In seinem Roman „Herkunft“ hat Oskar Roehler sein Leben zwischen Provinz und Großstadt verarbeitet – und nun mit „Quellen des Lebens“ einen wilden, dreistündigen Film daraus gemacht

"Ich dachte, ihr wart stolz auf uns. Dabei habt ihr uns einfach vergessen!“ Erich Freytag kommt verwahrlost, zahnlos, mit Ruhr aus der Kriegsgefangenschaft. Draußen vor der Tür wartet er ab, bis er die Kraft hat, seine kommunistische Schwester aus dem Bett seiner Frau zu jagen. Und dann baut er wieder die Fabrik auf: Arbeiten, um zu vergessen und zu verschweigen, dass man immer noch Nazi ist, bis der 100 000. Gartenzwerg die Fabrik verlässt.

Jürgen Vogel spielt den Fabrikanten, Meret Becker die Gattin, die sich in die eheliche Pflicht-Liebe fügt, bis sie auf fast rührende Weise sogar innerlich funktioniert. Klaus (jung: Kostja Ullmann) verehrt seinen Vater, verlässt dann aber das Provinz-Wunderjahre-Milieu Richtung Radikal-Bohème-Berlin. Hier trifft, schwängert, heiratet Klaus (nun: Moritz Bleibtreu) – selbst schreibend – die drogensüchtige Schriftstellerin Gisela Ellers.

Oskar Roehler ist selbst dieser alternativ-verwahrloste Kuckucks-Sohn eines Kamikaze-Paars. Er hat seine Familiengeschichte im Roman „Herkunft“ schonungslos künstlerisch hingehauen – und jetzt daraus „Quellen des Lebens“ gemacht. Und der Film ist weit mehr geworden als eine individualisierte Geschichtsstunde von 1950 bis 1980.

Roehler legt sich gewagterweise auf keinen Stil fest, sondern findet frei – wie es zu den jeweiligen Szenen passt – zu Genre-Bildern: von hart-komischen Szenerien am deutschen Familientisch über Heimatabend-Grotesken der Gartenzwergfabriks-Betriebsfeiern bis hin zum heiligen Erste-Liebe-Kitsch einer Teenie-Romanze inklusive Schiebertanzen.

Und fast wie im richtigen Leben ekelt oder wundert man sich, lacht viel, muss schlucken oder sogar alles gleichzeitig. Dabei enthält sich Roehler – oft auch kühl stilisierend – einfachen Wertungen. Einzig die unberührbare Raben-Mutter (Lavinia Wilson) kommt konsequent tragisch gespenstisch vor und zerlegt die nie vorhandene Kleinfamilie endgültig in Elementarteilchen. Aber schon die neureichen Großeltern mütterlicherseits werden in ihrer klotzig-toten Protzvilla auch als Zufluchtsort des Enkels gezeigt.

Wer diesen nicht eine Minute langweiligen Film sieht, lernt zudem, wie die Öffnung der 60er auch das Bürgertum erfasste; wie es plötzlich nicht mehr spießig sein wollte, doch an seiner konservativ bleibenden Haltung scheitern musste. „Quellen des Lebens“ ist ein Panoptikum über die Quellen unserer bundesrepublikanischen Herkunft, dabei wild, manchmal trashig und persönlich.

Kino: City, Studio Isabella, Rio, R&B: Oskar Roehler (D, 175 Min.)