Der Dackel „Waldi“ machte 1972 als erstes Olympia-Maskottchen bei den Spielen von München den Anfang. 40 Jahre später sollen die Hochglanz-Stahltropfen Wenlock und Mandeville die digitale Generation für Olympia begeistern.

London – Ach, waren das schöne Zeiten: Als die Maskottchen bei Olympischen Spielen noch „Waldi“ hießen, oder „Mischa“ und man sie in bald jedem Laden an der Ecke aus Plüsch oder gar als süße Nascherei am Kiosk kaufen konnte. Bei den Spielen von London sollen sogar die Maskottchen den Sprung ins digitale Zeitalter markieren: Wenlock und Mandeville sind keineswegs plüschige Zeitgenossen zum Knuddeln. Nein, sie sind einäugige Tropfen aus Stahl, mit Scheinwerfern und Kamera-Augen.

Die Olympia-Macher glauben, dass dies hilft, die junge Generation für die Olympia-Wettkämpfe begeistern können. „Die bisherigen Maskottchen sind einem sehr eindimensionalen Weg gefolgt und veraltet“, sagt der britische Designer Grant Hunter im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er hat Wenlock und Mandeville geschaffen. Die glänzenden Stahlhüllen von „Wenlock“ und „Mandeville“ sollen Persönlichkeit und Aussehen der Menschen reflektieren, denen sie begegnen. Auf ihrer offiziellen Webseite kann man die Farbe, Kleidung und Accessoires der Londoner Maskottchen individuell gestalten und auf Internetplattformen mit anderen teilen. Zehntausende Designs sind bereits online.

Die Olympia-Organisatoren erhoffen sich Einnahmen in Höhe von bis zu 15 Millionen Pfund aus dem Verkauf der Science-Fiction-Maskottchen. Wenlock ist nach dem Örtchen Much Wenlock benannt. Dort hatte Mitte des 19. Jahrhundert der Dorfarzt die Einwohner zu mehr Sport aufgefordert. Um sie zu motivieren, schuf er Wettkämpfe. Die Idee soll danach Griechenland erreicht haben und 1896 zu den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit geführt haben. Mandeville ist der Ort in England, wo 1948 die ersten Spiele für Behinderte, die heutigen Paralympics, stattfanden.

Als die Maskottchen ins Leben gerufen wurden, war von stählernen Zukunftsbildern noch nicht die Rede. Bei den Winterspielen 1968 in Grenoble wurde der kugelköpfige Skiläufer „Schuss“ Vorläufer der offiziellen Olympia-Maskottchen. Der bunte Dackel „Waldi“ markierte dann 1972 in München offiziell den Start. Er wurde bereits umfangreich vermarktet – als Sticker, Poster, Statuette, Anstecker und Plüschtier und sogar als Fruchtgummi zum Essen.

Üblicherweise ist das olympische Maskottchen eine heimische Tierart aus der Austragungsregion oder eine Figur, die das kulturelle Erbe widerspiegelt. Braunbär „Mischa“ erlangte bei den Sommerspielen 1980 in Moskau große Beliebtheit. Der kleine Bär spielte bei den Eröffnungs- und Schlussfeiern eine zentrale Rolle. „Mischa“ wurde sogar zum ersten Olympia-Maskottchen im Weltall. Olympia-Enthusiasten in Erinnerung geblieben ist auch der Symbolträger der Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles, der Weißkopfseeadler „Sam“. Er wurde in Zusammenarbeit mit Disney entworfen und stand symbolhaft auch für die Amerikanisierung Olympias. Der patriotische Dagobert-Duck-Verschnitt ist ein Paradebeispiel von Sportsmaskottchen Marke USA und musste international viel Spott einstecken.

Nicht immer schafften es die possierlichen Maskottchen zu großen Ruhm. „Izzy“ in Atlanta 1996 oder Athena und Phevos aus Athen 2004 floppten fürchterlich. Der kleine Wolf „Vucko“, der den Namen seiner Gastgeberstadt „Sarajewooohooho“ 1984 so unverwechselbar hinaus in die Welt heulte, bleibt ein Teil olympischer Geschichte.

Die futuristische Optik von Wenlock und Mandeville sorgte bei der ersten öffentlichen Vorstellung 2010 für gemischte Reaktionen in der britischen Öffentlichkeit. Noch ungewöhnlicher als die Namen der britischen Maskottchen, ist ihre Herkunft. „Ursprünglich waren sie zwei Stahltropfen, die beim Gießen des Stahlträgers für das Olympiastadion abfielen“, sagt Hunter. „Wir wollten die Vielfältigkeit von Großbritannien einfangen und haben mit der Idee des 'Melting Pot' („Schmelztiegels“) gespielt.“ Beide Maskottchen sind mit Scheinwerfern im Look der schwarzen Londoner Taxen ausgestattet und haben nur ein Auge, das gleichzeitig als Kameralinse funktioniert. Dadurch wird ihnen eine Ähnlichkeit mit dem grünen Zyklopen aus dem Film „Monster AG“ nachgesagt.

Wenlocks Kopf wurde dem olympischen Siegerpodest nachempfunden und ums Handgelenk trägt er fünf olympische Ringe als Freundschaftsarmbänder. Mandevilles aerodynamischer Kopf hat die Form eines Helmes und ist in den Farben Blau, Grün und Rot der Paralympics gehalten. Bevor es am 27. Juli losgeht, kann man die einäugigen Maskottchen schon jetzt auf den Internetplattformen Facebook und Twitter besuchen. Für über 12 000 Likes hat Wenlock auf Facebook bereits gesorgt und knapp 9000 Anhänger verfolgen seine Nachrichten auf Twitter.