Philharmonie am Gasteig David Garrett geigt Tschaikowsky

David Garrett bei seinem Konzert im Gasteig. Foto: Jens Niering

Unser genialer Verführer: David Garrett zeigt in der Philharmonie sein rein klassisches Können und spielt dabei alle seine Trümpfe aus

Von Klassik-Kritikern argwöhnisch beäugt, von Frauen geliebt, als Pop-Gott mit Geige in der Olympiahalle turnend, vom Altmeister Yehudi Menuhin in den Himmel gelobt, nach einem Sexskandal im Internet gesteinigt, als herausragender „Paganini“ in einem mittelmäßigen Film verschlissen: An David Garrett scheiden und reiben sich die Geister. Wer ihn aber in der Philharmonie mit einem rein klassischen Konzert erlebt, weiß: Dieser Mann ist kein Scharlatan, eher ein spielerischer Schelm, jedenfalls aber ein spielerisch großer Künstler.

Das Sinfonieorchester Basel hatte vor der Pause Tschaikowskys 4. Symphonie gespielt. Dennis Russell Davies führte dabei das konzentrierte Orchester ohne Ecken und Kanten, die Blechbläser schnitten etwas scharf, was aber eine zu große Weichheit vermied. So gelang alles ohne jegliche romantische Schwere. Diese ernsthafte Leichtigkeit war dann auch eine wunderbare Vorbereitung für das Konzert für Violine und Orchester in D-Dur mit David Garrett an diesem reinen Tschaikowsky-Abend.

Es ist kein Zufall, dass Garrett dieses bekannte Werk für seine klassische Tournee ausgesucht hat – nicht, weil es das erste große Violinkonzert ist, das er schon als 15-Jähriger auf CD eingespielt hat, sondern weil es „wunderschöne Melodik und große Virtuosität“ vereint, wie Garrett gerne erzählt. Denn mit diesem Violinkonzert kann man eben allen zeigen: den Kritikern, dass man ein Meister ist und dem Publikum, dass Klassik eine hohe Kunst der Unterhaltung ist.

Leitwolf, aber keine Rampensau

Garrett steht dabei ganz nahe beim Dirigenten, mit dem er fast permanenten Blickkontakt hält, auch während und auch Kontakt mit Orchestermusikern aufnimmt. So ergibt sich ein harmonisches Dreieck aus Solist, Dirigent und Orchester. Und Garrett ist hier zwar Leitwolf, aber eben keine Rampensau. Und er treibt das Orchester nie wie ein Jagdhund vor sich her. Man könnte Garrett vorwerfen, dass er dem russischen Konzert von 1878 mit seinem Spiel die Wärme nimmt. Sein Abstrich hackt hart und akzentuiert etwas theatralisch die Melodiebögen.

In diesem Sinne ordnet sich Garrett der Komposition nicht unter. Angenehmerweise lässt er aber seine „Busch“-Stradivari nie „weinen“, sondern singen. So wird die Sologeigenstimme zu einem wild-tragischen Lied. Kein Ton wird verschliffen. Die schnellen Läufe stehen kristallklar im großen Raum der vollen Philharmonie.

Klare Antworten

Auf die ewige Diskussion, ob die Klassik Zukunft habe, gibt Garrett in seiner Person eine klare Antwort: Ja, wenn man ein paar Konzessionen an den oft herrschenden Purismus macht. Das beginnt schon äußerlich damit, dass Garrett keine Lust auf Frack hat, sondern zwar in Schwarz, aber in halb offenen Schnürstiefeln, lässiger Baumwollhose und mit T-Shirt unterm Sakko auf der Bühne steht. Auf viel Reden verzichtet er diesmal. Zwar wird Paganinis Bravour-Kunststückchen, das wir als Melodie von „Mein Hut, der hat drei Ecken“ kennen, als Zugabe angesagt. Michael Jacksons „Smooth Criminal“ als freches Solofinale wird aber als bekannt vorausgesetzt.

Überhaupt ist Garrett sehr dezent, aber immer energetisch und bester Laune. In solcher lächelt er auch, wenn zwischen den einzelnen Konzertsätzen – wie in der Klassik eigentlich verpönt – über die Hälfte des Publikums klatscht. Aber genau das zeigt ja, dass man mit Frische und Coolness Zuschauer in ein Klassikkonzert ziehen kann, die hier bisher nicht zu sehen waren. Und so ist dieser scheinbar sanfte Klassikverführer einfach kriminell gut und auch wichtig für die Zukunft eines Genres, das zu ergrauen droht.    

Garrett kommt auf seiner „Explosive Live!“-Tour am 25. April, 20 Uhr, in die Olympiahalle

 

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