1. Im Paradies (von gestern)
Unvergessene Heimat! Mit diesem Schlachtruf im Herzen kommen seit vielen Jahren deutsche Touristen nach Masuren, das einmal der südliche Teil von Ostpreußen war, also deutsch. Robert Kempa, gelernter Historiker und Touristik-Chef von Lötzen (Gizycko), ist nicht ganz wohl, wenn er daran denkt. Nicht weil er den Deutschen böse Absichten unterstellt. Ganz im Gegenteil, er sieht das deutsch-polnische Verhältnis so, wie es ist: entspannt. Aber als Touristiker weiß Kempa, dass es nicht ewig so weitergehen kann. „Sie kommen in unser Büro“, erzählt Kempa über den klassischen deutschen Heimweh-Touristen, „und stellen immer die gleichen Fragen: Ich bin da und da geboren, wie heißt die Straße heute, und steht mein Elternhaus noch?“ Kein Problem. Kempa, der wie viele hier fließend Deutsch spricht, hilft gerne. Aber diese Masuren-Urlauber sind nicht mehr die Jüngsten, die meisten in den 20er oder 30er Jahren geboren. Schon bald werden sie nicht mehr auf Reisen gehen, weder nach Masuren noch anderswohin. Und dann? Kempa stellt sich das so vor: „Der neue Masuren-Tourist aus Deutschland ist eine junge Familie mit Kindern so um die zehn oder zwölf Jahre.“

2. In der Fremde
Schon die Anreise ist beschwerlich. Masuren ist weit weg. Im Nordosten Polens. Weiter als Mallorca. Selbst wenn man es schon bis Berlin geschafft hat, sind es noch 700 Kilometer. Über elf Stunden Fahrt mit dem Mietwagen. Von Danzig aus sind es immer noch über 250 Kilometer. Nach Palma de Mallorca dagegen geht alle paar Stunden ein Flugzeug von Deutschland. Flugzeit: zwei Stunden. Warum also Masuren statt Mallorca? Die Landschaft ist unspektakulär schön: ein paar Tausend Seen, grüne Wiesen, Wälder, blauer Himmel - wie aus einem Ausmalbuch für Kinder. Und die Wahrscheinlichkeit, dass man unverhofft auf Nachbarn oder Verwandte trifft, ist gering. Wer Ruhe sucht, Abgeschiedenheit, für den lohnt sich die weite Reise nach Masuren. Zum Abtauchen eben.

3. Im Abenteuerland
Seit ein paar Jahren versucht Masuren, es den neu umworbenen Touristen, der deutschen Familie mit Nachwuchs, recht zu machen. Es gibt Hotels jeder Preisklasse, Campingplätze und Ferienwohnungen, es gibt Wander- und Radwege, Kajaktouren, Hausboote zum Mieten, Reiterhöfe, Streichelzoos und Erlebnisspielplätze. Es gibt alles, aber man muss es finden. Auch das Radfahren ist nicht ganz einfach. „Eigentlich“, berichtet Touristiker Kempa, „soll bei jeder Straßenbaumaßnahme ein Radweg angelegt werden. Aber keiner hält sich daran.“ Also: Wer sich mit Masuren anfreunden will, sollte etwas Abenteuerlust und Pioniergeist mitbringen. Nicht alles, was sich Schlosshotel nennt, bietet mehr Komfort als eine ordentliche Jugendherberge. Und manche Unterkunft hat trotz beherzter Sanierung noch immer Baracken-Charme. Was kein Wunder ist: Viele der Anlagen, die heute Feriensiedlung sind, wurden im kommunistischen Polen als Erholungsheim der Parteikader genutzt.

4. Im Museum
Renate Marsch war viele Jahre deutsche Korrespondentin in Warschau. Heute lebt die Rentnerin in Galkowo. Dort hat ihr Sohn ein altes Gemäuer reaktiviert, bietet Gästezimmer, organisiert Ausflüge. Frau Marsch tänzeln die Sonnenstrahlen des masurischen Spätsommers übers Gesicht. Ein angenehmer Wind weht. Wie in einer TV-Serie. Rosamunde Pilcher in Masuren. Warum also sollen deutsche Touristen nach Masuren kommen, Frau Marsch? „Erstens ist es schön, zweitens ist es schön, drittens ist es eine Begegnung mit der eigenen Geschichte.“ Ganz ohne Geschichte geht es in Masuren offenbar doch nicht. Marsch hat für die Gäste ein Marion-Dönhoff-Zimmer eingerichtet mit Büchern, Fotos und Dokumenten aus dem Leben der Gräfin, die 1945 auf ihrem Pferd Alarich vor den anrückenden Sowjets aus Ostpreußen floh, über ihre Heimat mehrere Bestseller verfasst und sich zeitlebens um die Aussöhnung mit Polen bemüht hat.

5. Im Paradies (Von Morgen)
Eckehard Rutnik hat Angst, dass sie aus seinem Revier bald einen Nationalpark machen, alles verbieten, was Touristen Spaß macht und ihm Geld bringt. Rutnik, Typ kauziger Alleinunterhalter, spricht echten ostpreußischen Singsang. Er ist 69 und fährt Touristen seit über 30 Jahren mit dem Stakenboot über die Krutynia, den schönsten Fluss Masurens. Das Vergnügen gab es schon vor dem Krieg. Die Gäste kamen aus Königsberg oder Berlin. „So viele Jahre staken wir schon hier. Es ist noch nichts kaputtgegangen, wir machen sogar noch sauber. Das habe ich von den Grünen noch nicht gehört“, sagt Rutnik. Den Kampf, der seit Jahren tobt, werden Rutnik und seine Widerständler, darunter viele Bürgermeister und Hoteliers, wohl nicht gewinnen. Denn führende Politiker sind der Ansicht, dass das wichtigste Pfund Masurens im Kampf um die neuen Urlauber aus Deutschland seine Ursprünglichkeit ist. Und die soll geschützt werden - durch einen Nationalpark. Viele von Rutniks Fahrgästen fühlen sich auf der Krutynia an den Spreewald erinnert. Rutnik findet aber, dass es hier viel schöner ist als im Spreewald. Und warum? „Es gibt nicht alle paar Meter eine Pommes-Bude.“ Und damit es genauso bleibt, argumentieren die Befürworter, muss der Nationalpark her. Dass Stakenbootfahren auf der Krutyna dann verboten wäre, ist unwahrscheinlich. Die Touristen werden’s zufrieden sein. Die alten - und die neuen auch.