Walchsee - „Bist deppert?“ Dem draufgängerischen Touristen wird unmissverständlich klargemacht, dass er kürzertreten sollte. Beziehungsweise kürzer fahren. „30 Minuten? Das hält kein Mensch aus“, erklärt die resolute Dame mit kernigem Tiroler Unterton. Eine halbe Stunde Wasserskifahren ist definitiv des Guten zu viel. Erst recht für einen Neuling. „Selbst Könner schaffen höchstens sieben, acht Minuten am Stück, danach sind sie platt“, sagt Renée Palm von der Wasserskischule in Walchsee am Walchsee.

Der See liegt zu Füßen des Kaisergebirges. Er bietet einen königlichen Ausblick auf die Gebirgskette des Zahmen Kaisers. Dahinter türmt sich der Wilde Kaiser auf. Kaiserwinkl nennt sich die Region. Der See ist mit knapp 100 Hektar Fläche vergleichsweise klein.

Etwas abschätzig könnte man ihn auch eine Pfütze nennen. Seit 2008 gibt es aber eine echte Strandpromenade, immerhin einige Hundert Meter lang. Und der Walchsee ist verkehrstechnisch gut und günstig erreichbar: mautfrei und direkt hinter der österreichischen Grenze.

Am Seil hochziehen oder gar dagegenstemmen? Verboten!

Unter Wassersportlern ist der kleine See mit seinen warmen Temperaturen eine feste Größe. Immerhin ist er der einzige See Tirols, in dem Wasserskilauf möglich ist. Und das schon seit Beginn des Touristenansturms auf die Alpen. Die Familie von Renée Palm leistete regelrecht Pionierarbeit. Mit einem Holzboot und einem Außenbordmotor experimentierte ihr Stiefvater herum, um Wasserskifahrer vom Fleck zu bekommen. So erhielt die Familie schon früh eine Lizenz für gewerbliche Schifffahrt mit Motorboot. Auf anderen Seen sind sie aus Naturschutzgründen verboten. Palms Großvater eröffnete gar eines der allerersten Strandbäder Österreichs ohne Geschlechtertrennung. Männlein und Weiblein durften hier schon zu (Ur-)Großvaters Zeiten gemeinsam ins Wasser gehen, freilich züchtig verhüllt.

Lange Klamotten tragen hier heute nur noch die Anfänger im Wasserskikurs. Neoprenanzüge federn Stürze ab. Damit die möglichst selten vorkommen, geht’s zur Trockenübung auf den Holzsteg. Lektion eins: Haltung einnehmen. Renée Palm erklärt, wie man sich beim Start aufrichtet und anschließend auf den Brettern stehen bleibt: „Zurücklehnen, mit dem Oarsch auf die Bretter setzen, Griff fest umklammern, Arme durchstrecken, Kopf nach oben und aufstehen.“ Am Seil hochziehen oder gar dagegenstemmen? Verboten. Sonst macht der Fahrer plumps. Vor allem nassforsche Alpinskifahrer, so Palm, überschätzen sich gerne. Und unterschätzen gleichzeitig die Kräfte beim Brettern auf dem Wasser. Dabei hat Wasserski so viel mit Alpinskifahren gemeinsam wie Curling mit Straßenfegen: Sieht ähnlich aus, ist aber völlig anders.

Vom Steg gleitet einer nach dem anderen ins 25 Grad warme Wasser. Für einen Alpensee sind die Temperaturen ganz beachtlich. „Beine anwinkeln, Seil zwischen die Bretter“, befiehlt Renée Palm, frühere mehrfache österreichische Wasserskimeisterin. Regungslos beobachtet von neugierigen Urlaubern, auf Holzbänken sitzend. Wasserskischulenschau ist eben mal was anderes als Entenfüttern. Von eigener Bewegung scheinen die Herrschaften nichts zu halten. Motto: Nicht hupen, Fahrer träumt von Schwarzwälder Kirschtorte. Oder: Aufs Wasser bringen mich keine zehn Pferde.

"Die Ente landete mitten im Gesicht des Sportlers"

Uns auch nicht. Aber 300. So viel PS hat Rudi unter der Haube. Rudi ist Motorbootfahrer. Den ganzen Sommer über - zumindest bei Kaiserwetter - macht er stundenlang nichts anderes, als Wasserskifahrer hinter sich her zu ziehen. Rudi startet den Motor. Im Stocherkahntempo befördert er das Boot vorwärts, bis das Seil straff gespannt ist. Und los geht’s - wisch und weg. Mit 40 Kilometer je Stunde düst die erste Kursteilnehmerin über das blaugrüne Wasser. Standfest. Richtung Badestrand am Ostufer. Sie kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Wasserskifahren scheint glücklich zu machen.

Die Geschwindigkeit, der laue Wind, das Heimatfilmpanorama - Wasserski in den Alpen ist ein echter Klassiker. Schon Filmstars in den fünfziger und sechziger Jahren, etwa Peter Alexander, ließen sich ins Schlepptau nehmen.

Doch Wasserskifahren macht nicht nur happy, sondern auch schlapp. Und zwar ziemlich schnell. „Drei, vier Minuten sind für Anfänger völlig ausreichend“, erklärt Rudi, während er mit Gebärdensprache die Haltung der Fahrerin korrigiert. Sie kommt heil und ohne Sturz ans Ziel. Die Zaungäste sitzen immer noch regungslos da. Die zweite Teilnehmerin schlägt sich bis zur ersten Wende ebenfalls recht wacker. Dann werden ihre Knie immer weicher und die Arme immer länger: In einer kleinen Welle kann sie sich nicht mehr auf den Brettern halten. Mit einem lauten Platsch geht sie vom Seil und in den See. Die Skier haben sich sofort vom Fuß gelöst. Dank Schwimmweste und der flexiblen Gummibindungen sind die Bretter im Wasser leicht wieder anzulegen.

Stürze im Walchsee sind eher eine Erfrischung denn ein Verletzungsmoment. Die einzige ernsthaftere Blessur in der Wasserskigeschichte am Walchsee kam denn auch durch eine schicksalhafte Begegnung zustande: Ein Stammgast brauste übers Wasser, sich einer Boje nähernd, auf der eine Ente saß. Die Ente wollte im letzten Moment fliehen, landete aber mitten im Gesicht des Sportlers. Der Mann trug ein blaues Auge davon. „Aber was für eines“, lacht Palm, „der ist nur noch mit Eishockeyhelm und Visier gefahren.“

Ansonsten verlaufen Unfälle eher glimpflich, Gestürzte landen meist sanft und weich. Was jedoch nicht unbedingt am weichen Wasser liegt. Diese Tatsache taugt eher für Wortspiele. Aber sie ist durchaus ein Argument für ein entspannendes Bad im Walchsee. Denn der pH-Wert von fast sieben lässt erahnen, dass der See ökologisch einigermaßen im Gleichgewicht ist. „Wir haben fast Trinkwasserqualität“, sagt Renée Palm.

Vroni, die gestürzte Kursteilnehmerin, kann’s bestätigen. Bei ihrem Sturz hatte sie etwas Wasser geschluckt. „Das schmeckt gar nicht schlecht“, versichert sie. Walchsee­wasser ist eben Kaiserwasser.