Preis-Explosion in der Au Altes Paulaner-Gelände: 766.000 Euro für zwei Zimmer im Erdgeschoss

So werden die neuen Wohnungen ("Am Alten Eiswerk") am Paulaner-Areal an der Ohlmüllerstraße aussehen. Wer drin wohnen wird? Menschen mit Geld. Foto: Formstadt Architekten

766.000 Euro für zwei Zimmer im Erdgeschoss auf dem alten Paulaner-Gelände – ein Symptom für die Entwicklung in der Au.

Au - Worte haben es an sich, dass sie flexibel sind, und damit auch Formulierungen dehnbar machen – wie das Versprechen der Bayerischen Hausbau, dass aus den Neubauten auf dem ehemaligen Paulaner-Gelände keine Luxusquartiere werden.

"Familien, Paare und Singles mit unterschiedlichem Einkommen" sollten sich die Wohnungen leisten können, erklärte das Immobilienunternehmen der Schörghuber-Gruppe.

Im Grunde ist das immer noch im Bereich der Wahrheit, wenn man sich die jetzt ausgeschriebenen Preise der Wohnungen "Am Alten Eiswerk" in der Au anschaut – auch sechs- und siebenstellige Jahreseinkommen sind ja per Definition unterschiedlich.

"Die Normalsterblichen leben da schon, aber an den Außenrändern"

Da kostet nun eine Zweiraumwohnung im Erdgeschoss (65,45 Quadratmeter) schon mal 766.000 Euro. Ein-Zimmer-Appartments zwischen 35 und 40 Quadratmetern – nur unwesentlich größer als der Torraum auf einem handelsüblichen Fußballplatz – gibt es ab 399.000 Euro. Ein Tiefgaragen-Stellplatz ist für 45.000 zu haben.

Nun muss schon Bierschaum im Kopf haben, wer damit gerechnet hatte, dass die 1.500 Wohnungen auf diesem prominenten Gelände zu Schleuderpreisen veräußert werden würden. "Das war zu erwarten, dass die Preise sich steigern", sagt auch Adelheid Dietz-Will (SPD), die Vorsitzende des Bezirksausschusses Au-Haidhausen.

Als sie am MIttwoch die konkreten Zahlen hört, ist sie trotzdem kurz sprachlos. "Wahnsinn, die Preise, Wahnsinn", sagt sie dann. "Wer soll denn da hin, wer soll das finanzieren?" Der normale Münchner, davon geht sie aus, jedenfalls nicht. Zu den Bürgerversammlungen, die es zum Neubau gab, seien am Ende fast keine Anwohner mehr gekommen. "Da stand neben mir eine Gruppe aus Wien, die fragte: ,Wann können wir endlich kaufen?’"

Das Gebiet rund um den Nockherberg, das gesamte ehemalige Arbeiterviertel, ist im Umbruch und wird sich in den kommenden Jahren komplett verändern – äußerlich wie innerlich.

Alte Au, neue Au

Viel hat sich bereits gewandelt in der Gegend – vieles wegen der sogenannten Aufwertung, die so viele fürchten. 2011 musste Untergiesings "Wohnzimmer" schließen, die Kneipe Burg Pilgersheim – weil das Haus luxussaniert wurde.

Aus dem Haus am Mühlbach – einst eine Justizvollzugsanstalt – soll ein "Denkmal für Wohnkultur" werden. Das Gebäude steht seit acht Jahren leer, das Landratsamt klagte gegen vorherige Planungen. Wenn es nach dem Bauherren geht, ziehen hier "Anspruchsvolle" ein, die "Wert auf Qualität" legen.

Bis zum Starkbier-Anstich 2018 soll auch der Paulaner-Komplex umgebaut sein – der Festsaal wird größer, die Gaststätte modernisiert – kulinarisch erwarte der Gast jetzt mehr, als den normalen Schweinebraten, heißt es von den neuen Betreibern Christian Schottenhamel und Florian Lechner.


Sabine Pauls Kneipe Burg Pilgersheim - Untergiesings "Wohnzimmer" - wurde 2011 von der Luxussanierung gefressen. Foto: Klaus Primke

Anwohnerstruktur

"Abhilfe bei der Wohnungsnot" verschaffe das Neubauprojekt, schreibt die Hausbau auf wohnen-am-nockherberg.de, "und lässt neuen, dringend benötigten Wohnraum für die Münchner Bürgerinnen und Bürger entstehen".

30 Prozent der Wohnungen sind auch als geförderte Mietwohnungen geplant – wie von der Stadt gefordert. Das sind sie aber nur für 25 Jahre. Danach gehen sie in den normalen Verkauf. "Bis dahin leben da schon auch Normalsterbliche", sagt Dietz-Will, "aber nur an den Außenrändern, entlang der Regerstraße. Da, wo der Kindergarten hinkommt. Die Leute da können sich nämlich nicht über den Lärm beschweren. Die wissen, dass sie keine Chance haben."

Der Mieter-Aktivist Maximilian Heisler kritisiert: "Die Anzahl der geförderten Wohnungen ist lächerlich. Als teuerste Stadt der Republik sollte man da schon mehr fordern, als die gesetzlichen Mindestwerte."

Ein neues Heim für "Anspruchsvolle", die "Wert auf Qualität legen": das Haus Mühlbach. Foto: Lea Kramer

Mieten

Ohne Sozialwohnungen würden viele nicht mehr im Viertel leben: Die freien Mieten explodieren. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung am Mariahilfplatz (75 Quadratmeter) ist gerade zu haben für 1.300 Euro im Monat – Kaltmiete. In der Unteren Weidestraße werden 62 Quadratmeter für 1.450 Euro kalt sicher auch Mieter finden.

"Bei neuen Wohnarealen wie dem Paulaner-Gelände ist ja immer die spannende Frage, ob die Besitzer überhaupt am Leben teilnehmen", sagt Heisler, "oder ob die direkt weitervermieten, weil sie das als Geldanlage betrachten. Das geht dann in den Mietspiegel ein und andere Wohnungen werden mit der Zeit dadurch auch teurer."

Die Bayerische Hausbau erklärt auf AZ-Anfrage, die Preise bewegten sich "auf Marktniveau". Neben den Eigentumswohnungen Am Alten Eiswerk und am Nockherberg würden auch Miet- und Werkswohnungen an der Welfenstraße errichtet.

Der Verkauf der Wohnungen startet Ende September. Seit gestern haben sich bei Dietz-Will aber schon Anwohner gemeldet, die einmal an einem Kauf interessiert waren – nun allerdings, wie sie schreiben, konsterniert sind. "Das wird alles noch mehr werden", sagt die Politikerin. "Wir sind nicht mehr gefragt hier. Wir sind zu billig."


Aus vier Teilarealen besteht die Neubebauung auf dem alten Paulaner-Gelände (v.l.): dem an der Falkenstraße, Am Alten Eiswerk, an der Regerstraße und der Welfenstraße. Foto: Formstadt Architekten

Der Kommentar vom AZ-Lokalchef: Aufwertung der Au - Ein übles Zeichen

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