren sehr engen Bildausschnitten einer erbarmungslos unbewegten Kamera.

Kurios die Kostüme von Sita: Die Herren in Kleidung und Haartracht ganz die deutschen Kleinstädter aus dem 19. Jahrhundert, die Damen in folkloristischen bis völkischen Dirndln, alle unter einer Plastikhülle. Nur Jorgos, der Katzelmacher (Timocin Ziegler), trägt heutigen Freizeitlook mit kariertem Hemd und schwarzen Lederjeans. Er ist das, was man heutzutage als „Überfremdung“ fürchtet. In dieser trostlosen bayerischen Ländlichkeit schürt er alleine durch seine bloße Anwesenheit unbestimmten Sehnsüchte, konkrete erotische Fantasien wie soziale Ängste.

Für fein ziselierte Psychologie ist in dieser sprechenden Rauminstallation kein Platz und auch kein Anlass. Die Dorfjugend aus den Pärchen Marie und Erich (Tamara Theisen, Pascal Fligg), Helga und Paul (Carolin Hartmann, Paul Behren) und Elisabeth und Peter (Mara Widmann, Jonathan Müller) ist das leider bestens funktionierende Modell eines emotional verwahrlosten Bürgertums. Fassbinders Text ist in Zeiten „besorgter Bürger“, die Kriegsflüchtlinge am liebsten an den Grenzen abknallen würden, sein Alter von 46 Jahren nicht anzumerken.

Münchner Volkstheater, heute, 17., 22. März, 10. April, 4. Mai, 19.30 Uhr, Telefon 5234655