Neues Album "French Touch" AZ-Interview mit Carla Bruni: Mut und grenzenlose Verrücktheit

"Ich habe mir alles, was ich mache, selbst ausgesucht", sagt Carla Bruni und blickt zufrieden auf die knapp 50 Jahre ihres Lebens zurück. Foto: Universal

Carla Bruni über ihr neues Album, Donald Trump, ihren 50. Geburtstag und die Vorzüge der Monogamie.

Paris - Ein diskretes, von außen unscheinbares, doch innen sehr edles Hotels in einer Seitenstraße der Champs-Élysées. Carla Bruni, die am 23. Dezember 50 Jahre alt wird, empfängt hier, um über ihr neues Album "French Touch" zu sprechen.

Sie hat sich einiger Klassiker aus Pop und Rock angenommen und sie auf liebreizendee Weise neu interpretiert. Vor dem Gespräch war darum gebeten worden, dass man Carla Bruni, nicht zur Politik befragen möge.

AZ: Carla, "French Touch" ist ein sehr schönes Album. Man hat "Highway To Hell" von AC/DC zuvor wohl noch nie in einer annähernd so swingenden und erotischen Version gehört wie der Ihren.
CARLA BRUNI: Vielen, vielen Dank. Ja, das ist meine Jazz-Interpretation dieses Liedes.

Wie ist das Album entstanden?
Mein Produzent David Foster kam nach meinem Konzert in Los Angeles zu mir, 2013 war das, und er sagte mir, wie sehr er meine Stimme mag. Aber er meinte auch "Das ist immer so Französisch, willst Du nicht einmal was auf Englisch singen?" Dann schlug er vor, ein Cover-Album zu machen. Ich war richtig unwirsch und meinte: "Will ich nicht, ich bin eine Songwriterin". Naja, dann vertagten wir uns erstmal, er wollte sich später wieder melden.

Was er dann tat?
Ja. Er kam nach Paris, wir aßen zu Mittag und gingen dann zu mir. Dort hörten wir den ganzen restlichen Tag zusammen Musik. Gegen Abend hatte er mich rumgekriegt. Ich sagte: "Okay, gehen wir es an."

Hat sich ihr einstiger Liebhaber Mick Jagger gemeldet und einen Kommentar zu Ihrer Version von "Miss You" abgegeben?
Nein, nein. Hat er nicht. Ich habe all diese Songs auch nicht ausgewählt, weil ich eine persönliche Geschichte mit ihnen und ihren Komponisten oder Interpreten verbinde. Sondern weil ich sie so gern singe und spiele.

Depeche-Mode-Songs werden nur sehr selten gecovert, weil das sehr schwierig ist und Mut erfordert….
Oui, Mut und gedankenlose Verrücktheit. Was ja so ziemlich dasselbe ist.

Welche Charaktereigenschaft hat Sie denn bewogen, sich an "Enjoy The Silence" zu wagen?
Beide. Mut und Wahnsinn. Ich denke oft nicht viel nach über meine Entscheidungen, ich mache vieles aus dem Gefühl heraus. Denn wenn du alles erst durchdenkst abwägst, bist du nicht frei.

Freiheit? "Sehr wichtig"

Ist Ihnen die Freiheit das Wichtigste?
Sie ist sehr wichtig. Das Wichtigste? Nein. Aber das Leben ist so kurz, und dann sterben wir, und es ist vorbei. Wenn du dann immer diese Regeln aufstellst oder dich Regeln unterwirfst, tu dies nicht, mach jenes, lass das bloß sein – ach, warum denn? Weil die anderen Leute über dich reden, dich beurteilen könnten? Mir egal. Ich urteile grundsätzlich auch nicht über andere Menschen und schaue auf niemanden herab. Deshalb hoffe ich, dass es umgekehrt auch so ist. Jeder soll selbst entscheiden, wie er sein Leben lebt.

Sie haben Songs aus allen erdenklichen Epochen gecovert, manche aus dem Great American Songbook, dazu einige Jazzstandards und Rock-Nummern.
Stimmt. Hinter dem Album steckt keine Logik. Die einzige Gemeinsamkeit, der einzige rote Faden, ist: Die Lieder so zu interpretieren, als wären sie meine eigenen.

