Der stellvertretende AZ-Chefredakteur Timo Lokoschat findet, dass das Oktoberfest ein nerviges Massenbesäufnis ist und mit Volksfest nichts zu tun hat. Eine Polemik aus dem vergangenen Jahr.

München ist die schönste Stadt Deutschlands. Ab Samstag ändert sich das. Dann wird sie für viele Einheimische zu einem Ort, an dem sie eigentlich nicht sein möchten: bis zum weiß-blauen Himmel nach Urin, Erbrochenem, Schweiß und Schlimmerem stinkend, laut und so eng, dass selbst die abgebrühteste Legehenne rebellieren würde.  

Trotzdem sollen wir Münchner so tun, als sei das alles ganz wunderbar, im Wiesn-PR-Jargon formuliert eine "Riesen-Gaudi", "gemütlich", "griabig", "zünftig" und so weiter. Dazu muss man, ganz nüchtern, sagen: Nein, das ist es schon lange nicht mehr.

Kein Volksfest

Die Wiesn ist entgegen anderslautender, von einer gigantischen Lobby verbreiteten Gerüchte auch nicht das größte Volksfest der Welt. Sie ist überhaupt kein Volksfest.

Gut, versteht man unter "Volk" vor allem besoffene Neuseeländer und sich erbrechende Ebersberger (nix gegen den Ebersberger im nüchternen Zustand), dann vielleicht schon. Denkt man aber an den normalen Münchner, dann wirkt dieser Terminus ziemlich deplatziert.

Das geht schon bei den Preisen los. 10 Euro für einen Liter Bier, der - glaubt man dem Verein gegen betrügerisches Einschenken - in Wirklichkeit nur 800 Milliliter sind. Das ist, pardon, einfach maßlos. Von den Steckerlfischen für 28 Euro, den Mandeln für 6 und den Hendln für 12 gar nicht zu reden.

Zack zack, die sieben Australier warten schon!

Nicht reservierte Plätze gibt es sowieso kaum noch. Und wenn, dann muss man konsumieren, bis der Arzt kommt - oder eher die Bedienung, die einem auf, nun ja, unnachahmliche Weise klarmacht, dass man jetzt gefälligst eine dritte Maß oder ein zweites Hendl bestellt oder lieber die Fliege macht. Zack zack, die sieben Australier warten schon.

Höchstumsätze garantieren eben nur die Kampftrinker, die sich danach - oder zwischendurch - auf der "Kotzhügel" genannten Anhöhe in ihrer eigenen Göbelmasse suhlen. Wenn's gut läuft. Meistens werden nämlich Hausflure, Gehwege, U-Bahnen oder die Innenseiten von Taxifenstern bevorzugt, wenn es um die spontane Entleerung geht.

München ist Anfang Oktober verminter als der 38. Breitengrad. An jeder Ecke lassen sich die Kotz-Kaleidoskope bestaunen: mal mit Hendl-Allerlei, mal mit Mandelsplittern und immer öfter auch als reine Säure. Essen? Für Weicheier.

Es geht auch nicht nur um den Bereich rund um die Theresienwiese, inzwischen betrifft der Wahnsinn die ganze Stadt, reicht bis in Außenbezirke.

Gewalt statt Gemütlichkeit

Mit der Kriminalität will ich gar nicht anfangen, jeder kennt die Statistiken. Nur soviel: München bekommt während der Wiesn eine Verbrechensrate, die beinahe Kapstadt, Rio und Köln-Porz in den Schatten stellt.

Zuletzt gab es über 1000 Einsätze an den ersten acht Tagen, das sind 132 am Tag. Mein Mitleid gilt den Polizisten - den Grünen, die sich mit den Blauen herumplagen müssen.

"Mann drückt Zigarette an Wange von Mädchen aus", "Betrunkener schleudert Frau Maß an den Kopf", "17-Jähriger bedroht Ordner" - nur eine kleine Kostprobe aus dem Polizeibericht. Ein Prosit der Gewalt.

Gemütlichkeit? Wer den abendlichen Slalomlauf durch die wankenden Besuffskis wagt, die leeren, apathischen Blicke sieht, wähnt sich eher beim Dreh eines schlechten Low-Budget-Zombiefilms als auf einem Volksfest.

Abgeschottet in den Promi-Boxen

Von alldem bekommen die Promis, abgeschottet in ihren Boxen in den VIP-Zelten, natürlich nichts mit. Zugegeben: Da ist es tatsächlich gemütlich. Wenn man 500 und mehr Euro Trinkgeld zu geben imstande ist, sicher ein Erlebnis. Für Normalsterbliche unerreichbar.

Wobei: Will man wirklich riskieren, einen Abend neben dieser blonden Nervensäge - Sie wissen schon - verbringen zu müssen? Da ist einem ja fast der lallende Ire lieber.

Zu Gast auf Stern Hagelvoll

Normale Münchner können, wenn überhaupt, nur noch mittags auf die Wiesn gehen. Tolles Volksfest, bei dem sich Einheimische ab 14 Uhr vorkommen wie Außerirdische, zu Gast auf Stern Hagelvoll.

Zum Glück gibt's noch einige wirkliche Volksfeste. Die Auer Dult zum Beispiel. Das Magdalenenfest. Das Stadtgründungsfest. Oder das Haderner Dorffest. Sogar das kommerzielle "Family Fest" einer großen Supermarktkette, mit "Genuss-Arena" und Detlef D! Soost, ist inzwischen mehr Volksfest als diese Wiesn, die jedes Jahr wahnsinniger wird.

Umsiedeln nach Fürstenfeldbruck?

Abschaffen also? Vielleicht verkürzen. Eine Woche reicht doch. Oder umsiedeln. Nach Riem? Nach Langwied? Oder gleich nach Fürstenfeldbruck? Wem will man so ein Event zumuten? Andererseits: Gorleben hat damals auch niemand gefragt.