OB Dieter Reiter im AZ-Interview "Ich weiß, das ist keine leichte Zeit für die Münchner"

, aktualisiert am 14.05.2017 - 14:06 Uhr
Munteres Gespräch über die Zukunft der Stadt: Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) beim Besuch in der AZ-Redaktion (kleines Bild). Foto: dpa/az

Hochhäuser? Mag er. Seilbahnen? Findet er auch gut. In der AZ sagt OB Dieter Reiter (SPD), wie München bauen und wachsen soll – und wieso er dafür einen Zukunftsrat gründet.

München - Seit mittlerweile drei Jahren ist Dieter Reiter (SPD) Münchens Oberbürgermeister. Vor einigen Tagen konnte die AZ mit dem 58-Jährigen sprechen – auf dem Weg zum Interview steht er im Stau. Ist halt alles wahnsinnig voll in dieser Stadt.

AZ: Herr Reiter, Sie sind vor drei Jahren im Wahlkampf mit dem Slogan angetreten: "Damit München München bleibt". Jetzt soll die Stadt bis 2030 auf über 1,8 Millionen Einwohner wachsen. Kann München da überhaupt noch München bleiben?
DIETER REITER: Das ist genau die Herausforderung, die ich mit meinem Wahlkampf-Slogan aufgegriffen habe. Natürlich wird sich München dabei auch verändern. Deswegen müssen wir die Infrastruktur weiter ausbauen. Wir wachsen nicht nur durch Menschen, die hierher ziehen, sondern auch durch eine hohe Geburtenrate. Deshalb brauchen wir deutlich mehr bezahlbare Wohnungen, Schulen, Kitas und einen noch besseren Öffentlichen Nahverkehr. Wir versuchen, die Stadt aber so zu gestalten, dass alle immer noch das Gefühl haben: Das ist München.

Ein bisschen ungemütlich klingt das aber schon.
Trotzdem gewinnen wir einen Wettbewerb nach dem anderen. Kürzlich erst: Mercer-Studie 2017. Auf die Frage, wo für sie die Lebensqualität am höchsten ist, antwortete die Mehrheit der Befragten: In München.

"Es bleibt die beste Option, zusammen mit der Region zu wachsen"

Dann gibt’s also bald noch mehr Baustellen?
Ich weiß, dass das keine leichte Zeit für die Münchnerinnen und Münchner ist. Wir müssen den Öffentlichen Nahverkehr weiter stärken. Und wir brauchen Wohnungen, Schulen, Kitas. Also müssen wir bauen, und das ist ohne Baustellen leider nicht möglich.

Wie viele neue Wohnungen brauchen wir denn?
Im vergangenen Jahr sind wir um gut 20 000 Einwohner gewachsen. Das Planungsreferat hat ausgerechnet, dass wir im Schnitt da mindestens 8500 Wohnungen pro Jahr brauchen. Jetzt ist München aber Deutschlands Single-Hauptstadt – also brauchen wir wohl eher noch mehr.

Ist das überhaupt zu schaffen?
Wir können natürlich nicht für alle punktgenau Wohnungen zur Verfügung stellen. Da müssten wir bei den ohnehin schon sehr hochgesteckten Zielen noch eine Schippe drauflegen. Wir haben uns für dieses Jahr 8500 neue Wohnungen vorgenommen. Mehr geht aber auch beim besten Willen nicht. Da sind wir wieder bei den Baustellen. Man soll sich in der Stadt ja auch noch vernünftig bewegen können.

Eng wird es trotzdem.
Wenn es jetzt immer heißt, wir würden auf Teufel komm raus bauen. Was man da lesen muss, von wegen wir würden Parks zubauen: Das stimmt schlichtweg nicht. Wir werden keinen einzigen Park zubauen. Natürlich bebauen wir das ein oder andere Grundstück, das bisher brach lag. Aber wir wägen immer sehr gut ab, was vor Ort möglich ist, was nicht. Nachverdichten um jeden Preis gibt es mit mir nicht. Dennoch: Verantwortungsvolle Politik bedeutet für mich, das Erforderliche zu tun.

