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Pinakothek der Moderne Franz Marc: Der Mythos eines verschollenen Bildes

Franz Marc, Der Turm der blauen Pferde, Vorzeichnung, 1912 Foto: Staatliche Graphische, Sammlung München

Seit seinem spurlosen Verschwinden 1945 nach Kriegsende ist von Franz Marcs berühmtestem Gemälde "Der Turm der blauen Pferde" nur noch ein unvergessener Mythos übrig.

Zuletzt öffentlich zu sehen war das Bild vor genau 80 Jahren auf der ersten Station der Ausstellung "Entartete Kunst" in München im Juli 1937. Danach verlieren sich seine Spuren in Berlin. Kaum ein zweites Meisterwerk der Klassischen Moderne hat eine vergleichbar wechselvolle Geschichte wie dieses Gemälde. Bis heute weiß man nicht, ob dieses Bild überhaupt noch existiert und wo es sich befindet.

Aber systematisch und intensiv nach ihm gesucht hat in der Fachwelt ebenfalls kaum jemand. Was das Verschwinden dieses Hauptwerks des Münchener Blauen Reiters und des deutschen Expressionismus für die Kunstszene heute bedeutet, das untersucht nun eine Doppelausstellung, für die sich das Haus am Waldsee in Berlin und die Staatliche Graphische Sammlung in München zusammengetan haben.

Eingeladen haben sie 20 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, die die Geschichte und Wirkung des Bildes mit Gemälden, Zeichnungen, Installationen und Fotografien reflektieren. In den 1920er Jahren war "Der Turm der blauen Pferde" zu einem Schlüsselwerk einer der Moderne zugewandten bürgerlichen Gesellschaft geworden – womöglich auch, weil man in ihm einen Gegenentwurf zur vorangegangenen Katastrophe des Ersten Weltkriegs gesehen hat.


Slawomir Elsner, Der Turm der blauen Pferde, Farbstift auf Papier (nach Franz Marc, 1913), 2016 © Slawomir Elsner, Foto: Sebastian Schobbert

Bevor die Ergebnisse der Auseinandersetzung der neun zeitgenössischen internationalen Künstler mit Marcs Bild in den Ausstellungsräumen zu sehen sind, kann man im Durchgang zu ihnen die Geschichte des Bildes auf Vitrinenwänden im typischen Marc-Blau in allen Einzelheiten nachlesen. Betritt man dann die Schauräume, fällt als erstes der Fußboden mit tiefen Spuren im schwarzen Holz auf - ein monumentaler Holzschnitt von Thomas Kilpper mit dem Titel "Spuren des Krieges", der auf die martialischen Aspekte anspielt, die im "Turm der blauen Pferde" aufscheinen.

Die Panzerketten eines Leopard 2 haben sich darin eingegraben, die Kilpper mit Zitaten aus Marcs "Briefen aus dem Feld" ergänzt und so dessen Kriegsbegeisterung mit der Spur der Zerstörung eines modernen Panzers konfrontiert. Slawomir Elsner liest Marcs Bild als zeitlos gültiges Zeichen und hat mit höchster formaler Unschärfe eine Farbstiftzeichnung vom "Verschwinden" geschaffen. So können wir das Phantom eines Meisterwerks sehen, das aber nur eine delikate zeichnerische Reflexion darauf ist. Viktoria Binschtok spielt mit ihren Fotos von Gebrauchsgegenständen mit dem "Turm"-Motiv auf frühe Farbreproduktionen des Bildes an, die als Postkarten und Sammelbilder für dessen weite Verbreitung und Wertschätzung sorgten.

Diese Form ist heute von der digitalen Bildkultur und der Omnipräsenz und Verfügbarkeit aller Bilder abgelöst worden. Die Künstlerin thematisiert damit also die Kommerzialisierung eines verschollenen Bildes in einer globalen Konsumgesellschaft. Die ursprünglich physische Existenz des Bildes wird von einer virtuellen eingeholt.

Die Künstlerin Almut Hilf erörtert in ihrer Arbeit "In den Augen des Teichhuhns" die Frage, ob man nicht von einem wie auch immer gearteten emotionalen Vakuum sprechen müsse, seit der "Turm der blauen Pferde" verschollen ist. In ihrer abstrakten Raumcollage scheinen Versatzstücke der bisherigen Ausstellungsorte des Bildes auf (Neue Secession München, Berliner Kronprinzenpalais, Hofgartenarkaden München), aber das Gemälde selbst bleibt ausgespart. Stattdessen hat sie einen "virtuellen" Raum darüber gelegt, der atmosphärisch das Schattendasein des Bildes vollends besiegelt.


Dieter Blum, Blaue Pferde, Digitaldruck 1992/2016 © Dieter Blum, Foto: Dieter Blum

Dieter Blum hat seinen Digitaldruck "Blaue Pferde" blau eingefärbt und versteht die riesige Fotografie als Projektionsfläche für romantisierte Sehnsüchte und wirklichkeitsferne Utopien, wie sie im "Turm der blauen Pferde" ihren Höhepunkt finden. Als Werbefotografie für einen Tabakkonzern entstanden (der sie dann nicht wollte), fungiert sie jetzt als Mythos einer grenzenlosen Freiheit.

In ihrem monumentalen Gemälde "RIP – Lost and Found" hat Tatjana Doll Marcs Meisterwerk wiederauferstehen lassen, das wie ein greller Wiedergänger daherkommt, denn sie hat es als kritischen Kommentar mit Lackfarbe gemalt. Die am Motiv der Pferde sichtbar werdende existenzielle Lebenserfahrung von Bedrohung, Schutzsuche und Flucht, die von außen auf die Tiere eindringen, stehen konträr zu deren Würde, Friedfertigkeit und Harmonie – so bleibt das verschollene Bild seltsam aktuell.

Im Mittelpunkt der theatral inszenierten Schau mit gelben, roten und blauen (den Farben des Originals) – und an den Seiten auch weißen - Wänden aber hängt die wunderbare Postkarte mit dem fast identischen Motiv, die Franz Marc zu Beginn des Jahres 1912 an seine Künstlerfreundin Else Lasker-Schüler geschickt hatte und die sich heute im Besitz der Staatlichen Graphischen Sammlung befindet. In dieser "Vorzeichnung" legte Marc schon haargenau die Komposition und den Farbklang für das spätere Bild fest. Die Gouache mit Tusche auf Karton ist der einzige bis heute bekannte Entwurf zum gleichnamigen Gemälde – wie ein Phantom, das dessen Existenz beglaubigt. Sie vermittelt ungebrochen eine Vorstellung von der Intensität, mit der das Original die Betrachter in seinen Bann gezogen haben muss.


Bis 5. Juni in der Pinakothek der Moderne: Die Staatliche Graphische Sammlung zeigt: "Vermisst. Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc"

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