Ihr letztes Album hieß "Little French Songs", das neue hat den Titel "French Touch" Sehen Sie sich als kulturelle Botschafterin Frankreichs?
Nein, nein. Das heißt eigentlich nur, dass ich einen französischen Akzent habe. Wenn du amerikanische und englische Songs coverst, kriegst du den Akzent nicht raus. Ich arbeitete mit einer Sprachexpertin zusammen, damit der Akzent nicht zu stark wird.

Sie sind italienische und französische Staatsbürgerin. Haben Sie auch einen italienischen Akzent?
Seltsamerweise gar nicht. Wenn ich singe, klingt das immer leicht Französisch. Warum auch immer. Ich finde jedenfalls die Kombination echt cool. Ich bin dieses Mädchen aus dem Herzen Europas, aus Latein-Europa sozusagen, das englische und amerikanische Klassiker singt.

Also ist "French Touch" ein sehr internationales, die Welt vereinendes, Album?
Ja, so kann man das sehen. Das Album ist mein Beitrag zur Globalisierung. Sie haben auch "Stand By Your Man" aufgenommen. Sie waren immer ein Mensch, der wenig von Monogamie gehalten hat und dies auch öffentlich kundtat. Was ist los? Seit ich verheiratet bin, habe ich meine Meinung geändert.

"Habe alles über Bord geworfen"

Ehrlich?
Ja. Komplett. Habe alles über Bord geworfen und meine Ansichten in vielen Dingen komplett revidiert. Können Sie sich das vorstellen? Mit 40 Jahren!

Wie kam es dazu?
Ich hatte jemanden kennengelernt. Und plötzlich geriet alles ins Wanken, nichts war mehr so wie zuvor. Mit der Liebe ist es doch so: Du stellst dir vor, wie es sein wird, du denkst, ach, die Liebe, was wird die schon ändern. Und dann: Triffst du jemanden. Und hast die Liebe vor Augen. Da kommst du dann nicht mehr weit mit all deinen schönen Theorien. Denn auf einmal merkst du, dass die Realität nichts mit deinen Vorstellungen und Ansichten über die Liebe gemeinsam hat. Und so war es, als ich meinen Mann kennenlernte. Ich meine: Heiraten! War für mich nie in Frage gekommen. Und jetzt bin ich seit fast zehn Jahren eine Ehefrau.

Gefällt Nicolas das Lied?
Aber ja. Seine beiden Lieblingslieder von meinem Album aber sind "Enjoy The Silence", und, an erster Stelle, der Abba-Song. "The Winner Takes It All".

Warum das?
Weil er das Stück so romantisch findet. Es geht um die Liebe. Und es geht um Macht. Die Macht der Liebe und die Macht der Gefühle.

Eigentlich ist "The Winner Takes It All" ein bitteres Lied darüber, was mit einem Paar passiert, das sich trennt. Ein Song über Entfremdung.
Tja. Es ist, wie es ist. Das ist sein Lieblingslied. Immer, wenn wir Besuch haben, dann kommt er an und meint "Spiel’ das doch mal, spiel’ das doch mal."

Sie haben immer sehr introvertierte Platten aufgenommen. Ist "French Touch" ihr bislang lautestes Werk?
Ich habe mich ausgetobt. Da es ja sowieso nicht meine eigenen Songs sind, dachte ich, mache ich mit ihnen doch einfach, was ich will. Und auch mit meiner Stimme probiere ich viel aus. Ich würde sagen, "French Touch" ist mein erstes Album, auf dem ich wirklich singe.

Mögen Sie ihre Stimme heute lieber als vor zehn, fünfzehn Jahren?
Ich bin überzeugter von meiner Stimme als früher. Ich habe wirklich viel an meinem Gesang gearbeitet und gefeilt und die Stimme trainiert wie einen Muskel. Das Komponieren von Musik kannst du nicht lernen, das Singen aber schon. Und so fühle ich mich alles in allem viel sicherer und wohler auf der Bühne als früher.

"Angst ist nicht verschwunden"

Ist Ihre legendäre Bühnenangst verschwunden?
Nein, verschwunden ist die Angst nicht. Aber ich weiß heute besser, was ich kann. Früher musste ich gegen die Angst immer Bier trinken, bevor ich mich auf die Bühne traute.