Sie bekommen beim Thema Wohnungsbau aber auch jetzt schon viel Gegenwind.
Die drei beliebtesten Viertel in München sind die drei am dichtesten bebauten: Maxvorstadt, Haidhausen, Schwabing. Wenn man danach geht, machen die Münchner die Wohn- und Aufenthaltsqualität offenbar nicht an der Dichte fest. Wir werden das Thema Nachverdichtung aber ohnehin nicht exzessiv betreiben, schon allein deshalb, weil das unser Wohnungsproblem nicht lösen wird.

Dann geht es also in Zukunft mehr in die Höhe?
Auch das ist in München eigentlich kein Thema. Wohnhochhäuser rechnen sich wirtschaftlich einfach nicht. Je höher, desto teurer. Da winken selbst potente Investoren ab. Wir werden Hongkong also sicher keine Konkurrenz machen. Und so bleibt die beste Option, zusammen mit der Region zu wachsen. Wir werden dieses München vom Gesamteindruck und vom Flair her jedenfalls ganz sicher nicht verändern.

Theoretisch könnte es aber schon in die Höhe gehen, oder? Der Bürgerentscheid, der die Höhenentwicklung auf Frauenkirchen-Niveau gedeckelt hat, ist jetzt schon einige Jahre alt.
Der Bürgerentscheid ist da gar nicht mehr so entscheidend. Ich hätte kein Problem mit Hochhäusern, wenn sich architektonisch was Schönes darstellen ließe. Es dürfte halt kein Solitär sein, der irgendwo einsam in der Gegend steht. Es müsste eher eine Hochhaus-Gruppierung in geeigneter Lage sein.

Na, bravo!
Das, was wir bislang in München sehen, ist zugegebenermaßen nicht besonders ausgefallen. Der Münchner kennt da ja eher nur den schlichten Hochhaus-Bau. Vielleicht kommt die allgemeine Abneigung gegen Hochhäuser auch daher. München ist sicher nicht Dubai, da wollen wir auch nicht hin.

Am neuen Hauptbahnhof soll es aber einen Turm geben. Wie finden Sie das?
Mir gefällt der. Wenn nicht dort, wo dann? Den Simulationen nach zu urteilen, die ich bisher gesehen habe, würde der Turm dort schon hinpassen. So ein richtiges Hochhaus ist das aber auch nicht. Wer ein bisschen in der Welt unterwegs ist, der weiß, was ein Hochhaus ist. In München gelten 60 Meter schon als hoch.

Finden Sie das ein bisschen provinziell?
Es passt zu München, dass wir uns seit Jahren an dieses Frauenkirchen-Edikt halten – einfach, weil es uns gefällt.

Ihnen auch?
Als ich noch Wirtschaftsreferent war, hatte ich mein Büro in der Herzog-Wilhelm-Straße. Wenn man auf der Dachterrasse im sechsten Stock stand, war man quasi auf der Höhe Münchens. Das hat ausländische Besucher immer fasziniert: "Low level", hieß es immer. Ich finde das aber nicht provinziell, es passt zu München. Deswegen kann man aber trotzdem auch das ein oder andere höhere Haus in den Fokus nehmen. Ich glaube zwar nicht, dass das allen gefallen wird. Aber das ist gerade in der Architektur sowieso schwer zu schaffen, wenn nicht gar unmöglich.

Sie haben gesagt, München kann die Wohnungsnot nur gemeinsam mit dem Umland lösen.
Deswegen versuche ich, intensiv mit dem Umland zu reden. Erst am Mittwoch haben wir uns in Ebersberg zur dritten regionalen Wohnungsbaukonferenz getroffen. Und wir sind uns einig, dass wir diese Herausforderung gemeinsam meistern müssen. Auch in der Region werden bezahlbare Wohnungen entstehen und die dazugehörige Infrastruktur. Wir sind hier in einem wirklich guten Dialog.

Wie stellen Sie sich das München 2030 vor?
Ich stelle mir das München der Zukunft als eine weiterhin lebenswerte, offene, lebendige Stadt mit einer starken Stadtgesellschaft vor. Und wir werden noch viel mehr mit dem Umland zusammenarbeiten, indem wir beispielsweise den Öffentlichen Nahverkehr, den Ausbau der Bildungsinfrastruktur besser aufeinander abstimmen – einfach eine gewisse Durchlässigkeit, eine gemeinsame Entwicklung mit dem Umland.

