In einer großen Studie hat die Stadt die Lebenssituation von homosexuellen Jugendlichen in München untersucht. Ernüchterndes Fazit: „Es bleibt noch viel zu tun”.

MÜNCHEN „Schwul” ist auf Schulhöfen ein verbreitetes Schimpfwort. Wenn der unbequeme Turnschuh „schwul” ist. Oder das trockene Pausenbrot so tituliert wird. Wie muss es sich für homosexuelle Jugendliche anfühlen, das tagtäglich mitzuerleben?

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Jetzt hat die Stadt eine Befragung zur Lebenssituation von schwulen, lesbischen und transgender Jugendlichen und Eltern in München durchgeführt. Wie verbreitet ist Homophobie an Schulen? Können junge Homosexuelle offen auftreten? 800 Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe aus München sind zu ihrer Einschätzung gefragt worden. Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd. Die wichtigsten Zahlen im Überblick:

Fast 90 Prozent der Fachkräfte, die zum Beispiel in Jugendzentren oder in Beratungsstellen an Schulen arbeiten, sehen „zusätzliche spezifische Belastungsfaktoren” für homo- und transsexuelle Jugendliche. Was damit gemeint ist? Die Angst vor Ausgrenzung. Der Druck, die eigene Sexualität verheimlichen zu müssen. Die Angst, Freunde zu verlieren. Oder tatsächlich homosexuellen-feindliche Erlebnisse.

Das alles müssen die betroffenen Jugendlichen verarbeiten – obwohl die Pubertät ohnehin eine Zeit der Unsicherheit und oft sorgenvollen Selbstfindung ist. Fünf bis zehn Prozent der Münchner Heranwachsenden, so wird geschätzt, sind lesbisch oder schwul.

90 Prozent der Fachkräfte attestieren den Schulen, dass dort ein „unfreundliches soziales Klima” für homosexuelle Jugendliche herrscht. Bei den Befragten aus der Schulsozialarbeit, die noch näher dran sind, teilen sogar 97 Prozent die Meinung.
Dass sich die jungen Leute bei Gleichaltrigen problemlos outen, halten die Fachleute daher für schwierig, wenn nicht unmöglich. Deshalb würde eine klare Mehrheit der Kräfte aus der Schulsozialarbeit ihnen auch nicht dazu raten.

82 Prozent der Befragten geben an, dass an Orten wie Schulen oder Jugend-Freizeitstätten homophobe Ereignisse verbreitet sind.

Und auch in den Familien, davon gehen 80 Prozent der Fachkräfte aus, wird die sexuelle Identität der jungen Leute nicht problemlos akzeptiert.

„Da bleibt noch viel zu tun!”, lautet das Fazit der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Doch eines hat die kommunale Studie, die für sich in Anspruch nimmt, die größte zu dieser Thematik im deutschsprachigen Raum zu sein, auch gezeigt: Den Mitarbeitern in der Kinder- und Jugendhilfe fehlt spezifisches Fachwissen, die Fachkräfte würden sich gerne fortbilden. Doch die Schulungen sind rar. „Wir müssen in dem Bereich deutlich nachlegen”, sagt Andreas Unterforsthuber von der Koordinierungsstelle.

OB Christian Ude sagte bei der Vorstellung der Studie: „Ich denke, dass dies eine notwendige Korrektur ist, zu der oberflächlichen Beobachtung: ,Das Thema ist doch längst erledigt’. Das ist nicht so.”

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