Lange bevor ihre kleine Marlene zur Welt kam, bemühte sich Heike Gerhard (34) schon um einen Krippenplatz. „Ein Albtraum“, sagt die Mutter. Und: „Was zum Teil angeboten wird, ist eine Frechheit“.

PASING - Heike Gerhard war früh dran. Sehr früh. Etwa zum gleichen Zeitpunkt, an dem sie ihrer Familie erzählte, dass sie ein Baby erwartete. Und noch bevor sie überhaupt wusste, ob es ein Bub oder ein Mädchen werden würde, machte sich die Redakteurin auf die Suche nach einem Betreuungsplatz für die Zeit nach der Elternzeit. Der Marathon begann bereits in der elften Schwangerschaftswoche.

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„Ich ließ uns bei insgesamt 14 städtischen Krippen in Pasing und Neuhausen listen“, erinnert sich die 34-Jährige. In der Folge bekam die angehende Mutter „Rückmeldescheine“ von den Krippen zugeschickt, die sie zu einem Stichtag einsenden sollte, falls dann noch immer Bedarf nach einem Platz herrsche. „Seltsamerweise war das nicht ein Schein pro Einrichtung, sondern es waren Scheine bis Januar 2015. Da kommt die Kleine schon fast in den Kindergarten,“ sagt Gerhard.

Ihr schwante Übles. Als Töchterlein Marlene im Februar auf die Welt kam, waren die junge Mutter und ihr Verlobter noch keinen Schritt weiter gekommen. Nun begann das Paar, die privaten Träger zu beackern, sagt Heike Gerhard: „Ich habe im Internet über eine Woche lang 53 Krippen angesehen, mir die Konzepte und die Preislisten angeschaut und eine Auswahl getroffen.“ Dann begannen die „Besichtigungen“. Das Fazit der Frau: „Was da zum Teil angeboten wird, ist eine Frechheit. Ich habe mir Krippen angesehen, die an vielbefahrenen Straßen lagen, in einem lieblos umgebauten Einfamilienhaus notdürftig untergebracht waren und kaum Grünfläche hatten. Dafür sollte man ein horrendes Geld zahlen.“

Heike Gerhard ist der festen Überzeugung: „Viele Eltern sind so verzweifelt, dass sie ihr Kind am Schluss in eine Einrichtung stecken, die sie eigentlich ätzend finden.“ Verlangt würden teilweise Fantasiepreise: „Einfach weil es sich die Betreiber auf dem knappen Markt leisten können.“ Erst vor wenigen Tagen bekam die junge Familie die Nachricht, dass für Marlene eventuell ein Platz bei einem privaten Träger frei würde. Sicher ist das noch nicht.

Aber wenn es klappt, dann zahlt Heike Gerhard knapp 600 Euro für die Krippe – und an drei Nachmittagen müssen die Großeltern jeweils drei Stunden einspringen. „Ohne die wäre das ganze Konstrukt nicht möglich.“ Das Fazit der 34-Jährigen: „Die Suche nach einem Krippenplatz ist ein Albtraum – ich hätte gerne erstmal mein Kind bekommen, ehe ich mich um die Betreuung kümmern muss.“

Die Pläne der Stadt: „4100 zusätzliche Plätze bis Ende 2013“

Wenn nächstes Jahr der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz kommt, will die Stadt für 70 Prozent der Ein- bis Dreijährigen einen Krippenplatz bereitstellen können. Momentan liegt der Versorgungsgrad für Null- bis Dreijährige bei 37 Prozent und der für Ein- bis Dreijährige bei 51 Prozent. „15277 Plätze existieren bislang, bis Ende 2013 sollen 4100 zusätzliche Plätze entstehen – durch Bauvorhaben von freien Trägern und der Stadt“, sagt Ursula Oberhuber, Sprecherin des Referats für Bildung und Sport.

Insgesamt sind im städtischen Mehrjahresinvestitionsprogramm von 2011 bis 2015 in der Investitionsliste der gesicherten Bauvorhaben rund 304 Millionen Euro für den Ausbau der Kinderbetreuung vorgesehen. Durch Eltern-Befragungen habe die Stadt einen Kitaplatz-Bedarf von etwa 70 Prozent ermittelt – der Wert, den sie jetzt erfüllen möchte. „Ob die geschaffenen Plätze dann tatsächlich ausreichen, wissen wir nicht“, sagt Oberhuber. Schließlich könne es eine Geburtenexplosion geben, oder das Eltern-Interesse ist doch höher als ermittelt. Fakt ist – und das schreibt die Stadt in einer Mitteilung:

„Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ist ein individuelles Recht, das unabhängig davon, ob durchschnittliche Versorgungsgrade erreicht werden, eingeklagt werden kann.“ Sollte es zu einer Klagewelle kommen, hat die Stadt noch keinen Plan B (etwa pauschale Zuschüsse für die Zusatzkosten einer Tagesmutter). „Da gibt es kein Patentrezept“, meint Oberhuber. „Aber wir tun, was wir können, wir bauen wie die Weltmeister.“

 

 

 

 

 

 

 

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