Also reicht München dann bald bis zum Starnberger See.
Das ist vielleicht ein bisschen weit, ich würde mich schon freuen, wenn die Jahrzehnte alten Ressentiments zwischen München und der Region endlich der Vergangenheit angehören würden. Die regionale Wohnungsbaukonferenz zeigt ja, dass es anders geht. Wir fragen gemeinsam: Was braucht denn der Raum München? Wie erhalten wir die hohe Lebensqualität? Es geht uns doch allen darum, dass unsere Kinder und Enkelkinder dieses München-Gefühl auch noch erleben dürfen. Niemand will in so einem Siedlungsbrei leben, in Hochhausschluchten ohne Grün – das wird es nicht geben.

Was wird es dann geben?
Ich glaube, dass das Thema Wohnungsbau noch etwas Innovation verträgt. Momentan suchen wir weiter fleißig Parkplätze, auf die man Wohnhäuser auf Stelzen stellen kann. Aber ich bin ja nicht der einzige Mensch auf der Welt, der Ideen hat. Ich will deshalb auch so eine Art Zukunftsrat etablieren. Ich will mich einfach zusätzlich mit ein paar Menschen unterhalten, die ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen können.

Wer nämlich?
Wir sind gerade dabei, das zu entwickeln. Es gibt Zukunftsforscher, die sich mit solchen Themen abstrakt beschäftigen, es gibt Oberbürgermeister anderer großer Städte, es gibt Experten aus der Wissenschaft – dazu natürlich auch die Münchner selbst. Mit diesen Menschen möchte ich mich unterhalten, ihre Ideen und Vorstellungen diskutieren. Die Häuser auf Stelzen haben es ja gezeigt: Anfangs klingt eine Idee vielleicht verrückt, aber es lohnt sich, Neues zu wagen. Die Gespräche, die man am Biertisch so führt, bringen auch mal sehr brauchbare Ideen hervor.

Ein ausgefeiltes Verkehrskonzept wäre auch nicht schlecht. Die U-Bahnen sind immer gesteckt voll.
Die sind oft voll, das stimmt. Aber so schnell geht der Ausbau der Infrastruktur leider nicht. Das liegt manchmal leider auch an den Klagen von Anwohnern. Wenn beispielsweise selbst gegen Kitas und Kinderlärm geklagt wird. Das sind Hindernisse, die kannten meine Vorgänger übrigens nicht. Hans-Jochen Vogel ist seinerzeit bei der Eröffnung jeder neuen U-Bahnstation umjubelt worden. Ich muss oft schon froh sein, wenn keine Tomaten fliegen.

Was wollen Sie dann tun?
Wir planen neue Linien: Die Verlängerung der U5 nach Pasing ist beschlossen, die U9 brauchen wir unbedingt als zusätzliche Innenstadtlinie. Wir werden prüfen, ob wir auch beim Takt noch was machen können. Alle zwei Minuten eine U-Bahn, da sind wir zwar an der Grenze des technisch Möglichen, aber ein bisschen was ist vielleicht doch noch drin. Und es gibt ja auch noch andere spannende Ideen.

Woran denken Sie da?
Nun, die Grünen haben ja auch mal eine Seilbahn ins Gespräch gebracht – das könnte ich mir an manchen Stellen schon auch vorstellen. Ich will da gar nichts ausschließen, schließlich haben wir in den nächsten Jahren eine Mammut-Aufgabe vor uns, nämlich einen Zuwachs zu managen, wie ihn keine andere Stadt in Deutschland hat.

Ein paar mehr Biergärten wären auch schön. Die sind bei gutem Wetter immer so voll.
Vielleicht baut Markus Söder (Bayerns CSU-Finanzminister, d. Red.) ja einen zweiten Chinesischen Turm. Obwohl, die Tram durch den Englischen Garten wäre mir lieber. Es gibt viele spannende Ideen. Da müssen wir in München nur ein klein wenig offener werden.

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