Alle fünf Minuten wird weltweit ein Christ ermordet - weil er Christ ist. Die Massaker der Terrormiliz Islamischer Staat sind nur die Spitze des Eisbergs. Trotzdem wird vor allem geschwiegen. Besonders in Deutschland ist das Thema ein Tabu.

N – der Buchstabe ist in roter Farbe an Hunderte Haustüren im irakischen Mossul geschrieben. N, das steht für Nasara, für Christ. Wer so ein Zeichen an seinem Grundstück findet, muss um sein Leben fürchten. Die Terrormiliz Islamischer Staat macht seit mehreren Monaten systematisch Jagd auf Andersgläubige. Treten die gefangenen Christen nicht zum Islam über, werden sie oft an Ort und Stelle getötet. Manche konvertieren voller Furcht – trotzdem wird ihnen Sekunden später der Kopf abgeschnitten.

Erst vor kurzem nahm die Weltöffentlichkeit überhaupt Notiz von dem Genozid. Und schon heute ist die Lage der Christen wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Es geht vielmehr um deutsche Waffenlieferungen, kurdische Offensiven, schiitische Ministerpräsidenten. Dass der Irak, eine Wiege der Religion, in wenigen Wochen nahezu „christenfrei“ sein könnte, dass sämtliche christlichen Heiligtümer womöglich in die Luft gesprengt sein werden, ist in den Hintergrund gerückt.

Dabei ist das, was derzeit im Irak und in Syrien passiert, kein einmaliges Phänomen. Im Gegenteil: Alle fünf Minuten wird laut OSZE weltweit ein Christ getötet, weil er Christ ist. Rund 100 Millionen in 50 Ländern werden Schätzungen zufolge verfolgt und diskriminiert. 9 von 10 Menschen, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit ermordet werden, sind Christen.

Dies passiert fast ausschließlich in muslimischen Ländern – von Afghanistan bis Somalia, vom Jemen bis nach Pakistan. Ein Faktum, das hierzulande aus falsch verstandener politischer Korrektheit nur ungern ausgesprochen wird.

Wo bleibt die Solidarität der friedlichen Muslime?

Warum eigentlich? Die meisten der hier friedlich lebenden Muslime haben mit den Gewaltorgien der Milizen garantiert nichts am Hut. Umso wichtiger wäre es, dass in diesen dramatischen Tagen ihre Gemeinden ein Zeichen setzen und gegen die Verfolgung von Gläubigen jedweder Konfession demonstrieren, sich glasklar vom barbarischen Treiben der IS distanzieren. In Deutschland müsste das ohne Probleme möglich sein.

Stattdessen geht es jedes Wochenende in Protestzügen vor allem gegen den „Kindermörder Israel“. Dass der Islamische Staat viel mehr Kinder und Familien auf dem Gewissen hat, wird ausgeblendet. Dass viele Opfer (schiitische) Muslime sind, ebenfalls.

Das ist kein Grund zur Überheblichkeit: Die Deutschen sind nicht weniger einäugig, echauffieren sich – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt – vorzugsweise über Russland, China, Israel und die USA. Für die verfolgten Glaubensbrüder interessieren sich nur wenige in einem Land, in dem immerhin fast 60 Prozent katholisch oder evangelisch sind und, weil’s so schön ist, noch mehr Menschen kirchlich heiraten möchten.

Christenverfolgung – für viele klingt das nach Geschichtsunterricht

Auch von deutschen Politikern hört man kaum etwas zu dem Tabuthema. Bis auf Volker Kauder und Franz Josef Jung scheint sich fast niemand im Bundestag ernsthaft mit dem Schicksal der bedrohten Gläubigen zu beschäftigen.

Die Einzigen, die tapfer in kleinen Häuflein in den Fußgängerzonen stehen und mit selbst gemalten Plakaten auf den sich vollziehenden Genozid hinweisen, sind die Jesiden, die wie die Christen von der Terrormiliz gejagt und ermordet werden. Dafür müssen sie sich nicht selten von islamistischen Extremisten schlagen und einschüchtern lassen (AZ berichtete).

Christenverfolgung – für viele klingt das wohl immer noch wie ein Vorgang, der in den Geschichtsunterricht gehört, sich vor 2000 Jahren abspielte.

Die Realität im Jahr 2014 nach Christus sieht anders aus: Im Sudan wird die 26-jährige Ärztin Meriam Ibrahim, die einen Christen geheiratet hat, zum Tode verurteilt, weil sie vom Glauben abgefallen sei. Angekettet bringt sie im Gefängnis ihr zweites Kind zur Welt. In einer dramatischen Aktion gelingt ihr die Ausreise – Papst Franziskus empfängt sie in Rom.

Auch in Afghanistan und im Iran steht auf den Übertritt vom Islam zum Christentum die Todesstrafe.

Auch auf den Malediven werden Christen gefoltert

In Teilen Nigerias und Somalias gilt es nicht einmal als Kavaliersdelikt, einen Christen zu erschlagen. Handelt es sich um einen konvertierten Muslim, ist es geradezu eine Pflicht.

In Saudi-Arabien forderte der Großmufti unlängst die Zerstörung aller christlichen Kirchen – Proteste aus dem Deutschen Bundestag gab es nur in Form einer einzelnen Erklärung eines Abgeordneten.

Auch das Urlaubsparadies Malediven nimmt bei der Christenverfolgung einen der Spitzenplätze ein. Während deutsche Urlauber die weißen Sandstrände genießen, werden im Hinterland Christen gefoltert und getötet. Hauptsache, das Essen im Hotel ist gut.

Alarmierend ist die Situation im kommunistischen Nordkorea: Die Regierung betrachtet das Christentum als Gefahr, besonders den Protestantismus, dem sie ein enges Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und Südkorea unterstellt.

Der bloße Besitz einer Bibel reicht für die Deportation in eines der berüchtigten „Umerziehungslager“, in dem nicht nur umerzogen, sondern vor allem umgebracht wird.

Diskriminierung in deutschen Asyleinrichtungen

Aber auch in befreundeten Nationen gelten Christen nicht immer als Menschen erster Klasse: In der Türkei gibt es seit Jahren immer wieder religiös motivierte Attentate auf türkische oder ausländische Christen. In Geschichtsbüchern werden sie als „Landesverräter“ beschrieben. Christliche Prozessionen sind verboten. Christliche Rundfunksender erhalten generell keine Lizenz. Priester dürfen nicht ausgebildet werden. Alte Kirchen verfallen, ihre Renovierung wird durch juristische Schikanen verhindert. Keine Frage: Die Situation in der Türkei ist vergleichsweise harmlos. Aber ist ein Staat mit solchen Verhältnissen tatsächlich EU-reif?

Und Deutschland? Sind wir das gelobte Land für christliche Flüchtlinge? Auch nicht. Jüngste, gemeinsame Recherchen von „Zeit“ und „report münchen“ enthüllen dies. Unter dem Titel „Der Feind im Wohnheim“ wird beschrieben, wie Christen in Asyleinrichtungen geschlagen, gequält und gemobbt werden – von Islamisten, die ebenfalls Asyl suchen. Bereits Kinder werden als „Kuffar“, als Ungläubige, beschimpft. Schon fordern erste Politiker eine getrennte Unterbringung nach Religionen – Ausdruck einer Kapitulation, weil damit die Verhältnisse aus dem Fluchtland nach Deutschland transportiert werden?

Fest steht: Betroffene klagen, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen, als banale „zwischenmenschliche Probleme“ abgetan werden.

Hinschauen und zuhören wäre das Gebot der Stunde.