Opernfestspiele im Nationaltheater Jonas Kaufmann singt "Die schöne Müllerin" - die AZ-Kritik

Jonas Kaufmann und der Pianist Helmut Deutsch bei ihrem gemeinsamen Auftritt mit Franz Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“. Foto: Wilfried Hösl

Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch interpretieren Franz Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ im Nationaltheater

Wer Liederabende besucht, der weiß: Helmut Deutsch ist eine Institution. Trotzdem: Zuerst muss hier einmal der ausgezeichnete Pianist gelobt werden. Deutsch widersteht der Versuchung, Franz Schubert in einen wilden Expressionisten zu verwandeln. Wie kein zweiter versteht er es, Anweisungen wie „Mäßig“, „Ziemlich langsam“ oder „Ziemlich geschwind“ so klug und akribisch umzusetzen, ohne dass auch nur im Mindesten der Verdacht aufkäme, hier wäre etwas harmlos oder gar biedermeierlich komponiert.

Schon die Mühle im ersten Lied klappert fast bedrohlich. Aber das bleibt eine Andeuttung, eine innere Unruhe unterhalb der Oberfläche. Deutsch kultiviert bei Schubert eine kunstvoll kunstlose Natürlichkeit. Und darauf will auch Jonas Kaufmann hinaus. Er erzählt die „Schöne Müllerin“ nicht als zweite „Winterreise“. In seiner Deutung handelt der Liederzyklus von einer Gefährdung, die am Ende überwunden wird.

Zwei ausgezeichnete Kammermusiker

Deutsch und Kaufmann ergänzen sich ideal – wie nur noch Gerold Huber und Christian Gerhaher. Zwei Künstler, die im besten Sinn Kammermusik machen und aufeinander reagieren. Es ist das Gegenteil des bis heute nicht ausgestorbenen typischen Liederabends eines Opernsängers. Dass Kaufmann auch Wagner, Verdi und Puccini singt, daran erinnerte nichts.

Für Schuberts gute Stunde jugendfrischer Unmittelbarkeit in der „Schönen Müllerin“ ist Kaufmanns baritonaler Tenor einfach ideal. Die dunkle Grundierung der Stimme sorgt für Natürlichkeit, die hohe Lage für die eingetrübte Heiterkeit und den zartbitteren Ausdruck – etwa in der „Lieben Farbe“. Einer tiefen Männerstimme wären diese Regionen des Ausdrucks verschlossen.

Der nasale Beigeschmack der Stimme, auf dem die Kaufmann-Verächter herumreiten, verlor sich nach den ersten Liedern. Der Sänger widersteht der Versuchung, aufzutrumpfen oder beim „Bächlein meiner Liebe“ ein Piano manieriert hinzuhauchen. Es bleibt ein empfindsamer Augenblick des Müllerburschen. Und keine Stelle, an der ein Tenor seine Kunst virtuos darbietet.

Wirken Wespenstiche auf Tenöre gar belebend?

Kaufmanns Deutung wirkt in jedem Detail genau durchgearbeitet. Ohne Drücker, frei von Übertreibung. Er ordnet seine Kunst dem Werk unter. Strophenlieder tönt er mit Geschmack ab. Sein Ausdruck ist intim, aber man spürt bei der Vision des Frühlingsanfangs in den „Trockenen Blumen“ die außerordentliche Kraft dieses Sängers. Dass er rauere, harsche Töne vermeidet, ist kein Verlust.
Vor Beginn erzählte Kaufmann, dass ihn am Nachmittag eine Wespe in die Oberlippe gestochen habe. Vielleicht müsse er von der Bühne gehen, um die Wunde mit einem Eiswürfel zu kühlen. Nichts passierte. Offenbar wirken Insektenstiche auf Sänger belebend. Kaufmann hatte die Energie für vier Zugaben, darunter „Luisens Antwort“ und „Die Forelle“ – Stücke aus dem stimmungsmäßigen Umfeld der „Schönen Müllerin“. Riesenbeifall.    Robert Braunmüller

 

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