Der menschliche Organismus setzt der Leistungsfähigkeit Grenzen. Darin sind sich die Fachleute einig. Die Frage ist nur, wann die Grenzen erreicht sind.
 

Er ist der schnellste Mann der Welt, rannte am Sonntag in London in 9,63 Sekunden zu Gold über die 100 Meter. Nur fünf Hundertstel fehlten dem jamaikanischen Sprinter Usain Bolt, dann hätte er auch seinen eigenen Weltrekord von 9,58 Sekunden gebrochen. Und heute tritt er erneut an, diesmal über 200 Meter. Die Bestmarke liegt bei 19,19 Sekunden – aufgestellt von ihm selbst vor drei Jahren in Berlin.

Die Jagd nach Rekorden gehört zu Olympia wie das Feuer. Doch bald könnte es damit zu Ende sein – der Mensch nähert sich mit Riesenschritten der Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Davon ist der französische Sportwissenschaftler Jean-Jacques Toussaint überzeugt. Er hat ausgerechnet, dass Spitzenathleten schon in weniger als einer Generation, also etwa 20 Jahren, die physiologischen Grenzen des Menschen erreicht haben könnten. Und die Rekord-Entwicklung scheint ihm Recht zu geben. In den meisten olympischen Disziplinen liegen nur Hundertstelsekunden zwischen den Weltrekorden, und es dauert Jahre, bis sie gebrochen werden. Heißt: Die Höchstleistungen nähern sich der Grenze der Leistungsfähigkeit immer mehr an. Beispiel 100-Meter-Lauf: Die „magische“ Grenze von 10 Sekunden wurde erst 1968 geknackt.

Fast 15 Jahre hielt die 9,95-Bestmarke von Jim Hines. Und wurde seitdem erst um 37 Hundertstel verbessert – durch Bolt. Die wenig aufregenden Aussichten in Prognosen: Für den 100-Meter-Lauf und das 50-Meter Freistil-Schwimmen der Männer könnte die Grenze der Rekorde schon im Jahr 2019 erreicht sein, so Toussaint vom Institut für biomedizinische Forschung und Sportepidemiologie in Paris. In anderen Disziplinen gebe es dagegen noch etwas länger Zeit für Steigerungen. So soll die Leistungsgrenze beim Marathon erst um 2080 fallen, beim 1500 Meter Eisschnelllauf der Frauen erst 2099.

Toussaint prognostiziert: In den nächsten zwei Jahrzehnten werde sich die Hälfte aller Weltrekorde nur noch um maximal 0,05 Prozent steigern lassen. Das gelte sowohl für Ausdauerleistungen als auch für Sprint und andere Kurzzeitbelastungen. Auch Willi Widenmayer, Teamarzt der deutschen Herren-Hockey Nationalmannschaft, sagt: „Jedes biologische System hat seine Grenzen.“ Aber: Um neue Weltrekorde müsse man nicht bangen. „Dass es in absehbarer Zeit keine Weltrekorde mehr geben wird, glaube ich nicht.“

Allerdings gebe es die Gefahr, dass das sowieso schon große Sportler-Herz durch immer mehr Belastung noch größer wird. „Irgendwann kann es dann nicht mehr richtig arbeiten, die Herzmuskeln kontrahieren sich nicht mehr ausreichend – die Leistungsfähigkeit erreicht ihre Grenzen“, sagt Widenmayer. „Doch das letzte Jahrhundert hat auch gezeigt, dass die Menschen größer und kräftiger werden und so immer mehr leisten können.“