Ohne verstorbenen Gründer Heinz Badewitz Hofer Filmtage: Die Gratwanderung gelingt

„Paula“: Paula Modersohn-Becker (Carla Juri) und Clara Rilke-Westhoff (Roxanne Duran) hauen auf den wilhelminischen Putz. Foto: Martin V. Menke

Zwischen Wehmut und Zuversicht: Die ersten Hofer Filmtage ohne den verstorbenen Gründer Heinz Badewitz.

In so etwas wurde meine Oma ermordet. Damit fahre ich nicht.“ Die französische Praktikantin Zazie lässt den Holocaust-Forscher Totila mit seinem Mercedes-Geländewagen vor dem Flughafen einfach stehen. Dieser Einstand macht den Wissenschaftler erst einmal stinksauer. Aber die Begegnung zwischen dem Täter-Enkel und der Opfer-Enkelin birgt noch mehr Zündstoff, wirft Fragen für beide auf und wirbelt ihre Existenz durcheinander.

Chris Kraus, der vor zehn Jahren mit „Vier Minuten“ den Durchbruch bei den Internationalen Hofer Filmtagen schaffte, eröffnete mit seiner Tragikomödie „Die Blumen von gestern“ die 50. Ausgabe des Festivals und beweist, dass die Gratwanderung zwischen Holocaust und Humor funktionieren kann, wenn man mit einer Mischung aus Respektlosigkeit und Respekt an das Thema geht. Wie sich Lars Eidinger und Adèle Haenel zoffen und lieben, das muss man sehen. Da kann schon mal ein Hund aus dem Autofenster fliegen.

Spagat zwischen Wehmut und Willen

Ein Hund ist auch Auslöser einer Familienkrise in Sebastian Sterns „Der Hund begraben“, absoluter Geheimtipp in Hof. Der Pater Familias hat seinen Job verloren, aber weder Frau noch Tochter hören ihm zu, kümmern sich lieber um das zugelaufene Tier, das bald unter die Autoräder kommt – der Auftakt zu absurden Verwicklungen. Eine rabenschwarze Komödie in bester englischer Tradition, bösartig und voller makabrem Witz.

Die 50. Internationalen Hofer Filmtage ohne ihren im März dieses Jahres verstorbenen Gründer und Chef Heinz Badewitz versuchten den Spagat zwischen Wehmut und Willen zum Badewitzschen Motto „The Show must go on“. Was nicht immer leicht fiel, denn ein „Hof ohne Heinz“ konnte sich eigentlich niemand vorstellen. Dass es dennoch klappte, lag am eingespielten Team und dem von den drei Kuratoren – Spio-Präsident Alfred Holighaus, Perspektive Deutsches Kino-Leiterin Linda Söffker und Thorsten Schaumann von Sky Deutschland – zusammengestellten Programm: ein guter Mix aus arrivierten Filmemachern und jungen Talenten.

Ob unbedingt ein Tatort wie Aelrun Goettes „Wofür es sich zu leben lohnt“ gezeigt werden muss – auch wenn neben Eva Mattes die herrlichen Fassbinder-Heroinen Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen mitspielen – darüber lässt sich streiten. Fernsehproduktionen zählten immer schon zum Programm, sollten vielleicht nicht zu sehr dominieren, obgleich mit Dominik Graf („Am Abend aller Tage“), Axel Ranisch („Familie Lotzmann auf den Barrikaden“) und Feo Aladag („Der Andere – Eine Familiengeschichte“) bekannte Namen dabei waren.

Hofer Filmtage vor Zäsur

Auffallend die Beschäftigung mit Künstlerpersönlichkeiten im Spiel- und Dokumentarfilm: Riesenapplaus heimste „Paula“ ein, die Geschichte der Künstlerin Paula Modersohn-Becker, eine moderne Frau Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich über alle Regeln der Konvention hinwegsetzte und selbst verwirklichte. Nach der Maxime „Mein Leben soll ein Fest sein“ verlässt sie die Enge der Künstlerkolonie Worpswede, sucht neue Impulse in Paris. Christian Schwochow entwirft das Porträt einer unglaublich kreativen, lebenshungrigen Frau, fand in Carla Juri eine überzeugende Interpretin.

Ebenfalls ein Künstlerporträt über einen der wichtigsten österreichischen Maler des 20. Jahrhunderts präsentierte Dieter Berner mit „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ zwischen den Anfängen in der Wiener Bohème und seinem frühen Tod 1918. Beeindruckend die von Zeitkolorit geprägten Bilder, die auch Einblick geben in die Psyche eines von der Arbeit Besessenen, eines avantgardistischen Geistes, der seine Zeitgenossen mit der provozierende Darstellung des weiblichen Körpers verstörte.

Beim diesjährigen Klassentreffen des deutschen Films kamen alle, von Werner Herzog über Wim Wenders bis hin zu Doris Dörrie und Caroline Link. Die Hofer Filmtage stehen vor einer Zäsur, gibt es einen sanften oder einen radikalen Wechsel? Herzog brachte es auf den Punkt: „Heinz kopieren geht nicht. Aber wir müssen jemanden finden, der so besonders ist. Hof muss das besondere Festival bleiben.“

Eine Änderung gab es schon diesmal: Die rustikale Bratwurstbude vor dem Central-Kino, traditioneller Treffpunkt für hungrige Promis und Normalos, bot erstmals auch „veganes Chili“ an. Sogar passionierte Fleischesser sollen zugegriffen haben.

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