Neues Buch von Barbara Bronnens "Feldherrnhalle" - ein Resonanzraum der Geschichte

Die Münchner Feldherrnhalle im Sommer dieses Jahres: Beim „Klassik am Odeonsplatz“ erstrahlt sie in den Farben der französischen Flagge – eine Solidaritätsgeste nach dem Terror-Anschlag in Nizza. Foto: Marcus Schlaf

Barbara Bronnens bemerkenswertes Buch „Feldherrnhalle“ ist eine Mischung aus politischem Essay, Geschichtsschreibung und Autobiografie.

Wie man eine Stadt entziffert, hat die Schriftstellerin Barbara Bronnen noch von ihrer Großmutter gelernt, die sie in langen Spaziergängen in die Münchner Geschichte einführte. In „Feldherrnhalle“ nun nimmt Bronnen den Leser an die Hand und schleust ihn elegant durch fast zweihundert Jahre Münchner und deutscher Geschichte und breitet ganz nebenbei ihr eigenes Leben aus.

Ausgangspunkt dieser aufwändig recherchierten Betrachtungen ist die von König Ludwig I. in Auftrag gegebene Feldherrnhalle. Sie bietet Bronnen den Resonanzraum für ihre Ausführungen über Krieg und Frieden, deutschen Größenwahn, Rassismus, Revolte und politischen Widerstand.

„Sie wurde für mich zur Chiffre für ein altes wie ein neues Zeitalter und fesselte mich in ihrer Widersprüchlichkeit – ein Ort, der immer wieder überschrieben wird“, sinniert Bronnen. Bekanntlich wurde ja schon der königliche Auftraggeber aus dem Amt gefegt, er stolperte jedoch noch nicht über das Politische, sondern über seine private Verstrickung mit Lola Montez.

Das allerdings ist schon die harmloseste Episode in Bronnens Buch. Denn die Autorin ist ehrlich aufgewühlt über den Zustand unseres Landes und die Art der Diskussionen, die aktuell an der Feldherrnhalle geführt werden, wenn dort rechte Gruppierungen ihre Kundgebungen abhalten dürfen: „Heute sind die krausen Köpfe aufgeplatzt und setzen Vorurteile frei“, schreibt Bronnen. Und es erzürnt sie, dass die dem bayerischen Heere gewidmete Halle, der Ort des 1923 gescheiterten Hitlerputsches und besondere Platz für die spätere Nazipropaganda nun wieder der Schauplatz für den offen zur Schau getragenen Verlust von Menschlichkeit sein kann. Im Freilufttheater des Odeonsplatzes beobachtet sie das Gemisch aus Menschen aus allen möglichen Ländern und spürt die Stimmung auf, die nun den Flüchtlingen wieder entgegenschlägt. „Europa ist auf dem Vormarsch zurück in eine autoritäre Vergangenheit und versucht, seine ,kulturelle Reinheit’ zu bewahren. Zudem gehen Europa die Europäer verloren“, so Bronnen.

In ihrem Buch ziehen viele an der Feldherrnhalle vorbei, die die Autorin in kleinen Porträts beleuchtet: Hitler-Attentäter Georg Elser, die Schriftstellerin Ricarda Huch, Hannah Arendt, die Bronnen als Studentin an der Münchner Universität hörte, aber auch Bronnens Vater Arnolt, in jungen Jahren ein enger Freund von Bertolt Brecht, später ein Schriftsteller mit zu viel Nähe zum Nazi-Regime. Die Tochter selbst nennt sein Buch „Roßbach“ einen „peinlichen Blut- und Boden-Roman“.

Zwar springt Barbara Bronnen gelegentlich allzu verwegen durch die Jahrhunderte und vom Privaten ins Politische, ihr überaus anregendes Buch ist aber auch eine wahre Fundgrube von Zitaten. Erstaunlich etwa, wie aktuell Tucholskys 1923 verfasster Text für die „Weltbühne“ klingt, wenn er sich über die Menschen aufregt, die absolut nichts aus der Geschichte gelernt haben: „Dummstolz, ahnungslos, mit flatternden Idealen und einem in Landesfarben angestrichenen Brett vor dem Kopf.“

Barbara Bronnen stellt „Feldherrnhalle“ (Europa Verlag, 284 Seiten, 19.90 Euro) am Sonntag, 11. Dezember, um 17 Uhr im Münchener Literaturhaus am Salvatorplatz vor.

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