Neue CD und im Circus Krone: Poetry Slammerin Julia Engelmann Fräulein Funkelstein-Regenbogen ist da

Konfetti, Stern, Grapefruit-Sonne – mittendrin: Julia Engelmann, die mit Poesie und Musik den Circus Krone füllt. Foto: Veranstalter

Julia Engelmann wurde schlagartig bekannt mit einem Gedicht bei einem Poetry Slam. Inzwischen gibt es ein Buch, eine Tour, bald ein Album – und viele Neider.

München – Die Sonne scheint. Ach nein, nicht die Sonne: Es ist eine riesige Grapefruit-Scheibe. Daneben spannt sich ein Regenbogen zwischen zwei Fluffwölkchen, ein Papierflieger segelt vorbei. All das passiert auf der Jeansjacke von Julia Engelmann. „Hab ich gestern Abend noch draufgebügelt“, sagt sie fröhlich.

Die Feelgood-Bildchen gibt’s in der Fan-Box ihrer neuen CD „Poesiealbum“ (erscheint am 3. November) – die selbstgemalten Motive haben sie auch schon als Teile des Bühnenbilds auf ihrer Tour begleitet. Ihr Handy funkelt – es ist vollgepappt mit bunten Kunststoffsteinen. Die hat sie auch selbst aufgeklebt. „Ich mag so witzige Sachen. So billige Glitzersteine und Aufnäher“, sagt Julia Engelmann. Fräulein Funkelstein-Regenbogen.

Fast elf Millionen Mal wurde ihr Slam-Auftritt bei Youtube angeschaut

Ihr Auftritt im Circus Krone ist so gut wie ausverkauft, bei ihrem letzten Auftritt dort war er’s auch. Hat sie damit gerechnet? „Nein, weil ich eigentlich auch jeden Moment erwarte, dass irgendjemand sagt: Du hast dich geirrt, wir kommen alle nicht“, sagt sie lachend. „Das ist inzwischen alles mehr, als ich mir ansatzweise hätte träumen lassen.“

Fast elf Millionen Mal wurde das Youtube-Video inzwischen angeschaut, mit dem sie 2014 ihren Durchbruch hatte – damals war die Bremerin 21 Jahre alt, studierte Psychologie und nahm am Bielefelder Hörsaal-Slam teil. Das Gedicht „One Day / Reckoning“ (eher bekannt als „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“) markiert den Anfang eines Weges, den sie seitdem eher singend springt als einfach geht.

"Ich glaube sogar, du bist nicht nur okay, du bist gut", sagt sie sehr ernsthaft

In „Eines Tages“ heißt es: „Wenn wir dann alt sind/ und unsere Tage knapp/ und das wird sowieso passieren/ dann erst werden wir kapieren/ wir hatten nie was zu verlieren/ denn das Leben, das wir führen wollen/ das können wir selber wählen“. Die Aussage ihrer meisten Texte, der kleinen Gedichte mit selbstgezeichneten Bildern, ist ähnlich: Trau dich. Alles wird gut. Und du bist okay so, wie du bist.

„Ich glaube sogar: Nicht nur, wie du bist, bist du okay, sondern wie du bist, bist du gut“, wirft sie sehr ernsthaft ein. Unter Engelmanns Youtube-Videos und Facebook-Posts kommentieren die Menschen wie verrückt: „Ich muss einfach auch beim tausendsten Mal anschauen immer heulen“, „Das Video ist Augen öffnend“, „Wunderschön und so wahr“. Nach Auftritten kommen sie zu ihr: „Unglaublich rührende Begegnungen sind das. Da kommen Paare, die mir erzählen, wie eins meiner Gedichte sie zusammengebracht hat, oder Menschen, die ein Tattoo haben von einer meiner Zeichnungen oder ein Mädchen, das Zuhause eins meiner Lieder immer singt.“

"Auf den Winter folgt immer der Frühling" - für diese süßliche Art wird sie auch kritisiert

Und was tut sie an Tagen, an denen sie selbst nicht ganz glaubt, dass alles gut wird, dass sie okay ist, wie sie ist? Julia Engelmann zieht kurz die Augenbrauen zusammen. „Man muss, glaube ich, unterscheiden zwischen der Art des nicht so guten Tags oder der Phase. Ich würde auf keinen Fall auf jede Krise sagen: ,Wart einfach ab, das wird schon wieder!’ Aber Gefühle sind ein bisschen wie innere Jahreszeiten. Manchmal ist der Winter ein bisschen länger und der Sommer nicht ganz so warm. Aber ich bin mir sicher, dass auf den Winter immer wieder der Frühling folgt. Daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern.“ Sie lächelt in die Sonne, die echte.

Für diese etwas süßliche Art wird sie auch kritisiert. „Immer wenn ich zu gut drauf bin“, schreibt ein Slam-Kollege bei Facebook, „schau ich mir an, welche Bauernregel Julia Engelmann aktuell mit krakeligen Zeichnungen versehen und verbreitet hat.“ Sie wird angegriffen für etwas, das sie – wie alle anderen in diesem Berufszweig – einfach tut und das so viele auch gut finden.

"Anders ist nicht falsch, bloß ne Variante von richtig": eine von Julia Engelmanns Zeichnungen, die sie auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht.

Was macht das mit ihr, dass ihr da offensichtlich Menschen den Erfolg neiden? Sie setzt sich sehr gerade hin: „Erstens ist das mein Charakter. Ich schreibe wirklich so, wie ich bin. Wenn ich versuchen würde, lustiger zu sein, würde das nicht hinhauen und ich hätte daran auch kein Interesse. Ich finde es schön, für mich Dinge einfach runterbrechen zu können, hinter denen auch lange Überlegungen stecken können. Es gibt Thesen, die für alle zugänglich sind. Nichts von dem, was ich denke oder fühle oder sage, ist exklusiv. Das haben ganz viele vor mir gesagt, das werden auch noch ganz viele nach mir sagen.“ Aber das positive Feedback zeige, „dass jeder einen ähnlichen Kern in sich trägt“.

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Um Authentizität geht es den Kritikern, vor allem denen aus der Slam-Szene und dem Medienjournalismus. Ein Redakteur des Magazins „Stern“ kündigte Engelmann nach einem Auftritt im NDR öffentlich die Bewunderung auf: „Eines Tages, Baby“ habe ihn begeistert – dann kam die Talkshow und der „überwältigende Eindruck von Kalkül und Inszenierung“. Was fängt sie mit so etwas an? „Ich glaub, das geht ganz schnell, dass man einen Menschen sieht und ein Gefühl hat dazu, wie der so ist. Das finde ich auch nichts Verwerfliches. Am Ende des Tages ist mir aber am wichtigsten, was ich von mir halte und die Menschen, die mir viel bedeuten und mich auch wirklich kennen. Und darauf versuche ich mich immer wieder zu konzentrieren.“

Julia Engelmann schlägt die Beine übereinander. Sie glänzen gülden, die Socken von Fräulein Funkelstein-Regenbogen.

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Am 21. Oktober tritt Julia Engelmann im Circus Krone in München auf.

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