Ludwigsvorstadt
Oktoberfest 2012 Wiesn: Die schlimmste Zeit des Jahres!
Timo Lokoschat, 04.10.2012 13:29 UhrDer stellvertretende AZ-Lokalchef Timo Lokoschat findet, dass das Oktoberfest ein nerviges Massenbesäufnis ist und mit Volksfest rein gar nichts zu tun hat. Eine Polemik.
München - Noch 24 Stunden, dann ist der Wahnsinn vorbei. Endlich. Dann ist München wieder das, was es eigentlich ist: die schönste Stadt der Welt.
Derzeit ist es eher das Gegenteil: ein Ort, an dem man eigentlich nicht sein möchte. Bis zum weiß-blauen Himmel nach Urin, Erbrochenem, Schweiß und Schlimmerem stinkend, laut und so eng geworden, dass selbst die abgebrühteste Legehenne rebellieren würde.
Und trotzdem sollen wir Münchner so tun, als sei das alles ganz wunderbar, im Wiesn-PR-Jargon formuliert eine "Riesen-Gaudi", "gemütlich", "griabig", "zünftig" und so weiter. Dazu muss man, ganz nüchtern, sagen: Nein, das ist es schon lange nicht mehr.
Kein Volksfest
Die Wiesn ist entgegen anderslautender, von einer gigantischen Lobby verbreiteten Gerüchte auch nicht das größte Volksfest der Welt. Sie ist überhaupt kein Volksfest.
Gut, versteht man unter "Volk" vor allem besoffene Neuseeländer und erbrechende Ebersberger (nix gegen den Ebersberger an sich!), dann vielleicht schon. Denkt man aber an den normalen Münchner, dann wirkt dieser Terminus ziemlich deplatziert.
Das geht schon bei den Preisen los. 10 Euro für einen Liter Bier, der - glaubt man dem Verein gegen betrügerisches Einschenken - in Wirklichkeit nur 800 Milliliter sind. Das ist, pardon, einfach maßlos. Von den Steckerlfischen für 28 Euro, den Mandeln für 6 und den Hendln für 12 gar nicht zu reden.
Zack zack, die sieben Australier warten schon!
Nicht reservierte Plätze gibt es sowieso kaum noch. Und wenn, dann muss man konsumieren, bis der Arzt kommt - oder eher die Bedienung, die einem auf, nun ja, unnachahmliche Weise klarmacht, dass man jetzt gefälligst eine dritte Maß oder ein zweites Hendl bestellt oder lieber die Fliege macht. Zack zack, die sieben Australier warten schon.
Höchstumsätze garantieren eben nur die Kampftrinker, die sich danach - oder zwischendurch - auf der "Kotzhügel" genannten Anhöhe in ihrer eigenen Göbelmasse suhlen. Wenn's gut läuft. Meistens werden nämlich Hausflure, Gehwege, U-Bahnen oder die Innenseiten von Taxifenstern bevorzugt, wenn es um die spontane Entleerung geht.
München ist Anfang Oktober verminter als der 38. Breitengrad. An jeder Ecke lassen sich die Kotz-Kaleidoskope bestaunen: mal mit Hendl-Allerlei, mal mit Mandelsplittern und immer öfter auch als reine Säure. Essen? Für Weicheier.
Gewalt statt Gemütlichkeit
Mit der Kriminalität will ich gar nicht anfangen, jeder kennt die Statistiken. Nur soviel: München bekommt während der Wiesn eine Verbrechensrate, die beinahe Kapstadt, Rio und Köln-Porz in den Schatten stellt.
Über 1000 Einsätze an den ersten acht Tagen, das sind 132 am Tag. Mein Mitleid gilt den Polizisten - den Grünen, die sich mit den Blauen herumplagen müssen.
"Mann drückt Zigarette an Wange von Mädchen aus", "Italiener schleudert Frau Maß an den Kopf", "17-Jähriger bedroht Ordner" - nur eine kleine Kostprobe aus dem Polizeibericht. Ein Prosit der Gewalt.
