Nach mehr als 32 Jahren gibt es Neues zur Bombe, die am 26. September 1980 am Wiesn-Haupteingang auf der Theresienwiese explodierte. Die Generalbundesanwalt geht bereits aktuellen Hinweisen nach: „Die Prüfung dauert an“.

 

München - Zwei Kinder. Ein kleines Mädchen, ein etwa gleichaltriger Junge, dahinter der Vater in voller Uniform, mit Schirmmütze und strengem Blick. Die Hände des Bundeswehr-Offiziers liegen auf den Schultern der Kleinen. Dieses alte Foto soll Johannes Kramer zeigen, den Mann, der die Bombe für das schlimmste, politisch motivierte Attentat der Nachkriegsgeschichte auf deutschem Boden gebaut haben soll: Die Bombe, die am 26. September 1980 am Wiesn-Haupteingang auf der Theresienwiese explodierte und das Oktoberfest zum bleibenden Trauma machte.

Kein Geringerer als sein eigener Sohn Andreas (49), Historiker aus Duisburg, behauptet das. In einer eidesstattlichen Erklärung, auch vor Gericht, unter Eid, hat er das ausgesagt. Was jetzt den Generalbundesanwalt auf den Plan ruft. Auf eine Landtags-Anfrage des Grünen-Abgeordneten Sepp Dürr erklärte sich die bayerische Justiz als nicht zuständig – und verwies an den Generalbundesanwalt.

Dieser erklärte dazu schriftlich: „Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof prüft seit geraumer Zeit intensiv, ob die förmliche Wiederaufnahme der Ermittlungen wegen des Anschlags auf dem Oktoberfest am 26. September 1980 in München geboten ist. Im Rahmen dieser Prüfung geht der Generalbundesanwalt fortwährend den von verschiedenen Seiten – teils auch öffentlich – vorgebrachten Spuren und Hinweisen nach. Die Prüfung des Generalbundesanwalts dauert an.“

Wenn die Hintergründe, die Andreas Kramer unter Eid ausgesagt hat, der Wahrheit entsprechen, war das Oktoberfest-Attentat mit 13 Toten, 200 Verletzten und zahllosen traumatisierten Familien nur der fürchterliche Teil einer ganzen, tödlichen Attentats-Serie quer durch Europa. Organisiert von der CIA, mit Beteiligung befreundeter Geheimdienste Europas, unter aktiver Mitwirkung des BND, in Koalition mit rechtsextremistischen Terroristen.

Das Schlüsselwort heißt „Gladio“, eine hochgeheime, paramilitärische Truppe der NATO, die zu Zeiten, als der Kalte Krieg für frostige Beziehungen zwischen Ost und West sorgte, für Sabotageakte und Guerillaaktionen vorgesehen war und bei der Wahl ihrer Partner vor Ort nicht zimperlich war. In fast einem Dutzend europäischer Staaten waren die sogenannten „Stay-behind“-Truppen stationiert.

Italiens Staatspräsident Giulio Andreotti musste das streng gehütete Geheimnis unter enormem Erklärungsdruck lüften. Jenseits der Alpen, wie inzwischen belegt ist, war das Zusammenspiel zwischen rechten politischen Kräften, Geheimdiensten und extremistischen Terrorgruppen besonders intensiv.

Im gerade laufenden Prozess gegen zwei ehemalige Elite-Beamte der Luxemburger Sicherheitsbehörden, die für rund 20 Bombenanschläge in den 80er Jahren verantwortlich gemacht werden, schwappt die unrühmliche „Gladio“-Vergangenheit wieder hoch.

Andreas Kramer behauptet, dass sein Vater Johannes, der Offizier bei der Bundeswehr war, aber mehr für den BND tätig gewesen sei, nicht nur in diesem Fall auf Anweisung hoher Geheimdienst-Stellen die Strippen zog. Den Zeugen-Aussagen des Sohnes zufolge, der sich auf die Schilderungen seines Vaters bezieht und auch eindeutige schriftliche Belege im Besitz haben will, hätte dieser auch seine Finger im Spiel gehabt, als eine Bombe den Bahnhof in Bologna (86 Tote, hunderte Verletzte) in Schutt und Trümmer legte.

Auch die Bombe, die wenige Wochen später auf der Wiesn explodierte, soll Johannes Kramer nach den Aussagen seines Sohnes zusammen mit anderen Geheimdienst-Mitarbeitern gebaut haben. Und, so Andreas Kramer, sein Vater habe auch den Kontakt zu Gundolf Köhler (21) hergestellt und aufrechterhalten.

Mehrmals habe sein Vater den Geologie-Stundenten, der stark in gewaltbereite, rechte Strukturen eingebettet war, aber offiziell noch immer als Alleintäter gilt, seines Wissens nach auch an seinem Wohnort in Donaueschingen besucht. Eine wahrhaft unheilvolle Allianz. Sofern die Aussagen Kramers zutreffen.