Preise über Preise Philipp Lahm: Das ist sein neues Leben

Auf der faulen Haut liegen? Niemals. Ehrgeiz und Neugier, die stetige Suche nach der nächsten Herausforderung haben den Fußballer Lahm angetrieben, nun treiben sie den Unternehmer Philipp Lahm an. Die Bilder. Foto: dpa, Augenklick

Im Sommer 2017 beendet der 34-Jährige seine große Fußball-Karriere – und sucht als Unternehmer neue Herausforderungen. Doch seine Rückkehr zum FC Bayern scheint nur eine Frage der Zeit.

München - Nach dem Spiel ist vor dem Preis. Oder anders formuliert: Karriere beenden, Bühne betreten. Wenn große Sportler dem Profidasein Lebewohl sagen, kommt die Zeit der Ehrungen und Auszeichnungen.

Philipp Lahm durfte im vergangenen halben Jahr sehr oft etwas entgegennehmen. Im Mai auf einem ihm vertrauten Podium in der Allianz Arena. Am letzten Spieltag erhält der FC Bayern die Meisterschale, es ist die fünfte in Serie. Lahm, der Münchner, der Kapitän, streckt die Hände aus, zum achten Mal gewinnt er den Titel. Und zum letzten Mal. Nach der Meisterparty ist Feierabend.

Und Zeit für Preise. Der Deutsche Fußball-Bund ernennt Lahm zum Ehrenspielführer der Nationalmannschaft. Erst fünf einstigen DFB-Kapitänen wurde diese Ehre zuteil: Fritz Walter (1958), Uwe Seeler (1972), Franz Beckenbauer (1982), Lothar Matthäus (2001) und Jürgen Klinsmann (2016). Noch mehr hat Lahm im August die längst überfällige Wahl zum Fußballer des Jahres bedeutet, eine Würdigung seiner Karriere.

Im Herbst folgten zahllose Ehrungen für den 34-Jährigen: Der "Persönliche Preis des Bayerischen Ministerpräsidenten", die "Bayerische Verfassungsmedaille", bei der GQ-Gala "Männer des Jahres" wurde er als "Sports Icon" gekürt. Schließlich im November der "Bayerische Stifterpreis" in Gold für sein ehrenamtliches Engagement.

Lahm: "Wir wollen neue Ideen entwickeln"

Dass ihn der "Stifterpreis" am meisten freute, charakterisiert Lahm punktgenau. Mit seiner eigenen Stiftung, die 2017 zehnjähriges Bestehen feiert, unterstützt er seit Jahren benachteiligte Kinder und Jugendliche. Für Lahm "ein Ansporn, unseren Weg weiter zu gehen. Wir wollen neue Ideen entwickeln, um unsere Projekte voranzutreiben."

Im Leben nach dem Fußball denkt Lahm nicht in Spielzeiten, Hin- und Rückrunden, Vorbereitungen und Turnieren. Er ist jetzt Unternehmer, investierte in verschiedene Start-Ups. Die starre Struktur des Profitums, die immer gleichen Abläufe - alles passé. "Ich habe jetzt einen viel abwechslungsreicheren Alltag als früher, kann mir meine Tage selber einteilen und auch einmal Zeit mit meiner Familie genießen", sagte er dem Merkur.

Endlich frei. Auf der faulen Haut liegen? Niemals. Ehrgeiz und Neugier, die stetige Suche nach der nächsten Herausforderung haben den Fußballer Lahm angetrieben, nun treiben sie den Unternehmer Lahm an. "Ich arbeite mich in viele neue Themen ein. Das sind alles Aufgaben, die mich ausfüllen und erfüllen." Er steht am Anfang der Karriere nach der Karriere.

Jenes 4:1 des FC Bayern am 20. Mai gegen Freiburg war Lahms letzter von insgesamt 652 Profi-Einsätzen, von der Regionalliga Süd bis hinauf zur Champions League. Dazu kommen 113 Länderspiele mit dem Höhepunkt in Rio de Janeiro 2014. Ein verkürzter Streifzug durch sein Titel-Portfolio: Neben den acht Meisterschaften sammelte er sechs Pokalsiege sowie je einem Champions-League und Klub-WM-Titel. Bereits im Februar hatte seinen Abschied verkündet. Ein Schlussmacher - ein Jahr vor Vertragsende.