Gemütlichkeit? Wer den abendlichen Slalomlauf durch die wankenden Besuffskis wagt, die leeren, apathischen Blicke sieht, wähnt sich eher beim Dreh eines schlechten Low-Budget-Zombiefilms als auf einem Volksfest.
Abgeschottet in den Promi-Boxen
Von alldem bekommen die Promis, abgeschottet in ihren Boxen in den VIP-Zelten, natürlich nichts mit. Zugegeben: Da ist es tatsächlich gemütlich. Wenn man 500 und mehr Euro Trinkgeld zu geben imstande ist, sicher ein Erlebnis. Für Normalsterbliche unerreichbar. Schade.
Wobei: Will man wirklich riskieren, einen Abend neben dieser blonden Nervensäge - Sie wissen schon - verbringen zu müssen? Da ist einem ja fast der lallende Ire lieber.
Zu Gast auf Stern Hagelvoll
Normale Münchner können, wenn überhaupt, nur noch mittags auf die Wiesn gehen. Tolles Volksfest, bei dem sich Einheimische ab 14 Uhr vorkommen wie Außerirdische, zu Gast auf Stern Hagelvoll.
Man darf gespannt sein, wann die letzten Originale von der Wiesn verschwinden. Traurig, wie wenige zum Beispiel noch ins Schichtl-Kabinett gehen. Aber nicht verwunderlich. Menschen, die seine subversiven Kalauer zu schätzen wissen, zieht die Intersuff immer seltener an.
Zum Glück gibt's noch einige wirkliche Volksfeste. Die Auer Dult zum Beispiel. Das Magdalenenfest. Oder das Sommerfest im Olympiapark. Sogar das kommerzielle "Family Fest" einer großen Supermarktkette, mit "Genuss-Arena" und Detlef D! Soost, ist inzwischen tausend Mal mehr Volksfest als diese Wiesn, die jedes Jahr wahnsinniger wird.
Umsiedeln nach Fürstenfeldbruck?
Abschaffen also? Vielleicht verkürzen. Eine Woche reicht doch. Oder umsiedeln. Nach Riem? Nach Langwied? Oder gleich nach Fürstenfeldbruck? Wem will man so ein Event zumuten? Andererseits: Gorleben hat damals auch niemand gefragt.
In diesem Sinne. Bald haben wir es überstanden.
Lesen Sie hier ein Plädoyer für die Wiesn von AZ-Chefredakteur Arno Makowsky



Wiesn
Ich habe selten so viel beim Lesen eines Artikels genickt. Volltreffer, lieber Herr Lokoschat!
wiesn
ich würde einfach diese massenreisen aus neuseeland japan australien usw. nicht mehr anbieten und schon hat sich der fall. aber wer will das schon der münchner säuft ja nicht genug sondern trinkt gemütlich seine mass und isst was dazu. auch hotels usw. und alle die noch daran verdienen werden jetzt aufschrein denn am münchner ist nix verdient . ja da muss man sich wohl entscheiden geld oder gemütlichkeit ich fürchte aber man wird sich fürs geld entscheiden und weiterhin massentourismus aus der ganzen welt fördern . leider schaut der einheimische dabei in die röhre und wenn er bissl a hirn hat geht a nimmer hin . schade um das schöne volksfest das es einst mal war . aber wir lassen uns ja gerne verarschen wie z.b. auch mit dem rauchverbot . wenn den politikern unsere gesundheit wichtig wäre - dann wäre die einzige konsequenz die herstellung von tabakwaren zu unterbinden alles andere ist verarsche und auch für den selben. da würde ja die zigarettenindustrie nix mehr verdienen oje oje . und so sehe ich das auch mit alkohol . aber so ist unsere gesellschaft heute leider und was noch schlimmer ist alle machen mit na dann prost schene gegend .
Kommentar
An den 'echten Münchner' in tausendster Generation unter mir: Ihre Aggressivität und Unsachlichkeit spricht Bände. Spricht da noch der Rest-Alkohol aus Ihnen? (um mal auf Ihrem Niveau zu argumentieren, tschuldigung). Man kann die Wiesn auch als Münchner scheiße finden, glauben Sie mir. Auch wenn man Bayern und München an sich liebt. Oder gerade deswegen!