Pläne im Tal und am Isartor Stadtbäche in München freilegen? "Es ist genügend Platz da"

So könnte das Tal Richtung Marienplatz in Zukunft wieder aussehen, wenn die Ideen von Markus Uhrig umgesetzt würden. In der Mitte sieht man eine neue Hochbrücke, wo früher auch schon eine war: an der Hochbrückenstraße. Wo die beiden Fragezeichen sind, schlägt Uhrig eine Lichtinstallation und zwei kleine Denkmäler vor: eins für Heinrich den Löwen und eins für Kaiser Ludwig den Bayern. Dafür könnte man einen Wettbewerb ausschreiben. Foto: Visualisierung: Grafikbüro Formstadt

Ein Münchner Architekt will das Tal und das Isartor wiederbeleben: mit zwei Stadtbächen und dem Stadtgraben als urbane, grüne Oase – mit vielen historischen Bezügen.

München - Seit 2011 arbeitet Markus Uhrig in seinem Architekturbüro und seiner Wohnung in der Reichenbachstraße an einer Idee: Stadtbäche wiederbeleben, das Isartor aus der Verkehrsumklammerung befreien, neue Stadträume schaffen, die auf Altes zurückgehen. Kann das gut gehen?

AZ: Herr Uhrig, ist Ihre Idee mit Stadtbächen und dem Wiederausheben eines Stadtgrabens am Isartor denn nicht zu mutig?
MARKUS UHRIG: Nein, sie ist viel unkomplizierter machbar, als man denkt.

Verkehr, Bachläufe, die S-Bahn drunter, der Altstadtring vor dem Isartor – alles kein Problem?
Alle vier Hauptachsen in den Stadtkern hinein sind doch schon für den Verkehr geschlossen: die Fußgängerzone vom Stachus und Odeonsplatz her sowie die neue Fußgängerzone Sendlinger Straße. Da kann mir keiner sagen: Das geht im Tal aber nicht. Außerdem will ich keine sterile neue Fußgängerzone, sondern eine wunderbar offene Straße mit einem Stadtbach, der dem alten Bächle und dem historischen Strohhammerbach in der Mitte folgt sowie einer modernen Brücke an der Hochbrückenstraße.


Querschnitt eines Vorschlags: Vor dem Isartor wieder an den Stadtgraben erinnern, dort unten eine grüne Freifläche mit Bachlauf schaffen und eine Brücke zum Isartor schlagen. Grafik: Markus Uhrig

Und der Verkehr?
Links und rechts eines solchen Bachlaufes wären immer noch jeweils sechs Meter, wo Lieferverkehr bis in den Vormittag einfahren könnte, wie es in der Fußgängerzone auch geregelt ist.

Einen wirklich großen Eingriff schlagen Sie für das Isartor vor: den Burggraben wiederherstellen! Dabei ist da der S-Bahnhof darunter, und der Altstadtring braucht Platz.
Zur S-Bahn geht man über vier Meter nach unten, und das Sperrengeschoss dehnt sich gar nicht unter dem ganzen Isartorplatz aus. Mein Vorschlag ist, den Stadtgraben als große Grünanlage wiederherstellen. Die historische Brücke über den Stadtgraben auf das Isartor zu kann man modern wieder hinzufügen. Und der Zugang zum Sperrengeschoss wäre dann vom Burggraben aus.

Sie vergessen aber, dass vor dem Isartor der brutal in den 60er Jahren in die Stadt hineingebrochene Altstadtring vorbeirast – dort, wo jetzt Ihr grüner Burggraben mit Wasserläufen wäre.
Ich bin Ingenieur und Architekt und kenne auch die Empfindlichkeiten von Teilen der Bürger und der Politik, wenn Autoverkehrsraum beschnitten werden soll. Aber das Fantastische ist: Es ist genügend Platz da, dass man den Altstadtring in einem leichten Bogen vom historischen Isartor wegschieben kann. Sogar ohne einen einzigen Straßenbreite-Meter zu verlieren.


Das Tal trennten früher zwei Bäche in die Alte-Peter-Seite (südlich: Tal Petri) und die Frauendom-Seite (nördlich: Tal Mariä). Der Architekt Markus Uhrig fasst sie zu einem Bachlauf zusammen. Weitere Bachläufe und der Burggraben ums Isartor sollen einen neuen, begrünten Wasser-Rundweg ergeben.

Jetzt ist das Tal aber gerade erst neu hergerichtet worden.
Ja, aber letztlich mutlos. Die wenigsten Münchner wissen, dass es zu jedem der großen Stadttore weiter innen noch einen weiteren Turm gab. Man erkennt das noch an dem Wechsel der Straßennamen: Vom Sendlinger Tor her stand der Ruffiniturm am Übergang zur Rosenstraße, wo jetzt das schöne Ruffinihaus mit seinen Graffiti steht. Oder dort, wo die Kaufinger- zur Neuhauser Straße, dann da, wo die Dienerstraße zur Residenzstraße wird: Überall da standen weitere Stadttore. Nur der Turm beim Alten Rathaus stand im 20. Jahrhundert noch und wurde auch nach dem Krieg wieder aufgebaut als Teil der sogenannten Heinrichstadt, benannt nach dem Stadtgründer Heinrich dem Löwen. Von hier geht es im Tal hin zum Isartor. Diese einzigartige historische Verbindung sollte man viel stärker wiederbeleben, als nur die Gehwege etwas zu verbreitern, wie gerade geschehen. Und der Raum um das Isartor herum ist auch verschenkt.

Sie haben zu Ihren Plänen auch schon Kontakt mit der Stadt gehabt. Der Oberbürgermeister war interessiert?
Ja, und ich habe auch der Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk in einem Schreiben meine Ideen erklärt.

Und?
Frau Merk weist richtigerweise darauf hin, dass das Isartor – wie es heute dasteht – keinen echten Teil der spätmittelalterlichen Befestigungsanlage mehr darstellt. Sie ist deshalb skeptisch, was eine historisierende Rückbaumaßnahme anbelangt. Auch ich selbst halte nicht viel davon, so zu tun, als ob es Umbauten und Zerstörungen nicht gegeben hätte. Was viele Münchner auch gar nicht wissen: König Ludwig I. hat den Abbruch des Isartors verhindert und seinen Architekten Friedrich Gärtner das Isartor romantisch rekonstruieren und umbauen lassen. Mir geht es also nicht um eine Pseudomittelalterlichkeit, sondern darum, aufgrund historischer Gegebenheiten alte Stadtstrukturen modern wieder offenzulegen und lebenswerten Lebens- und Erlebnisraum für Bürger und Besucher zu schaffen.

Und, um es sarkastisch zu sagen: Die Asphaltschneise des Altstadtrings steht sicher noch nicht unter Denkmalschutz.
Das Schöne ist: Man muss die verschiedenen Interessen gar nicht gegeneinander ausspielen. Sie können sogar koexistieren, und das Isartor wäre keine traurige Verkehrsinsel mehr.

Es hat ja schon viele Initiativen gegeben, Stadtbäche wieder an die Oberfläche zu holen. Auch die Sonnenstraße war schon einmal als Boulevard mit Bächen, die an den alten Stadtgraben erinnern, vorgeschlagen. Zur Zeit ist auch die Idee wieder aufgetaucht, durch die Herzog-Wilhelm-Straße wieder einen Stadtbach an der Oberfläche fließen zu lassen.
Das zeigt ja, dass viele Münchner sich das wünschen. Das ist auch nicht rückwärtsgewandt, sondern lässt auf durchaus modern gestaltete Weise Historisches wieder spüren.

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