Lahm und das Sommermärchen

Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger kicken immer noch. Der eine in der japanischen J-League für Vissel Kobe, der andere in der US-amerikanischen MLS für Chicago Fire. Mit Lahm waren die drei die Gesichter der Heim-WM 2006, wurden zu Sommermärchen-Helden, zu Weltmeistern der Herzen. Erst acht Jahre später in Brasilien konnten sie ihre Nationalelf-Karrieren krönen. Lahm trat am Morgen nach der Siegerparty in Rio zurück, servierte Bundestrainer Joachim Löw seinen Abschied zum Frühstück.

Schweinsteiger beerbte ihn als Kapitän, sein Unternehmen EM-Titel 2016 in Frankreich scheiterte. Das Aus im Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich leitete er mit einem Handspiel selbst ein. Podolski saß auf der Bank, Lahm zu Hause auf der Couch. Völlig andere (Gefühls-)Welten. Heute suchen Schweinsteiger und Podolski noch immer den richtigen Zeitpunkt, um sich vom Fußball zu verabschieden, auf die andere Seite zu wechseln. Lahm dagegen ist angekommen.

Typisch Lahm: Keine Kompromisse

Sein Abschied in diesem Sommer trotz eines hochdotierten, noch eine weitere Saison laufenden Vertrages ist d e r Rücktritt des Jahres. Aber Lahm spürte, dass er nicht mehr zu 100 Prozent mithalten kann, dass ihm, dem Rechtsverteidiger, die Jüngeren an der Außenlinie davonliefen. Daher machte er einen klaren Schnitt. Keine Kompromisse. Typisch Lahm. Als ihm die Bayern-Bosse die Stelle des Sportdirektors anboten, lehnte er ab. Weil er zu wenig Mitgestaltungsmöglichkeiten an der Seite - oder eher: unter - den Alphatieren Karl-Heinz Rummenigge sowie Uli Hoeneß ausmachen konnte, ihm zu wenige Kompetenzen versprochen wurden. Keine Kompetenzen, kein Kompromiss. Doch die Rückkehr zu seinem Herzensverein ist wohl nur aufgeschoben. Eines Tages wird die Zeit reif sein.

Momentan genießt er den lehrreichen Blick von außen auf den Fußball, wirbt auf Bitten des Verbandes ab sofort als Botschafter für die DFB-Bewerbung um die Europameisterschaft 2024. Ferne Zukunft. Nach dem ersten halben Jahr ohne Training und Spiele, ohne den Kabinengeruch und all die Reisen findet Lahm, es sei "schön, mal auf der anderen Seite zu stehen und neue Erfahrungen zu sammeln". Im Stadion war er seit Mai kein einziges Mal. "Aber das kommt noch, schon allein, weil mein Sohn sicher bald mal wieder sagt: "Papa, lass uns ins Stadion gehen!" Julian ist jetzt fünf. Ob er zur nächsten Ehrung seines Vaters mitgehen darf?

Am 13. Januar erhält Lahm den Karl-Valentin-Orden der Münchner Faschingsgesellschaft "Narrhalla!" für ein Zitat aus dem Jahr 2009, als er nach einem Länderspiel in den Vereinigten Arabischen Emiraten sagte: "Die meiste Luft hat der Ball".

Abgesehen davon ist dieser Preis längst überfällig: Philipp Lahm wurde an einem 11.11. geboren.

Lesen Sie hier: Erfolg trotz Altherrenriege - Hoeneß verspürt Genugtuung

 

Jetzt neu: Die AZ-App mit Push-Benachrichtigung!

Verpassen Sie nie mehr, wenn in München, Bayern oder Welt etwas passiert. Die App für Android und iOS mit automatischer Benachrichtigung für Ihr Smartphone oder Tablet gibt es hier kostenlos zum Download:

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

5 Kommentare

Kommentieren

  1. null