Sie waren betrunken auf der Bühne?
Nein, nein, nicht betrunken. Nur ein Bier! Heute trinke ich lieber nach dem Konzert.

Sie werden bald 50. Freuen Sie sich darauf?
Ach, das ist einfach nur…total ärgerlich. Als Meilenstein kann ich das nicht ansehen, für mich gibt es da jetzt nichts zu bejubeln. Mir zeigt diese Zahl viel mehr, wie schnell das Leben vorbeigeht. Wir leben, wir sterben, es ist so unaufhaltsam. Wir müssen das den jungen Leuten sagen. Model, Sängerin, Mutter, Gattin des Präsidenten. Da ist einiges zusammen gekommen. Absolut. Ich hatte viel Glück im Leben. Sehr viel Spaß, sehr viele Möglichkeiten und immer die Wahl. Ich habe mir alles, was ich mache, selbst ausgesucht. Und ich muss nochmal auf die 50 zurückkommen: Die meisten von uns werden ja recht alt, was ein Segen ist. Ich habe letztens noch einmal Balzac gelesen, "Die Frau von 30 Jahren", die ist alt, wie eine Großmutter, fertig mit der Welt. Und das ist nicht einmal 200 Jahre her.

Sie haben immer gesagt, Sie seien eigentlich noch ein Kind?
Oh, ja, das ist auch richtig. Reife ist nichts für mich. Bei mir im Musikstudio sieht es aus wie im Zimmer einer 13-Jährigen. Mein Sohn lacht sich jedes Mal kaputt, wenn er reinkommt.

Würden Sie sich freuen, wenn Ihre Kinder später was Künstlerisches machen?
Aurélien will im Moment Paläontologe werden. Das ist jemand, der nach Fossilen gräbt und Dinosaurier entdeckt. Er hat sogar einen Youtube-Kanal, der sich ganz der Paläontologie verschrieben hat, mit 30 000 Abonnenten. Nicht schlecht, was? Wohlgemerkt: Niemand weiß, dass mein Sohn dahintersteckt. Also, der Junge liebt die Wissenschaft.

"Waren noch nie so glücklich"

Sind Sie erleichtert, nicht mehr Premiere Dame zu sein? Beziehungsweise, es nicht erneut geworden zu sein?
Sehr sogar. Ich möchte dieses Leben nicht zurückhaben. Auch für meinen Mann ist es gut. Wir beide waren noch nie so glücklich. Die Zeit im Élysée-Palast war schön und eine große Ehre. Aber ich bin froh, dass wir nicht wieder dort einziehen mussten. Mit dem Lebensabschnitt habe ich abgeschlossen.

Somit müssen Sie auch nicht Ihren speziellen Freund Donald Trump wiedertreffen. Der hat mal behauptet, eine Affäre mit ihnen gehabt zu haben.
Ich kenne ihn gar nicht. Das ist eine uralte Geschichte, ich kann gar nicht mehr rekonstruieren, wo die damals entstanden ist. Vielleicht hat er es selbst erzählt. Trump hat ja gerne diese Scherzanrufe gemacht, wo er sich als jemand anderes ausgab und dann bei der Presse anrief. Dann hat er irgendwelche Geschichten über Trump, also über sich selbst, erfunden. Ich bin ja nicht die einzige Frau, mit der er sich selbst eine Affäre angedichtet hat. Madonna, Kim Basinger und viele andere haben das auch erleben müssen.

In Frankreich scheinen die Populisten etwas auf dem Rückzug zu sein, Emmanuel Macron zum Präsidenten gewählt. Sind Sie, als europäische Weltbürgerin, alles in allem zuversichtlich?
Ich muss zugeben, dass ich mich für Politik nicht sehr interessiere. Ich interessiere mich nur für meinen Mann. Bevor ich Nicolas kennenlernte, war mir Politik komplett egal. Ich habe auch nie gewählt. Das sollte ich jetzt bestimmt nicht sagen, aber es ist halt die Wahrheit. Ich lebte immer in einer Blase, wie so viele Künstlerinnen und Künstler. Manche von uns sind sehr militant, aber ich war das nie. Und jetzt, da mein Mann raus ist aus der Politik, bin ich auch wieder raus.

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