Oktoberfest 2012 Wo kommen die Lederhosen her?

Zur Wiesn-Zeit trägt wieder (fast) jeder Tracht. Welche Lederhose haben denn die Promis an? Foto: dpa

Tradition liegt im Trend – und die genaue Herkunft der Tracht oft im Dunkeln: Viel wird in Indien, Pakistan oder Sri Lanka gefertigt – eine Warenkunde für Wiesngänger.

München - Wenn in drei Tagen Touristen wie Traditionalisten auf die Wiesn strömen, ist ihnen eins gemein: Sie tragen Tracht. Die Chiemgauerin, die ihr Dirndl ausführt, die japanische Touristin, die sich am Hauptbahnhof eingekleidet hat, der Neuseeländer im Wildbock, „very traditional“. Wie aber kommt die Industrie bei dieser Nachfrage hinterher? Was sind das für Lederhosen, die mit Hemd und Schuhen für 200 Euro an den Mann gebracht werden?

Tracht aus Indien, Pakistan oder Skri Lanka

Uwe Vogt weiß es, immerhin ist er seit 30 Jahren im Geschäft. Verkaufsleiter bei Meindl in Kirchanschöring. „Diese Trachten kommen entweder aus Indien, Pakistan und Sri Lanka“, sagt Vogt. „Der Massenmarkt für Tracht ist groß geworden, in diesem Billigsegment spielen wahnsinnig viele Geschäfte mit.“ Meindl, als Schuhgeschäft erstmals 1683 urkundlich erwähnt, produziert seit 80 Jahren hochwertige Lederhosen. Noch heute ist die Firma in Familienhand, für Schuhe und Trachten beschäftigt sie 350 Leute – damit sind sie in Westeuropa der größte Produzent im Ledersegment.

Ab 400 Euro ist eine schlichte, kurze Meindl-Hose zu haben, bis zu 2500 Euro kann der Kunde für eine aufwändig bestickte Hirschlederne ausgeben. „Wir machen uns Gedanken über Geschichte und über moderne Schnitte“, sagt Vogt. „So billig produzieren könnten wir gar nicht. Jede Hose, die hier seit Juni gefertigt wurde, ist schon verkauft.“ Wer glaubt, dass bei Meindl deswegen auch die Tiere, die zu Hosen verarbeitet werden, auf bayerischen Almen grasten, liegt falsch.

Billige Trachten sind manchmal vom Schwein

Die Ziegen, die hochwertiges Leder liefern stammen meist aus Indien und Pakistan, „in Europa bekommt man keine“, sagt Vogt. Aber auch in Pakistan erleben sie Winter und Sommer, was das Leder genarbter macht. Hirschenleder kommt aus Neuseeland und Kanada, aber auch aus Österreich, Ungarn und Bayern. „Ein Hirsch, der im Gehege inNeuseeland aufgewachsen ist, hat ein ebeneres Leder als die, die durch bayerische Laubwälder getrabt sind – das ist dann eher der urige Look“, sagt Vogt.

Ganz billige Trachten sind oft aus afrikanischer Ziege, die mangels Jahreszeiten einunspektakuläres Leder liefert, andere gar vom Schwein. Der „Wildbock“, eineomnipräsente Lederbeschreibung, ist nichts anderes als Ziege oder Springbock. „Billigproduzenten verarbeiten gleich alles an Ort und Stelle“, sagt Vogt. „Manche sparen auch, weil es hierzulande einfach andere Auflagen gibt: Zum Beispiel kann man Abfälle Gott sei Dank nicht einfach irgendwo hin kippen.“

Nicht jeder kann sich die Lederhose für 500 Euro leisten

Das muss nicht immer heißen, dass die Tracht von Kinderhänden zusammengenäht wurde. Viele Produzenten in Fernost achten auf faire Arbeitsbedingungen. Zahlreiche namhafte Geschäfte haben günstigere, im Ausland produzierte Lederhosen im Angebot, sogar ein bayerischer Bundesligaverein ließ laut SZ-Magazin in Sri Lanka fertigen.

„Das muss man differenzierter sehen“, sagt auch Christl Wickerath, Modejournalistin für die „Textilwirtschaft“. „Die Leute dort sind auch froh, etwas zu tun zu haben, davon lebt auch eine Familie. Es ist nicht verwerflich, so eine Tracht zu kaufen“, sagt Wickerath. „Gerade die Leute, die nicht die bayerische Tradition leben, sondern sich für drei Tage Oktoberfest eine Lederhose zulegen, wollen nicht unbedingt 500 Euro ausgeben – die hat auch nicht jeder.“ Schüler, die von Nebenjobs leben, Touristen, die zum Oktoberfestbesuch anreisen – sie wollen den Look, keine Lederhose fürs Leben.

Für eine Maßgeschneiderte muss man mit 800-100 Euro rechnen

Auch bei den im Ausland produzierten Trachten gibt es große Unterschiede. Wichtig ist zum Beispiel, dass die chemischen Mittel zur Gerbung anständig ausgewaschen werden. „Wenn Sie eine neue Lederhose in der Hand haben und sie komisch riecht, sollten Sie die Finger davon lassen“, sagt Wickerath. Auch Sonja Ragaller, die den Online-Shop „Almliebe“ betreibt, kennt das Problem: „Wir bieten viel von jungen Trachtendesignern aus der Region an“, sagt sie. „Aber es ist nun mal so, dass die Textilproduktion schon seit Jahren aus Deutschland abgewandert ist. Hier sind zum Teil die nötigen Maschinen für Massenprodutkion nicht mehr vorhanden, ab einer gewissen Stückzahl ist das nicht mehr bezahlbar.“

Andrea Sieber hat lange zugeschaut, wie um sie herum im Tal die Trachtendiscounter aus dem Boden schossen. An ihrem „Lederhosen Wagner“, 1825 von Ur-Ur-Ur-Opa Karl Wagner eröffnet, ging das Geschäft mit den Touristen immer mehr vorbei. „Für eine schöne Hirschlederne, maßgeschneidert, muss man mit 800 bis 1000 Euro rechnen – aber eine schlichte Lederhose aus deutscher Fertigung gibt es auch schon ab 400 Euro, solche aus Tschechien auch ab 250 Euro“, sagt sie.

Vor fünf Jahren hat sie nachgezogen – und eine Lederhose für 179 Euro in ihr Sortiment aufgenommen, aus Pakistan. „Mei, ich persönlich find’, es gibt schönere, aber man muss ja auch ein bisschen mit der Zeit gehen“, sagt Sieber. „Es kann sich halt auch nicht jeder eine für 500 Euro leisten, und es ist doch nett, wenn auch die jungen Leute in Tracht unterwegs sind.“ Siebert ist zufrieden mit dem Umsatz: „Vielleicht verkaufen wir ein paar Hirschlederne weniger, dafür gehen Kindertrachten gerade sehr gut.“ Der bestverkaufte Artikel im Laden – das ist jetzt die Lederhose aus Pakistan.

 

JETZT LESEN

1 Kommentar