Drei Jahre war er in der politischen Versenkung verschwunden – jetzt will sich Axel Berg (53) als SPD-Bundestagskandidat aufstellen lassen. Doch für viele Genossen ist er ein rotes Tuch

München Die Wahl war fast ausgezählt. Nur ein paar Stimmzettel fehlten noch. Die Waage neigte sich leicht, aber beständig zu Axel Berg. Da schaute sein Gegenspieler Johannes Singhammer blass und gefasst drein und hielt ihm die Hand entgegen: „Herr Berg...“ – er wollte ihm schon zur Direktwahl als Bundestagsabgeordneter gratulieren. „Abwarten, abwarten“, wehrte Berg ab. Das Wort klang noch im Raum, da traf es ihn wie ein Faustschlag: verloren! In der letzten Minute. Die letzten Stimmen waren – für Singhammer.

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Der rote Held Bayerns – geschlagen. Dreimal hatte Berg seit 1998 den Bundestagswahlkreis München Nord gegen Johannes Singhammer (CSU) direkt gewonnen. Zweimal errang er sogar das einzige rote Direktmandat in ganz Bayern. Und dann – das Aus. Durch seinen Streit mit dem Münchner SPD-Vorstand hatten sie ihn auf den undankbaren Landeslistenplatz 17 abgeschoben.

Am Donnerstag will es Axel Berg (53) wieder versuchen und sich als Bundestagskandidat aufstellen lassen. Doch die Verwerfungen sind so groß, dass er es mit einem ernst zu nehmenden Gegenkandidaten zu tun hat: Florian Post (31), BWL-Profi, der auch ohne lange Münchner Parteikarriere die Kandidatur will.

Am Donnerstag geht es im Alten Wirt in Moosach in Wirklichkeit nicht um dieses Duell. Die eigentliche Frage lautet: Berg oder nicht Berg? – Berg und die SPD: Zwei, die zusammengehören, aber ganz offenbar nicht so recht zusammenpassen wollen.

Seit besagter Wahlnacht im September 2009 hat die Münchner SPD keinen SPD-Bundestagsabgeordneten mehr. Denn danach ging’s bergab. Es war das vorläufige Ende einer tragischen Geschichte: Von einer SPD, die mit ihrem erfolgreichsten Kandidaten (nach Ude) nichts anfangen kann und ihn hinter den Kulissen befehdet und ausgrenzt.

Und einem bundesweit gefeierten Helden, der in der Münchner SPD nie heimisch geworden ist, und aus seiner Abneigung gegen dumpfe Parteidisziplin auch nie einen Hehl gemacht hat.

Außerhalb der Partei versteht das kaum einer. Denn Berg hat es wie kaum ein Zweiter in der Münchner SPD immer wieder geschafft, Parteifreie zu begeistern. Unter Künstlern, Intellektuellen und Umweltaktivisten hat er einen großen Fankreis. Als Spezialist für Solar und Erneuerbare Energien ist er international unterwegs. „Zu etwas anderem konnte er auch nichts sagen“, klagen Spitzenfunktionäre. Aber im Angesicht seiner eigenen Basis sah man oft Ratlosigkeit: Wenn sich Berg auf Versammlungen im Öko-Kauderwelsch verlor und ihm keiner mehr folgen konnte – oder wollte. Das alles war einmal. „Seit drei Jahren hat man nichts mehr von ihm gehört“, klagen Partei-„Freunde“. Seit drei Jahren war er in der Partei nicht mehr präsent. „Er hat nicht einmal einen Vortragsabend zur Energiepolitik gemacht“, knurrt ein Genosse.

Berg ist nur noch Beisitzer im Vorstand seiner kleinen Hausmacht Schwabing- Alte Heide. Im Stadtvorstand wollte ihn die Partei schon lange nicht mehr. Von dem fühlte er sich auch immer schlecht behandelt – und der von ihm.

Basis? Das waren für „den Axel“, wie ihn alle nennen, seine Touren mit seinem „Berg-Bus“ durch den Wahlkreis, als er stundenlang auf Märkten stand und die Menschen ansprach. „Es stimmt, dass ich mich in der Partei wenig habe blicken lassen. Ich gehe lieber zu Bürgerterminen.“

Am Anfang seiner Bundestagskarriere hatte der gebürtige Stuttgarter noch spekuliert: „Wenn ich den Wahlkreis nochmal gewinne, dann bin ich der nächste OB-Kandidat.“ Er hat gewonnen – aber in Sachen OB hat ihn nie einer gefragt.

Dabei war es Christian Ude, der den jungen Anwalt als „Zukunftshoffnung und großes Nachwuchstalent“ zur SPD geholt hatte.

Berg profilierte sich als Bezirksausschussvorsitzender in Schwabing und gefiel Ude „richtig gut“ mit seiner bürgernahen Arbeit: „Aber dann begann eine lang anhaltende, wechselseitige Entfremdung.“

Als Berg in seinem letzten Wahlkampf auf den Plakaten „die Politiker“ verhöhnte, war es aus. Jetzt wird auch der Erfolg des früher Erfolgreichen heruntergespielt: „Das ist doch ein sicherer SPD-Wahlkreis“, brechen ihm manche Genossen einen Zacken aus der Krone. Dabei hat Singhammer 2009 das Gegenteil bewiesen.

Berg ist seine eigene Marke. Am liebsten lässt er das SPD-Logo ganz weg. Forsch und burschikos, unkonventionell, grün, intellektuell – und ein ungebremster Dauerredner. Berg verkörpert den Großstadt-Sozialdemokraten. In vielen Fragen gilt er als Liberaler – zum Ärger der Genossen. Da passt er nach Schwabing und in die Maxvorstadt. Gerade mit seinen Umweltthemen. Seine Wahlergebnisse sprechen Bände: Die lagen immer weit vor den Stimmen für die SPD.

Aber so ein Individualist, der die Klaviatur des Parteiapparats nicht beherrscht, passt nicht in eine auf Ordnung, Disziplin und Einheitlichkeit geeichte Münchner SPD hinein. Das hat er den Genossen auch oft genug unverblümt zu verstehen gegeben. Freunde gewinnt man so nicht.

Und was hat er die ganzen Jahre in der Versenkung gemacht? Er ist Vorsitzender der deutschen Sektion von Eurosolar („der wichtigste Thinktank für Energiepolitik“, so Berg). „Ich arbeite als Anwalt in Energiesachen und berate Leute, Institutionen und Firmen.“ Er ist stolz auf seine materielle Unabhängigkeit: „Ich arbeite für die gute Seite und muss mich nicht verbiegen.“

Und jetzt? „Ich bin hungrig auf Politik, ich will wieder ran – und Singhammer schlagen.“ Es ist seine „Lust auf die Macht, ich will etwas bewegen“.

Berg – der Unsichtbare. Aber auch von seinem Gegner Florian Post aus der Maxvorstadt hat man noch nie etwas gehört. Er ist das Kaninchen aus dem Zylinder. Post war drei Jahre bei den Wirtschaftsprüfern Price Waterhouse Coopers und arbeitet seit 2009 als Stratege an der Seite seines Parteifreundes Florian Bieberbach bei den Stadtwerken. Ein Parteiamt hat er hier keins, war aber SPD-Ortsvorsitzender im Heimatdorf Leuchtenberg in der Oberpfalz. Da hat es seine Mutter zur Bürgermeisterin der 1300-Seelen-Gemeinde geschafft.