In Bellinis „I Capuleti e i Montecchi” singen Anna Netrebko und Vesselina Kasarova das Publikum an der Staatsoper in einen Himmel voll betörender Terzen. Und auch das Drumherum ist first class

Feinsinnige Musikfreunde verziehen leicht das Gesicht, wenn man ihnen gesteht, eine Aufführung mit der Netrebko zu besuchen. Viele halten die Russin für ein pures Marktphänomen. Aber wer so denkt, sollte einmal sehen, wie elegant und selbstverständlich sie in Vincent Boussards Inszenierung auf das Waschbecken hinaufsteigt, das Julias Balkon vertritt.

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Anna Netrebko ist nicht nur eine große Sängerin, sondern mehr: eine Sängerdarstellerin, die auch in Arienabenden mit ihren Rollen verschmilzt. Auf der Bühne des Nationaltheaters macht sie mit musikalischen Nuancen und Farben der Stimme glaubhaft, dass die Geliebte Romeos vor lauter Gram abgezehrt ist, auch wenn private Fotos der Sängerin das Gegenteil nahelegen. Das ist eine Charaktersierungskunst, die selten vorkommt.

Natürlich ist ihre immer schon dunkel timbrierte Stimme für „I Capuleti e i Montecchi” mittlerweile ein wenig zu reif. Auch die eine oder andere Koloratur gelingt nicht mehr so leicht wie früher.

Am Ende spendiert Anna einen vollendeten Knicks

Aber das gibt dieser meist von Zwitschermaschinen und Nur-Technikerinnen gesungenen Musik ein Surplus an Gefühl, der Vincenzo Bellinis elegischem Belcanto und den am Weltschmerz der Epoche erkrankten Figuren dieser Oper gut ansteht.

Auch die Partnerin war ideal: Vesselina Kasarovas Mezzo verfügt über den androgynen Touch für die Hosenrolle des Romeo. Es ist faszinierend, wenn sie bei ihrer Auftrittsarie als Friedensbote den kriegslüsternen Herrenchor mit brustigen Tönen zur Aufmerksamkeit zwingt. Wenn sich die dunklen Stimmen der Netrebko und der Kasarova im terzenseligen Liebesduett mischen, hofft man, dass dieser Genuss nie zu Ende geht. Es ist Opern-Erotik pur.

Auch das Drumherum passte bestens. Dimitri Pittas sang den Tebaldo mit einer etwas weißlichen Höhe, aber sicher und strahlend. Die restlichen Chargen waren mit den Bässen Paul Gay (Lorenzo) und Ante Jerkunia (Capellio) höchst nobel besetzt. Die Belcanto-Kultur auf der Bühne steckte auch die Solo-Klarinette, das Horn und die Flöte des Bayerischen Staatsorchesters an, das vom Premierendirigenten Yves Abel straff geführt und zugleich beweglich gehalten wurde. Am Ende natürlich Ovationen, für die sich die Netrebko mit einem vollendeten Knicks und graziösen Tanzschritten bedankte. Eine Primadonna weiß, was sich gehört.

Wieder am 16., 19., 23. und 26. Mai, Restkarten unter Tel.21 85 19 20. Die Aufführung am 19. Mai wird als Livestream kostenlos auf www.bayerische.staatsoper.de übertragen