Neue Münchner Initiative fordert Weniger Psycho-Pillen in der Altenpflege

Die Fixierung von Heimbewohnern hat das Münchner Amtsgericht bereits drastisch reduzieren können. Jetzt haben die Richter dem Einsatz von Psychopharmaka den Kampf angesagt.

München - Psychopharmaka sollen heilen oder lindern, in vielen Heimen werden die Pillen aber auch oft benutzt, um Heimbewohner einfach ruhig zu stellen. Die Münchner Heimaufsicht spricht von einem „bedenklichen Umgang mit Psychopharmaka“. Zu schnell würden zu viele Psycho-Pillen verabreicht. Eine Initiative des Amtsgerichtes will dem entgegensteuern.

In München bekommen 51,28 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen Psychopharmaka mit beruhigender oder sedierender Wirkung oder Nebenwirkung verordnet. 51 Einrichtungen in München mit 6394 Bewohnern lieferten vor drei Jahren die Daten für diese Erhebung.

Laut Gesetz gehören stark sedierende Mittel aber ebenso wie die Fixierung zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen, die einer richterlichen Genehmigung bedürfen. Bisher gingen beim Amtsgericht – trotz der gängigen Psychopillen-Praxis – die dafür notwendigen Anträge aber nur in verschwindend geringer Zahl ein.

Die Probleme mit den Psychopharmaka hören beim Freiheitsentzug nicht auf. Viele Heimbewohner erhalten laut Heimaufsicht fünf bis zehn oder noch mehr Medikamente ohne dass überprüft wird, ob es Wechselwirkungen gibt.

Auch die Vergabezeiten der Medikamente werden von der Heimaufsicht durchaus problematisch gesehen. Denn 74 Prozent der tatsächlichen Bedarfsvergaben werden abends (8 Prozent) und nachts (66 Prozent) verabreicht – um gut durch die Nacht zu kommen.

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Die Münchner Heimaufsicht kritisiert, dass es an einer grundlegenden Strategie fehlt, die ärztliches, betreuerisches und pflegerisches Handeln in Einklang bringt. Da setzt die Initiative an. Im November 2013 wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die alle beteiligten Institutionen von der Ärzteschaft bis zu den Krankenkassen an einen Tisch bringt. „Sensibilisieren, transparent machen, helfen“, das seien die drei Ziele der Psychopharmaka-Initiative, erklärt der Leiter des Betreuungsgerichts, Rudolf Mayer.

Alle Beteiligten suchen nun nach Alternativen zu den Medikamenten

Im Genehmigungsverfahren werden dank der Münchner Initiative nun Gutachter explizit zu den verabreichten Medikamenten und ihrer Wirkung Stellung nehmen. Auch die Pfleger werden aufgefordert, über die verordnete Medikation Auskunft zu geben. Verfahrenspfleger mit beruflicher Pflegeerfahrung vertreten die Interessen des Betroffenen, suchen mit allen Beteiligten nach Alternativen zu den Psycho-Pillen.

Betreuungsrichterin Sylvia Silberzweig erzählt von einem Fall aus ihrer Praxis. Eine alte Frau, die zunehmend verwirrter wurde, sich auch nicht mehr selber versorgen konnte und schließlich in einem Heim untergebracht werden musste. Doch hier hörten die Probleme nicht auf. Die Frau war unruhig, wanderte nachts umher, sei aggressiv gewesen.

Im Gespräch mit Betreuern und Familie fand die Richterin eine Lösung. Die alte Frau war es gewöhnt, mit ihrem Hund lange Spaziergänge zu machen. Diesen Part übernahmen nun Verwandte. Das habe geholfen, sagt Silberzweig. Ganz ohne Psychopharmaka.

Die Richter hoffen auf einen Erfolg wie beim „Werdenfelser Weg“

Amtsgerichtspräsident Gerhard Zierl: „Ich bin zuversichtlich, dass die neue Initiative die Lebensqualität der Heimbewohner verbessern und das gegenseitige Vertrauen fördern wird. Die Freiheitsrechte des einzelnen zu achten und zu schützen und so lang wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen ist eine grundlegende Verpflichtung unserer Gesellschaft.“

Beim Thema Fixierung hat der Werdenfelser Weg bereits bewiesen, dass eine Gerichtsinitiative helfen kann, Missständen abzuhelfen. In München ist die Zahl der Fixierungen dank der Suche aller Beteiligten nach Alternativen drastisch von 12 Prozent im Jahr 2011 auf unter 5 Prozent im Jahr 2013 reduziert worden. Die Richter hoffen nun mit dem „Münchner Weg“ auf einen ähnlichen Effekt.

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