Spötter behaupten, der nachhaltigste Urlaub sei der in Balkonien. Doch man muss nicht zwingend zu Hause bleiben, um die Ferien umweltbewusst und sozial verträglich zu verbringen. Verreisen ja, aber richtig heißt die Devise. Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung fand heraus, dass 20 Prozent der Deutschen bei der Buchung auf korrekte Ferien achten. Tendenz steigend. Acht Prozent sind bereit, dafür mehr zu bezahlen. Der Begriff Nachhaltigkeit bezieht sich im Tourismus auf mehr als nur den Umweltschutz. Ebenso wichtig sind soziale Gerechtigkeit und ein der Kultur des Landes angepasstes Verhalten. Zudem sollten nicht nur große Konzerne, sondern auch die Menschen vor Ort profitieren. „Der Tourismus ist ein Feuer, mit dem man seine Suppe kochen, aber auch sein Haus abbrennen kann - dieses asiatische Sprichwort bringt die Sache auf den Punkt“, so Albrecht Steinecke, Professor am Institut für Angewandte Geografie und Tourismusforschung der Universität Paderborn, „in jedem Zielgebiet kommt es vor allem auf die richtige Dosierung des Tourismus an und auch auf den richtigen Umgang mit Besucherströmen.“ Die Sache ist zweischneidig: Ströme von Reisenden können Naturschönheiten zerstören - andererseits werden ursprüngliche Landschaften aber gerade deshalb erhalten, weil sie touristisch interessant sind. Albrecht Steinecke weist darauf hin, dass es weltweit mehr als 12 000 Schutz­gebiete gibt, „deren Erhalt ohne die Eintrittsgelder und sonstigen Ausgaben der zumeist ausländischen Besucher häufig nicht zu finanzieren wäre“.

Klimaschonend unterwegs
Wer mobil ist, belastet die Umwelt, weil dabei klimaschädliches Kohlenstoffdioxid (CO 2 ) entsteht. Je kürzer der Weg, desto weniger CO 2 . Immer mehr Menschen verzichten daher auf lange Flugzeiten. Statt Thailand oder der Karibik wählen sie ein Ziel im eigenen Land - schnell erreichbar, am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Deutsche Bahn AG hat diese Idee aufgegriffen und CO 2 -freie Reisen ins Angebot aufgenommen. Das Programm „Umwelt Plus“ war bisher jedoch nur für Geschäftsreisende buchbar. Ab April 2013 sollen auch Privatkunden auf vielen Strecken automatisch mit grünem Strom fahren (www.bahn.de/gruen). Kompensation ist eine andere Möglichkeit, sich nachhaltig fortzubewegen. Darunter versteht man den Versuch, beim Reisen entstandenes CO 2 wiedergutzumachen. Wer auf den Flug in fremde Länder nicht verzichten möchte, kann Geld an Agenturen wie Atmosfair (www.atmosfair.de), MyClimate (http://de.myclimate.org/de.html), GoCli­mate (www.goclimate.de) oder den kirch­lichen Kompensationsfonds Klima Kollekte (www.klima-kollekte.de) bezahlen. Die Agenturen finanzieren dann alternative Energieprojekte. Studiosus bietet bereits seit Juli 2007 seinen Gästen die Möglichkeit, die Emissionen ihres Urlaubsflugs durch eine freiwillige Spende an ein Klimaschutzprojekt der Studiosus Foundation (www.studiosus-foundation.org) zu kompensieren. 2012 wurde Studiosus dafür mit dem Sonntag Aktuell Touristikpreis ausgezeichnet.

Umweltfreundliche Hotels
Bettenburgen, versiegelte Landschaft, Zerstörung natürlicher Freiflächen - so sah touristische Erschließung zu Beginn des Massentourismus aus. Vor allem in ökologisch sensiblen Regionen wie den Alpen besinnt man sich derzeit eines Besseren. Auch hier gilt: Kein Hotel wäre besser als das umweltfreundlichste Haus. Doch auf Fremdenverkehr zu verzichten, würde vielen Dörfern die wirtschaftliche Grundlage entziehen. „Wenn es keinen Tourismus gäbe, wäre unsere alpine Landschaft zwar vielleicht noch schöner, aber auch sehr tot“, sagt Wolfgang Burgschwaiger. Der Chef des Hotels Übergossene Alm in Dienten am Hochkönig sagt daher Ja zum Fremdenverkehr, nimmt das Thema Nachhaltigkeit aber sehr ernst: Das Hotel wird von einem eigenen Hackschnitzelwerk mit Energie versorgt, sämtliche Lebens­mittel stammen aus der Umgebung. Zudem sollen sich nicht nur die Gäste, sondern auch die Mitarbeiter wohlfühlen. Burgschwaiger gewährt gute Arbeitsbedingungen und zahlt fair. Dreimal gewann er dafür den Preis Best for People, der sein Haus als einen der attraktivsten Arbeitgeber im österreichischen Tourismus auszeichnet (www.best-for-people.com, www.uebergossenealm.at). „Wir sind nachhaltig, aber nicht öko“, sagt Katja Leveringhaus von der mittelständischen Gruppe Explorer Hotels. Die Häuser in Oberstdorf, Gaschurn im Montafon und in Nesselwang (eröffnet im Juni 2013) fallen schon durch die grün gestrichenen Fassaden auf. Auch in den modernen Designhotels für aktive Urlauber steckt grünes Gedankengut. „Wir haben die ersten zertifizierten Passiv­hotels in Europa. Die Explorer Hotels verursachen 90 Prozent weniger CO 2 -Ausstoß als herkömmlich gebaute Hotels gleicher Größe und sind zu 100 Prozent emissionsneutral“, so Leveringhaus (www.explorer-hotels.com).

