Premiere im Gärtnerplatztheater Georg Schmiedleitner über "Der Wildschütz"

Der "Wildschütz" im Gärtnerplatztheater. Foto: Christian Pogo Zach

Ab Samstag zeigt das Gärtnerplatztheater die komische Oper „Der Wildschütz“ von Albert Lortzing

Wer den Namen Albert Lortzing hört, denkt an Biedermeier. Und zwar im doppelten Sinn: einerseits an eine Opern-Gemütlichkeit ohne große Konflikte, zugleich aber auch an untergründige Gesellschaftskritik. Der österreichische Regisseur Georg Schmiedleitner inszeniert am Gärtnerplatztheater den „Wildschütz“. Premiere ist am Samstag um 19.30 Uhr.

AZ: Herr Schmiedleitner, wer Lortzing spielt, verspricht die Demaskierung von Scheinmoral und beißenden Scharfblick. Sie auch?
GEORG SCHMIEDLEITNER: Autoren und Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzen sich immer mit dem Niedergang des Adels und dem Aufstieg des Bürgertums auseinander. Als Nestroy-geprüfter Regisseur reagiere ich sehr hellhörig auf Zwischentöne. Lortzing befindet sich da in guter Gesellschaft. Auch wenn seine Opern, deren Texte er selbst geschrieben hat, eher lustig daherkommen, sind sie doch gesellschaftliche Röntgenbilder.

Ist Lortzing wirklich ein deutscher Nestroy?
Natürlich ist das österreichische Biedermeier gefährlicher und böser als das deutsche. Aber man sollte Lortzing nicht unterschätzen. Bei uns kommen die Figuren aus dem Untergrund der Bühne und verschwinden dort auch wieder – mit einem Hauch von Grusel.

Wer ist eigentlich der „Wildschütz“?
Die Jagd ist natürlich auch ein Symbol für das Sexuelle und das Männlich-Draufgängerische. Die Hauptfigur ist ein dummdreister, tollpatschiger Lehrer. Er will für seine Hochzeitsfeier einen Rehbock schießen und wildert dafür im Gehege eines Grafen. Der entlässt den Lehrer. Es folgt eine komische amouröse Verwechslungskomödie adeliger Personen, die sich verkleidet einander annähern. Da wird viel angebaggert und verführt – bis an die Grenze einer Vergewaltigung. Am Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf, und es stellt sich heraus, dass der Lehrer keinen Rehbock geschossen hat, sondern einen Esel.

Sagt uns der Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum heute noch etwas?
Sicher. Superreiche sind die neuen Adeligen. Auch die Machtverhältnisse haben sich kaum gewandelt: Im „Wildschütz“ werden Frauen ziemlich hemmungslos und heftig angegrapscht. Da zeigt sich die fragwürdige Moral der gehobenen Gesellschaft. Und der Lehrer wäre immerhin bereit, seine Braut zu verkaufen.

Das ist das Finale des zweiten Akts, die Arie „Fünftausend Taler“. Das andere bekannte Stück ist die Billard-Szene.
Das ist bei uns ein Spiel mit Menschen, die wie Billardkugeln herumgeschoben werden. Die Szene ist ein sehr attraktives musikalisches Ensemble, das die Grundkonstellation des „Wildschütz“ spiegelt. Es setzt immer wieder neu an und mündet in ein Chaos.

Die Gräfin ist ein großer Fan von Sophokles. Ist diese Bildungssatire heute noch interessant?
Wir machen das große Tableau einer Theaterprobe daraus und haben auch einen Monolog aus „Antigone“ hineingenommen. Auch das ist ein Stück, in dem es um unerfülltes Begehren geht – insofern passt das zur Handlung des „Wildschütz“, in der Kunst, Erotik und Sex zusammenkommen.

Verlangen Sie als Schauspielregisseur mehr von Ihren Darstellern?
Ohne Spielfreude funktioniert Lortzing nicht. Ich versuche, die Sänger zu substanziellen Komödienspielern zu machen. Wir spielen auf einer großen Scheibe, die das Abrutschen und die Unsicherheit der Figuren als Bild sinnfällig macht. Auf diese Weise denke ich, dass wir dem biedermeierlich netten Salonstück entkommen.

Wie sind Sie als Schauspielregisseur zur Oper gekommen?
Der Nürnberger Intendant fand, dass meine Bilderwelt zur Oper passt. Er hat mir daraufhin gleich Wagners „Ring des Nibelungen“ angeboten. Wenn man viel Sprechtheater gemacht hat, freut einen das andere Genre. Die Grundkonstellationen bei den Proben sind allerdings allein durch den Chor, das Orchester und den Dirigenten anders. Oper und Schauspiel verhalten sich wie Biathlon und Abfahrtslauf: Beides findet im Schnee statt, aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit.

Auch am 23. und 30. Januar, 11., 16. und 23. Februar. Karten an der Kasse der Staatstheater am Marstallplatz, Telefon 2185 1960 und online unter www.gaertnerplatztheater.de

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