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Popmusik Vor Papas Piano

Christian Jooß, vom 02.02.2012 17:00 Uhr
Blumen zum Valentinstag – und dann hat man doch wieder keine passende Vase: der verjazzte Romantiker Paul McCartney. Foto: Mary MacCartney
Blumen zum Valentinstag – und dann hat man doch wieder keine passende Vase: der verjazzte Romantiker Paul McCartney. Foto: Mary MacCartney

„Kisses On The Bottom”: Mit seinem neuen Album erinnert sich Paul McCartney an die heile Musikwelt seiner Kindheit

Man stelle sich eine Hotellobby in Marokko vor. Draußen strömt der Regen. Ein paar Kellner räumen auf. Und am Klavier, da klimpert einer. Schreibt, inspiriert von den Tropfen und vom Valentinstag einen Song, der sich jetzt als „My Valentine” auf seinem neuen Album findet. Eric Clapton verhübscht das mit brav erwartbaren Licks auf der akustischen Gitarre.

Paul McCartneys Album „Kisses On The Bottom” ist eine Rolle rückwärts, noch vor die ersten Tage der Beatles. So landet Paul vor dem Klavier des Vaters, der in den 50ern am Neujahrstag für die Familie ins Repertoire der amerikanischen Crooner greift. Und abgesehen von zwei Eigenkompositionen wird sich erinnert. Mit swingenden Gitarren und Violine nähert man sich „It’s Only A Paper Moon”, pfeifend schlendert Paul über die Straße: „My Very Good Friend The Milkman”. Und findet: „Ac-Cent-Tchu-Ate The Positive”. Das mit dem Jazzbesen hingetuschte „Bye Bye Blackbird” – scheint in seiner abgeklärten Bar-Melancholie wie eine späte Antwort auf den McCartney-Song ähnlichen Namens – damals noch voll Jugendeuphorie.

Die immer etwas jungenhafte Paul-Stimme hat passendes Understatement für die hohe Kunst der leichten Unterhaltung. Und weil die eben nicht mit einem Fingerschnipsen zu haben ist, sitzt am Klavier Diana Krall, die hier dem Ex-Beatle ihre eigene Band zur Verfügung stellt. Aufgenommen hat man im Capitol Studio A in Hollywood, im Geisterschatten von Sinatra, Nat King Cole und anderen. Und da McCartney dann und wann noch den Orchestersound will, wurde in den Londoner Abbey Road Studios noch das London Symphony Orchestra eingespielt. Zum Abschied besucht, zum ersten Mal seit „Ebony & Ivory”, auch wieder Stevie Wonder den Paul im Studio – als Mundharmonika-Spieler. Der schon erwähnte Clapton hat ja unlängst erst mit Wynton Marsalis den Jazz und Blues der Kindheit hochleben lassen.

Aus der Kindheit scheint bei Paul, der am 18. Juli 70 wird, überraschungslos perfekter Schönklang herüber. Musik, mit der man das Vergessen des Liverpooler Bombenterrors übte und versuchte, gepflegte Bürgerlichkeit wieder aufzunehmen. In jugendlicher Gnadenlosigkeit haben die Stones seinerzeit die Wunde der Geburtsstunde aufgerissen: „I was born in a crossfire hurricane”. Allerdings: Auch wenn die amerikanischen Rock’n’Roller die Mersey-Jugend zum Aufbruch aus der Elterngeneration brachten. Die Lieblingsmusik der Erzeuger hat sich als immer warme Erinnerung natürlich auch im Hintergrund der Beatles-Karriere gehalten. „Ask Me Why”, „Do You Want To Know A Secret”, „Till There Was You”, „If I Fell”, „And I Love Her” – um nur die ersten Jahre querzuhören.

Paul McCartney: „Kisses On The Bottom” (MPL Communications Inc./Universal)

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