Pilotfolge bei Sky 1 TV-Kritik zu Babylon Berlin: Zeitenwende im deutschen Fernsehen

Babylon Berlin ist ein opulentes TV-Event. Einen ersten Vorgeschmack liefert unsere Fotostrecke. Foto: Frédéric Batier/X Filme 2017

Es ist die teuerste deutsche TV-Serie aller Zeiten und zugleich ein ungewöhnliches Kooperationsprojekt zwischen Pay-TV und öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Der Aufwand, der für "Babylon Berlin" betrieben wurde, lässt viel erhoffen und ist zugleich eine gewaltige Hypothek. Die Kritik zur Pilotfolge.

Eigentlich ist es unverständlich, dass es unzählige Filme und sogar Serien gibt, die sich mit den beiden Weltkriegen beschäftigen, wohingegen die faszinierende Zeit dazwischen, die sogenannten "Goldenen Zwanziger" bislang sträflich vernachlässigt wurde. "Babylon Berlin" will diese Lücke schließen und greift dafür auf das höchste Budget zurück, das jemals für eine deutsche TV-Serie zur Verfügung gestellt wurde. 40 Millionen Euro für zwei Staffeln mit insgesamt 16 Folgen, das entspricht 2,4 Millionen Euro pro 45-Minuten-Folge. Zum Vergleich: Ein 90 Minuten langer "Tatort" ist gerade einmal halb so teuer.

Allerdings muss man dem Regisseur-Trio Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries zugutehalten, dass es das viele Geld sichtbar sinnvoll eingesetzt hat. Das Berlin der Zwanziger wurde mit einer Detailverliebtheit nachgebaut, die man sonst nur aus großen Kinoproduktionen kennt. Oder anders ausgedrückt: mit TV-Niveau hat all das nichts mehr zu tun. Seien es die verruchten Partys im legendären Varieté "Moka Efti", die kommunistischen Revolutions-Pläne in einem alten Lagerhaus oder die heruntergekommene Wohnung der ärmsten Hauptstadtbürger: all das wirkt authentisch und keineswegs künstlich. Lediglich bei einer überraschend dilettantisch umgesetzten Autofahrt wird die Immersion gebrochen und der Zuschauer merkt kurz, dass hier mit Kulissen und Computer eine längst vergangene Zeit erneut zum Leben erweckt wurde.

Charakter- und Gesellschaftsstudie statt Action

Babylon Berlin: Gereon Rath (VOLKER BRUCH) mit Charlotte (LIV LISA FRIES)
Volker Bruch und Liv Lisa Fries liefern in "Babylon Berlin" Glanzleistungen ab. Foto: Frédéric Batier / X Filme 2017

Ebenso beeindruckend wie das Bühnenbild und die Kostüme sind die Darsteller. Auch hier ließen sich die Produzenten nicht lumpen und griffen auf ebenso begabte wie unverbrauchte Darsteller zurück. Volker Bruch brilliert in der Rolle des zugleich talentierten und naiven Kölner Kommissars Gereon Rath. Der geht nach Berlin, um einen Sadomaso-Film zu finden, mit dem Konrad Adenauer erpresst wird, kämpft aber zugleich mit den Dämonen des Ersten Weltkriegs, die er nur mit starken Medikamenten im Zaum halten kann. Heutzutage würde man sagen, dass er am Posttraumatischen Stresssyndrom (PTSD) leidet, in der Serie stuft sein undurchsichtiger Berliner Kollege Bruno Wolter (großartig: Peter Kurth) die Wracks der "Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts" schlicht als "kaputte Maschinen" ein, die zu nichts mehr zu gebrauchen seien. Liv Lisa Fries spielt die weibliche Hauptrolle der Charlotte Ritter mit all der Vielschichtigkeit, die ihr komplexer Charakter mit sich bringt. Tagsüber verdient sich Ritter als Stenotypistin bei der Polizei ein paar Mark dazu, während sie von einer Karriere bei der Mordkommission träumt, des Nachts arbeitet sie als Prostituierte, um ihre bitterarme Familie über Wasser zu halten.

Auch wenn das Budget der Serie Hollywood-typische Dimensionen hat, halten Tykwer, Handloegten und von Borries an einem typisch europäischen Erzählstil fest, vermeiden schnelle, hektische Schnitte und nehmen sich stattdessen Zeit für ihre Geschichte. Die ersten 90 Minuten "Babylon Berlin" (Die Pilotfolge ist eine Doppelfolge) werden darauf verwendet, die verschiedenen Handlungsstränge und Charaktere einzuführen, die Geschichte aufzubauen. Wenn die Pilotfolge schließlich durch ist, sind vier große Handlungsbögen aufgebaut, ohne dass die Erzählung allzu weit gekommen ist. Stattdessen kennt man allerdings schon zahlreiche Facetten der Protagonisten – Charakter- und Gesellschaftsstudie statt Action.

Das ist eine mutige Entscheidung, die so wohl nur im öffentlich-rechtlichen und Bezahl-Fernsehen möglich ist. Ein Privatsender müsste den Zuschauer sofort mit einem dramatischen Cliffhanger packen, um dessen Rückkehr nächste Woche zu garantieren. "Babylon Berlin" verzichtet auf diese Holzhammer-Methode und wird gerade dadurch interessant. Es ist eine erwachsene Serie für anspruchsvolle Zuschauer, die Generation "Fast & Furious" hingegen wird den Zugang wohl eher nicht finden.

"Babylon Berlin" könnte eine Zeitwende für das deutsche Fernsehen einläuten

Babylon Berlin: Ilja Tretschkow (TIM FISCHER) im Holländer
Die Inszenierung von "Babylon Berlin" übersteigt das sonstige Niveau des deutschen Fernsehens deutlich. Foto: Frédéric Batier / X Filme 2017

"Atmen Sie ganz ruhig. Ein - und auch aus. Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu ordnen. Lassen Sie sie einfach los", sagt ein Hypnotiseur am Anfang der Serie zu Gereon Rath. Es ist zugleich auch eine Botschaft an den Zuschauer: Lassen Sie sich auf die Serie ein, lassen Sie das bildgewaltige Werk auf sich wirken. Ohne Nebenbeschäftigung, ohne Smartphone oder Tablet als "Second Screen". Denn "Babylon Berlin" fasziniert von Beginn an. Ob die Serie Erfolg haben wird, ob sie tatsächlich so gut ist, wie sie sein kann, lässt sich nach dem Pilotfilm allerdings noch nicht absehen.

Nun kommt es auf die nächsten Folgen an: Können sie das Niveau halten, auch wenn die Schlagzahl erhöht wird? Falls dem so sein sollte, dürften wir vor einem der größten TV-Erfolge der deutschen Geschichte stehen und ein völlig neues Kapitel heimischer Fernseh-Produktion aufschlagen. Ein Misserfolg hingegen dürfte das Schicksal des deutschen Fernsehens als Medium für "Bauer sucht Frau", "Lindenstraße" und "Wetten dass..?" auf Jahre hinweg zementieren. "Babylon Berlin" spielt mitten in einer Zeitenwende – und hat das Potential eine ebensolche einzuläuten. Selten war deutsches Fernsehen spannender.


"Babylon Berlin" läuft ab 13.10.2017 immer freitags, 20:15 Uhr in Doppelfolge auf Sky 1. Parallel auch auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand verfügbar. Im Herbst 2018 erfolgt die Ausstrahlung in der ARD.

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