Nachhaltige Pauschalreisen
Die Kataloge großer Reiseveranstalter sind inzwischen voll von grünen Blättern, leuchtenden Sonnen oder blauen Fähnchen. Fast jeder Anbieter hat ein eigenes Symbol für nachhaltige Angebote. Die Verbraucher Initiative in Berlin findet diese Bemühungen zwar positiv. „Doch es ist nicht alles grün, was glänzt“, sagt Catrin Krueger. Die Referentin für Nachhaltigkeit wünscht sich lieber einige wenige, starke Siegel als eine verwirrende Vielfalt. Auf der Homepage Label online (www.label-online.de), die von der Verbraucher Initiative betrieben wird, kann man nachschauen, welche genau empfehlenswert sind. Denn manches Unternehmen macht nur ein wenig grünes Marketing. Andere hält Catrin Krueger jedoch für wirklich engagiert. Tui etwa kürt seit 1997 den konzerneigenen Umwelt Champion (www.tui-deutschland.de/td/de/umwelt/). Auch der Deutsche Reise-Verband (DRV) möchte das Bewusstsein für das Thema schärfen. „Daher präsentieren wir jedes Jahr vorbildliche touristische Nachhaltigkeitsprojekte“, sagt Andreas Müseler, Vorsitzender des DRV-Ausschusses Nachhaltigkeit. Seit 1987 vergibt der Verband die Eco-Trophea, einen Preis für umwelt- und sozialverträgliche Tourismusprojekte (www.drv.de). Im Forum anders reisen haben sich 150 kleine Reiseveranstalter zusammengeschlossen, die eine „Tourismusform anstreben, die langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften sein soll“. (www.forumandersreisen.de).

Unabhängige Portale
Ist Tourismus auch aus entwicklungspolitischer Sicht sinnvoll? Dieser und anderen Fragen geht der Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung in Basel nach (www.fairunterwegs.org). Der Verein Ecotrans ist ein europaweites Netzwerk von Experten und Organisationen, die sich für nachhaltigen Tourismus engagieren. Auch hier können Interessierte unabhängige Informationen finden (www.ecotrans.org). In der europäischen Internetdatenbank www.eco-tour.org werden umfassende Informationen über ökolo­gischen Tourismus und entsprechende Angebote (auf Englisch) gesammelt. Tourism Watch heißt eine Arbeitsstelle des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung in Berlin. Sie setzt sich unter anderem für Menschenrechte im Tourismus ein und hat eine Broschüre herausgegeben, in der verschiedene Nachhaltigkeitslabel verglichen werden. Download unter: www.tourism-watch.de/content/wegweiser-durch-den-labeldschungel-im-tourismus.

Empfehlenswerte Siegel
Orientierung bei der Auswahl nachhaltiger Urlaubsanbieter auf der ganzen Welt gibt zum Beispiel auch das Tourismus-Siegel der gemeinnützigen Gesellschaft Tour Cert. Seit 2009 vergibt sie ein Gütesiegel namens CSR. Die Abkürzung steht für Corporate Social Res­ponsibility und beschreibt die Verantwortung der Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dazu müssen die Unternehmen - über die gesetzlichen Vorgaben hinaus - soziale und ökologische Anforderungen in ihrem Kerngeschäft erfüllen (www.tourcert.org). Als ebenfalls empfehlenswert gilt Viabono. Die Dachmarke für umweltfreundlichen Tourismus in Deutschland wurde vor zehn Jahren auf Initiative des Bundesumwelt­ministeriums ins Leben gerufen und soll einen modernen nachhaltigen Tourismus hierzulande fördern. Viabono vergibt sein Nachhaltigkeitszertifikat an Restaurants, Hotels, Ferienwohnungen sowie Campingplätze (www.viabono.de).

Was jeder tun kann
Auch jeder Tourist kann selbst durch sein Verhalten ein klein wenig zum Schutz unserer Erde beitragen. Dazu gehört etwa die Faustregel „Alles zu seiner Zeit und am richtigen Ort“: Eislaufhallen am Persischen Golf und Golfplätze in wasserarmen Regionen gehören sicher nicht dazu. Wer für seinen Urlaub einen angemessenen Preis bezahlt, kann hoffen, dass auch die Mitarbeiter vor Ort fair entlohnt werden. Wer nachhaltig reisen möchte, fährt lieber nur einmal im Jahr weg, dafür aber länger. Spontane Kurztrips mögen einen tollen Ausgleich zum stressigen Joballtag darstellen, sind aber nicht besonders umweltfreundlich. Daher sollten Urlaubsdauer und Entfernung zum Reiseziel in einem vertretbaren Verhältnis zueinander stehen. Viele weitere Tipps gibt es im Internet unter www.oeko-fair.de.