Polen Weichsel: Fließend polnisch

Nicht viel Komfort, aber wendig und praktisch: mit solch kleinen Motoryachten lässt sich die Weichsel auch ohne Bootsführerschein erkunden. Foto: Diemar

Die Bootstour auf der „Anetka“ beginnt in der sehr bescheidenen Marina der Warschauer Rudervereinigung am Czerniakowski- Hafen mitten im Stadtgebiet. Früher, erzählt ein Mann, der die Angel ins Wasser hält, war hier der elegante Yachtclub Warschau beheimatet. Er zählte vor dem letzten Weltkrieg mehr als 2000 Mitglieder. Stromkilometer Null, ab dem man früher die Weichsel zu befahren pflegte, liegt bei Auschwitz. Die Beklemmung ist schnell vergessen. Angler und Spaziergänger winken vom Ufer. Möwen segeln als kreischende Begleitung mit. Kormorane halten Wache auf gelbgoldenen Sandbänken.

Der Sommerhimmel über dem breiten Strom ist so blau wie das Wasser, und Skipper Lukasz ist von entwaffnender Herzlichkeit. Nur ans Steuer lässt er einen nicht. Also einfach Wind und Wellen genießen. „Königin der Flüsse“ wird die Weichsel im Volksmund genannt. Polens längster Strom ist mehr als 1000 Kilometer von der Quelle in den Schlesischen Beskiden bis zur Mündung in die Ostsee unterwegs. Bedeutende Städte liegen an den Ufern der Weichsel: Krakau, Warschau, Danzig. An manchen Stellen ist die Weichsel mehr als einen Kilometer breit und gilt trotzdem nicht als schiffbar. Denn seit Jahrzehnten schon wird die Fahrrinne nicht mehr ausgebaggert, und der Fluss bleibt sich selbst überlassen. Deshalb ist die Weichsel, ähnlich wie die Loire in Frankreich, inzwischen ein echtes Naturkind. Auen und Sandbänke im Wasser bieten der Vogelwelt ein ideales Revier, rare Pflanzen gedeihen an den Ufern. Seltene Schwarzstörche halten Wache am Ufer. Seeschwalben üben Sturzflüge auf der Suche nach Fischen.

Allein mit sich und dem Fluss: helle Sandbänke, grünblauer Wasserlauf

Wer die Angel in den Fluss hält, kann köstliche Fische wie etwa Zander fangen. So viel Schönheit müsste doch touristisch zu erschließen sein, dachte sich der junge Unternehmer Lukasz Krajewski. Der studierte Volkswirt und passionierte Wassersportler ließ extrem flache Hausboote bauen und bietet seit 2008 Touren für Touristen damit an. Von Krakau bis Danzig sind vier Streckenabschnitte von jeweils rund 200 Kilometern buchbar. Auf dem Dach sind geländegängige Fahrräder für die Landausflüge festgezurrt. Gefahren wird auf den einwöchigen Touren im Konvoi von maximal fünf Booten mit einem erfahrenen Skipper, der im ersten Boot vorausfährt. Zu viele Untiefen warten, oft ist man im Zickzackkurs unterwegs, um die sicherste Passage zu suchen. „Der Hut ist absolut wasserdicht, damit kann man notfalls ein Boot ausschöpfen!“ Jaroslaw Kaluza trägt mit Stolz den traditionellen Filz mit dem Band aus Kaurimuscheln. Früher kauften sich die Weichselflößer die kostbaren Muscheln, wenn sie die Ostsee erreicht hatten und den Lohn ausgezahlt bekamen. Inzwischen bewahrt der Verein der ehemaligen königlichen Flößer die Tradition. Heute legen sie in Czerwinsk an, ein Idyll von einem Fischerdorf mit einer aus Backstein gefügten Klosterkirche im romanischen Stil. „Das Wasser will gelesen werden“, erklärt Lukasz.

Er sitzt am Steuer, das Echolot ebenso im Blick wie verräterische Kräuselungen auf der vorausliegenden Wasserfläche. Ein zweiter Skipper steht zuweilen am Bug und sucht zusätzlich mit dem Fernglas das trügerische Blau ab. Wer mit Lukasz unterwegs ist, muss wissen, dass er keinen Hausbooturlaub auf die Luxustour gebucht hat. Gute acht Meter sind die kleinen Motoryachten lang. Es gibt keine privaten Kabinen und nur wenig Komfort. Man schläft in einer einzigen Kajüte. Bettwäsche oder Kopfkissen gibt es nicht, wohl aber einen Schlafsack und eine zusätzliche Decke. Kühlschrank, kleiner Herd und Spüle und eine Bootstoilette komplettieren die Ausstattung. Wer sich waschen will, muss das mit der Dusche an Deck tun, was nur im Sommer ein Vergnügen ist. Viele Gäste sind jedoch gerade von diesen abenteuerlichen und trotz Skipper- Begleitung preiswerten Hausboot- Touren begeistert. Das Leben an Bord ist ein Pfadfinderdasein zu Wasser. Man legt an einer Sandbank an, macht ein Lagerfeuer, grillt Fisch, Fleisch oder Würstchen und schaut in die Baumkronen, die unter dem hohen Himmel rauschen. Oder man beobachtet die Vögel und denkt daran, dass sie frei genug waren, um bei den heftigen Kämpfen, die um diesen Fluss einst gefochten wurden, mit ihren schnellen Schwingen zu entfliehen.

Manchmal ist die Vegetation so üppig, dass sie fast tropisch anmutet. Wie etwa bei Zakroczym, wo ein Kunstmäzen über dem Steilufer eine Villa erbaut hat, in deren Gästehaus von Zeit zu Zeit Künstler auf Einladung des Hausherrn logieren. Die Tür steht auch für unseren Skipper und seine Gäste offen. Lukasz scheint Hinz und Kunz an den Gestaden der Weichsel zu kennen. Einmal fliegt ein privates Flugzeug über uns, dreht um, zieht noch eine Schleife, um mit wackelnden Tragflächen zu grüßen. Dann ist man wieder allein mit der Weichsel, die sich auf Lateinisch und Englisch „Vistula“ nennt. Der Fluss trägt die Boote heute bis Plock. Malerisch liegt die Kleinstadt mit der vorbildlich restaurierten Altstadt auf einer Terrasse hoch über dem grünblauen Wasserlauf und dem hellen Sandstrand. „Du kannst nicht den Lauf der Weichsel ändern, indem du mit einem Stock in ihrem Wasser rührst“, pflegt der polnische Volksmund Aufschneidern zu raten. Aber mit etwas Glück erlaubt einem der mächtige Strom, sich auf seinem breiten, feuchten Leib entlangzutasten. Und bescheiden zu werden ob der Weite des Flusses und diesem hohen Himmel, der sich darüber spannt.

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